• Flugroute über den Wannsee gekippt: „Die Wannseer verschließen die Augen vor der Gefahr“

Flugroute über den Wannsee gekippt : „Die Wannseer verschließen die Augen vor der Gefahr“

Über den Reaktor im Südwesten der Stadt streiten die Anwohner seit Jahrzehnten. Weil viele ihn gefährlich finden. Jetzt sind seinetwegen die Flugrouten über den Wannsee gekippt worden – und trotzdem ist die Freude verhalten.

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Einige findet es misslich, dass der Reaktor als Argument gegen Flugrouten herhält. Immerhin wird nun wieder über Sicherheit diskutiert.
Einige findet es misslich, dass der Reaktor als Argument gegen Flugrouten herhält. Immerhin wird nun wieder über Sicherheit...Foto: dpa

Aus dem geöffneten Dachfenster strömt neblig-trübe Winterluft ins Haus. Der Blick trifft auf kahle Bäume, die nichts vom vermeintlichen Katastrophenrisiko in zwei Kilometern Entfernung erahnen lassen. Das Risiko gefährde ihre Gesundheit und die ihrer Kinder, sagt Ines Breuer, die ihren richtigen Namen lieber nicht nennen will. Es ist der Forschungsreaktor des Helmholtz-Zentrums in Wannsee.

Ein Forschungsreaktor am Rande der Stadt, aber auch direkt neben einem Wohngebiet. „Die meisten Wannseer verschließen die Augen vor der Gefahr“, sagt Breuers Lebensgefährte. Und die Physiker würden immer nur beschwichtigend von einer „Neutronenquelle“ sprechen. Ines Breuers Mutter hatte früher ihren Nachbarn gefragt; der arbeitete im Helmholtz-Zentrum und antwortet auf besorgte Fragen immer nur: „Nein, ihr müsst euch keine Sorgen machen.“

Und nun kommt das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg und hebt alle Beschwichtigungsformeln aus den Angeln. Das Risiko eines Flugzeugabsturzes oder eines terroristischen Anschlags sei von den Flugroutenplanern nicht bewertet worden, deshalb sei die Flugroute über den Wannsee rechtswidrig. Ein Schlag ins Kontor der Deutschen Flugsicherung. Und am Wannsee knallen die Sektkorken, könnte man vermuten. Doch von Feierstimmung ist am Donnerstagmorgen wenig zu spüren.

BER-Untersuchungsausschuss auf Baustellen-Besuch
02.11.2012: Mit Gummistiefeln und Bauhelm konnten die Mitglieder des BER-Untersuchungsausschusses am Freitag die Baustelle des Hauptstadt-Flughafens besichtigen. Journalisten durften nicht mit, ein paar Bilder vom Rundgang gibt es dennoch - geschossen von der Piratenpartei.Weitere Bilder anzeigen
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02.11.2012 20:5702.11.2012: Mit Gummistiefeln und Bauhelm konnten die Mitglieder des BER-Untersuchungsausschusses am Freitag die Baustelle des...

Es ist eben schon seit Langem so, dass Flugzeuge direkt über den Reaktor fliegen. Nur nicht so viele wie in Zukunft geplant. Die aktuellen Flugrouten von Tegel und Schönefeld-Alt werden durch das Urteil nicht aufgehoben. Flugroutengegnerin Marela Bone-Winkel aus Nikolassee, die zu den Protestpionieren zählt, begrüßt den Richterspruch vor allem als strategischen Erfolg. Erstmals in Deutschland sei eine Flugroutenklage durchgekommen.

Das erste Protestplakat gegen die Flugrouten hängt an der Straße zum Helmholtz-Zentrum an einem Gartenzaun. Auf mehrmaliges Klingeln lugt ein grauhaariger Kopf aus dem Fenster und sagt: „In Wannsee sind alle froh darüber.“ Mehr müsse man dazu aber nicht sagen. In der Bäckerei sitzt Irmgard Wittenberg, 87, in einem Schlangenlederimitatmantel und trinkt ihren Morgenkaffee. Sie wohnt 300 Meter Luftlinie zum Reaktor und zählt auf, wer in der Nachbarschaft so alles an Krebs gestorben sei in den Jahrzehnten, die zurückliegen. „Die sollen den Reaktor sonstwohin stellen.“ Auch auf den neuen Flughafen und die zugehörigen Flugrouten könne sie gut verzichten.

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