Foto-Ausstellung im Aufbauhaus : Musterbeispiele: Roma-Mode in Berlin

Erika Varga entwirft für ihr Label „Romani Design“ bunte Mode, die Traditionen aufgreift. Fabienne Karmann aus Neukölln hat die Kleidung fotografiert – in den Häusern von Roma-Familien.

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Fotografin Fabienne Karmann
Fotografin Fabienne KarmannFoto: Mike Wolff

Fabienne Karmann deutet auf das Bild über ihr: „Das ist das Kleid, das ich gerade trage“, sagt sie und blickt an sich herunter, auf das weiße Seidenkleid und die auffällig gezackte, rot gemusterte Aufnaht an den Seiten. „So etwas Edles ziehe ich nur zu besonderen Anlässen an.“ Der Anlass ist die Fotoausstellung „My Identity My Freedom – Romanidesign“, die Karmann im „M1 Café“ am Moritzplatz in Kreuzberg zeigt. Die 32-Jährige aus Neukölln hat eine Mode-Kollektion der ungarischen Designerin Erika Varga fotografiert. Als Kulisse dienten ihr bei den Aufnahmen die Häuser ungarischer Roma-Familien.

Die Designerin Varga kombiniert traditionelle Roma-Stoffe und -Muster mit modernen Stoffen und Schnitten. Die Kollektionen sind auch über ihren Online-Shop erhältlich. Fabienne Karmann ist vor vier Jahren bei einem Aufenthalt in Budapest auf das Label gestoßen. Seither fotografiert sie die Kollektionen der Designerin, mal in den Straßen Budapests, mal auf Fashion-Shows, und auch auf den Straßen Neuköllns hat sie schon eine Modestrecke aufgenommen. „Die bunten Plakatwände dort haben so gut zu den Stoffen gepasst“, sagt Karmann.

Faszination für gewagte Kombinationen

Auf ähnliche Weise hat sie die Kulisse für die aktuelle Kollektion gewählt. Das Model, das auf dem Foto das Kleid von Fabienne Karmann trägt, steht in einem Wohnzimmer mit weißem Kachelboden und grell orange-rot gestrichenen Wänden. Im Zimmereck ein bunter Blumenstrauß, an den Wänden Bilder mit Landschaftsmotiven. Der Mut zur Farbe und zum Muster, die gewagten Kombinationen – das habe sie an der Roma-Mode fasziniert, sagt Karmann. In den Häusern, die sie besucht und in denen sie fotografiert hat, habe sie „dieses Zusammengewürfelte, Bunte wiedergefunden“.

Boglarka Fedorko zupft an Fabienne Karmanns Rock und deutet auf den gezackten roten Stoff. „Das nennen wir Drachenzahn“, sagt sie und erklärt: Das Kleid hat Taschen an den Seiten und folgt so dem Schnitt traditioneller Roma-Schürzen. Die 29-Jährige stammt aus einer Roma-Familie und arbeitet seit vier Jahren mit der Designerin Erika Varga in sozialen Projekten. In Budapest haben sich auch Fedorko und Karmann kennengelernt, inzwischen leben beide in Berlin.

Die Designerin vermittelt moderne Roma-Identität

Die Botschaft von Erika Vargas Mode sei, „dass die Roma-Kultur entgegen vieler Vorurteile durchaus mit der Geschwindigkeit der restlichen Welt Schritt hält“, sagt Fedorko. Und Erika Varga vermittelt moderne Roma-Identität nicht nur mit ihren Kollektionen. Ihr Designstudio ist auch Lernzentrum für benachteiligte Jugendliche, für arbeitslose Roma und Nicht-Roma. Langfristig möchte Varga ihr Engagement auch über die Grenzen Ungarns hinaus erweitern.

Als Fabienne Karmann 2010 für neun Monate Fotografie in Budapest studierte, stieß sie auf das damals neue Label Romani Design. Sie sei dann zum Studio gefahren, habe geklopft und gesagt: „Ich möchte gerne bei euch fotografieren.“ Varga hat Karmann zu ihrer Familie eingeladen. Karmann sagt: „Ich hatte damit gerechnet, in einer Hütte unter einer Wolldecke zu schlafen.“ Stattdessen erwartete sie „ein ganz normales Einfamilienhaus“.

Muster-Exzesse, inszeniert in passender Umgebung

Bei Vargas Verwandtschaft lernte Karmann das Leben der Roma-Familien kennen, die in der Mitte der ungarischen Gesellschaft lebten und gleichzeitig ihre Traditionen beibehielten. Nachhaltig beeindruckt hat sie die Wohnungseinrichtung: Die bunten Wände, wild gemusterte Decken, Kissen, Überwürfe, die Bilder an den Wänden. So entstand vergangenes Jahr die Idee, die Fotomodelle in den Häusern von Roma-Familien zu inszenieren. Dabei war es Karmann wichtig, einen Durchschnitt abzubilden, zwischen ärmeren und wohlhabenderen Familien, um kein stereotypes Bild zu prägen.

Inzwischen sei sie oft gefragt worden, ob an den Bildern etwas inszeniert sei. „Aber ich habe höchstens mal einen Tisch weggestellt. Ansonsten habe ich alles so gelassen, wie es war“, sagt Karmann. Das gilt auch für eines ihrer Lieblingsbilder: eine junge Frau, im edlen Kleid auf einer Küchenablage sitzend.

Allein das Kleid hat zwei verschiedene traditionelle Muster, ergänzt durch ein kariertes Küchentuch, eine Küchenschürze mit Rosen an der Wand und den altbackenen Aufdruck an den Türen eines Hängeschranks.

Die Freude an der gewagten Kombination hat auch bei der Fotografin sichtbare Spuren hinterlassen: Zum Schluss wechselt sie den schwarz-weiß gepunkteten Blazer, den sie zu ihren roten Drachenzähnen getragen hat, mit einer leichten Jacke im Leopardenprint. Gekonnt.

Die Ausstellung „My Identity My Freedom – Romanidesign“ von Fabienne Karmann ist bis 26. Februar zu sehen im „M1 Café“ im Aufbauhaus, Prinzenstr. 85, Kreuzberg. www.fabiennekarmann.de, www.romani.hu

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