Flughafen BER : Warum es wohl wieder nichts wird mit der Eröffnung

Der neue Berliner Flughafen wird wohl auch im nächsten Jahr nicht eröffnen. Hier beantworten wir die wichtigsten Fragen zu Hintergründen und Folgen.

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as Hauptterminal des neuen Hauptstadtflughafens BER in Schönefeld.
as Hauptterminal des neuen Hauptstadtflughafens BER in Schönefeld.Foto: dpa

Wieder Brandschutzprobleme, und wieder ein BER-Eröffnungstermin, der wohl nicht gehalten werden kann. Am unvollendeten neuen Berliner Flughafen läuft aktuell alles auf eine Verschiebung der Inbetriebnahme bis ins Jahr 2018 hinaus. Es wäre die fünfte Verschiebung seit 2010. Die bislang angepeilte Eröffnung Ende 2017 ist nach Tagesspiegel-Recherchen wohl nicht mehr zu halten, weil das Bauordnungsamt des Kreises Dahme- Spreewald im laufenden Baugenehmigungsverfahren vom der Flughafengesellschaft Nachforderungen verlangt. Auch sonst gibt es beim Milliardenprojekt der Länder Berlin-Brandenburg und das Bundes erneut Probleme. Für Freitag hat Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD), der Aufsichtsratsvorsitzende, auf Druck des Bundes zu einer Sondersitzung des Gremiums geladen. Eigentlich sollte es dort nur um den Regierungsflughafen gehen. Nun wird BER-Chef Karsten Mühlenfeld, die neuen Schwierigkeiten zu erklären haben.

Woher kommen plötzlich die Auflagen der Behörden?

Das ist normal bei einem Milliardenprojekt. Für den Umbau der komplizierten und komplexen Entrauchungsanlage, die in drei kleinere beherrschbare Anlagen umgebaut wird und für den Anschluss „vergessener“ dreihundert Räume an die Entrauchungssysteme, ist zwingend eine Baugenehmigung erforderlich. Das ist der fünfte Nachtrag zur alten BER-Genehmigung. Die erforderlichen letzten Unterlagen dafür wurden Ende Februar bei der Behörde eingereicht, deutlich verspätet. Es sind zehntausend Seiten, 50 Aktenordner. Nun fordert die Behörde Nachbesserungen.

Wie umfangreich sind die Forderungen?

Eigentlich ist es gar nicht so viel. Es geht um zusätzliche Nachweise und Zertifizierungen – die Behörde hält einen Teil der eingereichten Unterlagen nicht ausreichend für eine Genehmigung. Technikchef Jörg Marks rechnet damit, dass es Auflagen und dadurch ein „höheres Bausoll“ gibt. Ein Beispiel: Der Flughafen muss in Simulationen nachweisen, dass die Brandschutzanlage in allen erdenklichen Szenarien funktioniert. Diesen Nachweis hat der Flughafen nach Ansicht des Bauordnungsamts für 175 von 188 Szenarien erbracht. Gemessen am Zustand des BER vor der geplatzten Eröffnung 2012, als nichts funktionierte, ist das enorm. In dreizehn Brandszenarien allerdings hält die Behörde die Nachweise – ein Sachverständiger hatte sie testiert – für unzureichend und nicht genehmigungsfähig. Da sind Nacharbeiten nötig. Wie lange alles dauert, kann bislang niemand sagen. Einige Wochen werden es nach den Erfahrungen am BER mindestens sein.

Warum kann der Flughafen deswegen 2017 wohl nicht eröffnen?

Weil es schon vorher im mehrfach angepassten Terminplan für einen BER-Start 2017 im Grunde keine Reserven mehr gab. Die Dramatik besteht darin, dass nach diversen Rückschlägen und Verzögerungen wie der Imtech-Pleite oder längeren Planungszeiten vom 2014 beschlossenen Fahrplan bis zu einer Eröffnung im zweiten Halbjahr 2017 fast nichts mehr übrig ist. Um das Ziel zu schaffen, war vorgesehen, dass alle Bauarbeiten im Terminal jetzt, im März 2016, abgeschlossen sind. Nun hat der Umbau der Entrauchungsanlage noch nicht einmal begonnen. Erst im Dezember 2015 hatten Flughafenchef Karsten Mühlenfeld und der Aufsichtsrat die „bauliche Fertigstellung“ auf den 15. Juli 2016 verschoben. Auch dieser Termin war schon vor den neuen Genehmigungsproblemen um den Brandschutz nicht mehr zu halten, weil der Flughafen die Termine für das Einreichen des fünften Nachtrages verfehlte.

Wo das Projekt steht, hat Technikchef Jörg Marks vor wenigen Tagen auf einer Veranstaltung offengelegt. Seinen Worten zufolge war der Terminplan auf eine BER-Eröffnung zum 1. Juli 2017 kalkuliert. Mit den Rückständen sei man jetzt bei einer „erreichbaren“ Eröffnung im Oktober 2017, sagte Marks. Das ist der Zeitpunkt, an dem jährlich auf den Winterflugplan umgestellt wird. Zwar hatte der Aufsichtsrat den Zeitraum auf Jahresende erweitert. Ein Umzug von Tegel nach Schönefeld im November oder Dezember – eine zusätzliche Umstellung der Flugpläne – ist nicht sinnvoll.

Besteht trotzdem noch eine Chance, den angedachten Termin zu halten?

Das ist sehr unwahrscheinlich geworden, aber ganz auszuschließen ist es auch nicht. Es bleibt eine dramatische Aufgabe, diesen Flughafen fertigzustellen. Der Eröffnungstermin stand schon seit einigen Monaten auf der Kippe. Flughafen-Management und Aufsichtsrat hatten Ende 2015 daher ein Beschleunigungsprogramm auf den Weg gebracht und eine Sechs- Tage- Woche auf der BER-Baustelle eingeführt. Mit den verspätet eingereichten fünften Nachtrag wurde eine neue Verschiebung wahrscheinlicher. Jetzt stehen die Chancen, dass es noch etwas wird, vielleicht bei 20 bis 30 Prozent.

Sind die Behörden zu rigide?

Bislang gibt es dafür keinen Beleg. Nach dem verheerenden Brand auf dem Düsseldorfer Flughafen 1996, bei dem 17 Menschen starben, sind die Behörden nachvollziehbar streng. Im Fluggastterminal werden sich täglich 60 000 Menschen bewegen, jährlich 22 Millionen Passagiere abgefertigt. Da muss alles funktionieren. Die Verantwortlichen des Flughafens lobten bislang, wie kooperativ das Bauordnungsamt des Kreises arbeitet. Landrat Stephan Loge (SPD) sicherte nach Bekanntwerden der neuen Probleme auch eine „baubegleitende“ Arbeit seiner Behörde zu. Und Brandenburgs Bauministerin Kathrin Schneider (SPD) sagte am Mittwoch: „Ich denke, dass die Zeitplanung Ende 2017 nach wie vor machbar ist.“

Warum wird überhaupt so viel Zeit zwischen Bauende und dem Start des Flugbetriebes benötigt?

Ursprünglich waren dafür fünfzehn Monate vorgesehen. Das erscheint viel, hat aber Gründe. Nach dem Abschluss der reinen Bauarbeiten folgt nämlich zunächst die technische Inbetriebnahme, das Hochfahren aller Systeme. Funktionieren die Lüfter, Heizungen, Sprinkler- Frischluftanlagen, die Türen, die Alarmsysteme? Ein Beispiel: Der Nordpier neben dem Fluggastterminal gilt als einfachstes Gebäude auf dem BER-Areal. Er ist fertig und könnte jetzt sofort in Betrieb genommen werden. Die Bauarbeiten sind seit April 2015 abgeschlossen. Von der Fertigstellungsanzeige bis zur Freigabe durch die Behörden vergingen sechs Monate.

Im Fluggastterminal mit den komplexen Systemen wird die Abnahme noch schwieriger sein. Gegenüber den Behörden muss in Tests nachgewiesen und demonstriert werden, dass die Anlagen zur Entrauchung und Frischluftzufuhr im Brandfall – entsprechend den Computersimulationen – in Wirklichkeit funktionieren. Erst nach der Abnahme und Freigabe durch die Baubehörden kann der Probetrieb (Orat) mit tausenden Komparsen beginnen. Auch der dauert einige Monate.

Wie reagiert die Wirtschaft auf die sich anbahnende nächste Verschiebung?

In der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg hat man sich an die BER-Dauerbaustelle gewöhnt. Aus der Tourismusbranche gibt es bislang jedenfalls keine Reaktionen. Das verwundert auch nicht: Alle fliegen auch ohne BER auf Berlin. Der Flughafen Tegel, vor allem aber der alte Airport in Schönefeld melden regelmäßig neue Passagierrekorde. Erst in dieser Woche verkündete Flughafenchef Karsten Mühlenfeld, dass die Passagierzahlen an den Flughäfen Schönefeld und Tegel im Februar 2016 um 16,1 Prozent gestiegen sind: „Insgesamt starteten und landeten 2 205 795 Fluggäste. In Schönefeld wurden 791 858 Passagiere registriert ( plus 47,4 Prozent), in Tegel waren es 1 413 937 Fluggäste (plus 3,7 Prozent).“

Was bedeutet das politisch?

Dass man am neuen Berliner Flughafen fünf Jahre nach der gescheiterten Eröffnung 2012 womöglich immer noch nicht starten kann, wäre ein Politikum. Vor allem für Berlins Regierenden Michael Müller (SPD), der seit vorigem Jahr Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafengesellschaft ist, wäre das ein Problem. Das Debakel um den BER hatte den Rückzug seines Vorgängers Klaus Wowereit (SPD) aus dem Roten Rathaus beschleunigt. In Berlin hat der Wahlkampf für die Abgeordnetenhauswahl im Herbst begonnen.

Die Geduld in den Parlamenten Berlins, Brandenburgs und des Bundes ist am Ende. So forderte der Berliner CDU- Abgeordnete Stefan Evers, auch Obmann im Berliner Untersuchungsausschuss, dass in der für Freitag ohnehin anberaumten Sondersitzung des Aufsichtsrates zur drohenden Verschiebung des BER- Starts alle Fakten auf den Tisch kommen. „Es muss dann Klarheit herrschen, ob der Eröffnungstermin 2017 noch zu halten ist“, sagte Evers. Im Brandenburger Landtag wurde am Mittwoch nach Bekanntwerden der neuen Probleme für kommenden Montag eine Sondersitzung des BER-Sonderausschusses einberufen.

Wann müsste eine Absage der Eröffnung verkündet werden?

Spätestens im Oktober 2016. Flughafenchef Karsten Mühlenfeld hat – wie sein Vorgänger Hartmut Mehdorn – zugesagt, dass die Airlines und alle weiteren Nutzer ein Jahr vor Inbetriebnahme Klarheit haben. Eine öffentliche Absage der Eröffnung 2017 hätte Rückwirkungen auf den BER. Technikchef Marks warnt intern, dass die Baustelle „Druck im Kessel“ brauche, da sich die Firmen sonst wieder Zeit lassen würden. Die Folge: Zusätzliche Verspätungen. Und nicht nur das.

Der Flughafen,der inzwischen 6,6 Milliarden Euro kostet (2,5 Milliarden Euro waren beim Baubeginn 2006 kalkuliert), würde noch teuerer, wenn der Flughafen erst 2018 an den Start ginge. Jeder Monat kostet Geld – und zwar sechs und 17 Millionen Euro, wie es heißt. Jeder Monat später verschärft die Kapazitätsprobleme des neuen Flughafens, weil die Passagierzahlen steigen.

Eröffnet der BER womöglich nie?

Das können sich die Eigentümer Berlin, Brandenburg und der Bund nicht leisten.

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