Fraktur! Berlin-Bilder aus der Kaiserzeit : Uneheliche Kinder sterben früher

Unter dem "Industriekaiser" Wilhelm II. kommen die Kinder oft zu kurz: Die Säuglingssterblichkeit ist hoch. Die Kaiserin wirbt fürs Stillen und verbesserte Kinderpflege.

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Das Behandlungszimmer für Säuglinge im Charlottenburger Pestalozzi-Fröbel-Haus: Zu sehen sind Mütter mit ihren Babys und medizinisches Personal.
Moderne Kinderpflege: Die Fürsorgestelle im Charlottenburger Pestalozzi-Froebel-Haus hilft Müttern bei der Versorgung ihrer Babys....Foto: Berliner Leben

Es gibt im Kaiserreich drängendere soziale Fragen als das Kindeswohl – allemal in der Industriemetropole Berlin, wo die Erwachsenen genug damit zu tun haben, für sich selbst zu sorgen. Kinder laufen bestenfalls mit oder werden zur Last. „Es ist noch nicht lange her, dass man in der Welt Fürsorgestellen für Säuglinge errichtet hat“, schreibt die Zeitschrift „Berliner Leben“ im April 1906 zum Foto aus dem Schöneberger Pestalozzi-Froebel-Haus. „Das Interesse der Menschen war noch nicht ein so großes, so vertieftes, um sich darüber Rechenschaft zu geben, zu welchen Individuen solche Kinder heranwachsen müssen, deren Mütter in der Sorge ums tägliche Brot sich den Säuglingen nur unzulänglich widmen können, oder die in Schmutz und Elend aufwachsen müssen.“

Fraktur! Die Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit
Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild aus der bunten Schar der stets heiteren Dienstboten", schreibt die Monatszeitschrift "Berliner Leben" im Februar 1898. Na ja, so leicht und lustig wie auf diesem Bild war das Leben für das Personal in der kaiserlichen Reichshauptstadt wahrhaftig nicht immer. Mit unserer Serie Fraktur! laden wir Sie ein zu einer Zeitreise mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit - alle Beiträge lesen Sie auf der Themenseite www.tagesspiegel.de/frakturWeitere Bilder anzeigen
1 von 53Foto: Berliner Leben
31.03.2016 11:25Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild...

Um 1900 liegt die Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich bei rund 20 Prozent. Das liegt auch daran, dass nur wenige Frauen ihre Kinder stillen. Kinderärzte propagieren die gesundheitsfördernde Wirkung der Muttermilch, unterstützt von Kaiserin Auguste Viktoria, die Reden über die Vorzüge des Stillens hält und sich dafür ausspricht, Müttern mehr Wissen über Kinderpflege zu vermitteln. Unter Schirmherrschaft der Kaiserin und unter Vorsitz von Unternehmergattinnen wie Johanna Schering oder Ellen von Siemens entstehen in Berlin die ersten Krippen für die Betreuung von Kleinkindern. Die Einrichtungen bieten berufstätigen Müttern Prämien oder kostenloses Essen an, damit sie ihre Babys in den Mittagspausen stillten. Mit mäßigem Erfolg, denn meistens ist der Weg zwischen Fabriken und Krippen zu weit.

Jedes dritte unehelich geborene Kind stirbt innerhalb des ersten Lebensjahres

Ein besonders hohes Sterblichkeitsrisiko tragen unehelich geborene Kinder. Von hundert lebend geborenen Kindern sterben in Preußen in den Jahren 1900/02 von den ehelich geborenen 18,3 Prozent innerhalb des ersten Lebensjahres, aber 34,5 der unehelich geborenen. Auch die Zahl der Totgeburten liegt unter unehelichen Kindern um ein Drittel höher. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer von illegalen Schwangerschaftsabbrüchen.

Mit dem steigenden Anteil der Frauen am Berufsleben nimmt die Zahl unehelich geborener Kinder rapide zu. Von den 42.402 Kindern, die 1913 in Berlin geboren werden, sind 10.010 oder 23 Prozent unehelich gegenüber 15 Prozent im Jahr 1900. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Geburten insgesamt deutlich ab, von 27,71 pro 1000 Einwohner im Jahr 1900 auf nurmehr 20,14 im Jahr 1913.

Kinder sind in der Reichshauptstadt nicht nur ein Armutsrisiko für Arbeiterinnen, sie bedrohen auch die Berufskarrieren gebildeter Frauen. Als Lehrerin, Beamtin oder Krankenschwester sind sie arbeitsvertraglich zur Ehelosigkeit verpflichtet. Werden die Frauen schwanger, können sie nicht heiraten, ohne ihren Beruf aufzugeben. Paare, die nicht auf das doppelte Einkommen verzichten wollen oder können, stehen vor der Wahl, die Schwangerschaft vorzeitig abzubrechen oder ihr Kind ohne Trauschein aufwachsen zu lassen.

In keiner Berufsgruppe kommen mehr uneheliche Kinder zur Welt als unter den Dienstmädchen. Rund 40.000 Mädchen, oft nicht älter als 16 Jahre, kommen jedes Jahr nach Berlin, um als Haushaltshilfen in wohlhabenden Familien zu dienen. Sie sind jung und einsam in der großen Stadt, und eine Schwangerschaft bedeutet fast immer fristlose Kündigung und soziale Notlage. Auf die Kindsväter ist meist wenig Verlass, viele der „gefallenen Mädchen“ sind auf die Hilfe von Wohlfahrtsdiensten angewiesen – nicht wenige wissen sich und ihre Kinder nur durch Prostitution zu ernähren.

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