Fraktur! Berlin-Bilder aus der Kaiserzeit : Würzige Waldluft

In Westend entsteht 1904 die erste "Waldschule für kränkliche Kinder". Eine Reaktion auf die erbärmlichen hygienischen Zustände in den Mietskasernen.

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Gegen ein „mäßiges Entgelt“ werden Berliner Kinder ab 1904 in Berlins erster Waldschule unterrichtet.
Gegen ein „mäßiges Entgelt“ werden Berliner Kinder ab 1904 in Berlins erster Waldschule unterrichtet.Foto: Berliner Leben

Lernen in hellen Räumen, Essen unter kühlem Laub, Spielen im Freien – so sieht Schule aus, wenn sie medizinisch verordnet wird. „In Westend, in der Nähe der Spandauer Bock-Brauerei ist aus Mitteln privater Wohltätigkeit und unter Mitwirkung der Charlottenburger Stadtverwaltung die erste Waldschule entstanden“, berichtet das „Berliner Leben“ im August 1904. Sie besteht aus einem hölzernen Schulhaus mit zwei Unterrichtsräumen und einer kleinen Wirtschaftsbaracke.

„Die Schule ist vorläufig für 60 Knaben und 60 Mädchen eingerichtet und bietet gegen ein mäßiges Entgelt, bei Unbemittelten kostenlos, den Kindern Aufenthalt, Beköstigung, Unterricht und Beaufsichtigung während des ganzen Tages. Gegessen wird im Freien, wie denn überhaupt die Kinder möglichst ununterbrochen in der freien Luft sich aufhalten. Der Unterricht wird in einer hellen, luftigen Schulbaracke erteilt, durch deren weit offene Fenster die würzige Waldluft hereinzieht. Hoffentlich gelingt es dem Unternehmen unserer Großstadtjugend zum Heil und Segen sich zu entwickeln.“

Der Kinderarzt Bernhard Bendix und der Charlottenburger Schulstadtrat Hermann Neufert haben das Projekt ins Leben gerufen, um Stadtkinder mit angegriffener Gesundheit zu stärken, damit sie nach ihrem Aufenthalt im Grünen wieder eine Regelschule besuchen können. Schulärzte wählen die Kinder aus und überweisen sie an die „Waldschule für kränkliche Kinder“. Bald schon wird ein größeres Gelände gesucht.

Haut- und Atemwegserkrankungen, Unterernährung, Missbildungen

Denn der Glanz der kaiserlichen Industriemetropole mit ihren rauchenden Schloten wirft dunkle Schatten. Berlins Hunger nach Arbeitskräften ist unstillbar, in den Mietskasernen leben hunderttausende Familien in zunehmend erbärmlichen Verhältnissen. Für die „minderbemittelten Volksklassen besteht eine kontinuierliche Wohnungsnot“, schreibt Schulrektor Friedrich Lorentz aus Weißensee 1907. In den oft verwahrlosten Zuständen seien die „Anforderungen der primitivsten Hygiene“ nicht mehr gegeben, der sittliche Verfall, befördert vom Alkohol, begünstige die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten, von familiärer Fürsorge und Geborgenheit könne kaum noch die Rede sein.

Fraktur! Die Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit
Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild aus der bunten Schar der stets heiteren Dienstboten", schreibt die Monatszeitschrift "Berliner Leben" im Februar 1898. Na ja, so leicht und lustig wie auf diesem Bild war das Leben für das Personal in der kaiserlichen Reichshauptstadt wahrhaftig nicht immer. Mit unserer Serie Fraktur! laden wir Sie ein zu einer Zeitreise mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit - alle Beiträge lesen Sie auf der Themenseite www.tagesspiegel.de/frakturWeitere Bilder anzeigen
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31.03.2016 11:25Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild...

Am schlimmsten leiden die Kinder. Haut- und Atemwegserkrankungen, Unterernährung, Missbildungen des Thorax „bedingen einen frühzeitigen Zusammenbruch des Organismus, zu dem auch die seelischen Depressionen ihren Beitrag liefern“, berichtet Lorentz.

Die Schwindsucht geht um. Mediziner berichten im Jahr 1907, dass 8,5 Prozent der Kinder, die im Alter von 5 bis 10 Jahren sterben, der Tuberkulose zum Opfer fallen – im Alter von 10 bis 15 Jahren soll die Krankheit sogar für 21 Prozent der Todesfälle die Ursache sein.

„Mehr Platz für Kinder“, fordern Mediziner, Pädagogen und Gesundheitspolitiker – heraus aus der Wohnhölle, wenn nicht gleich ganz, dann doch zumindest so viel Zeit wie möglich sollen sie in hellen Schulräumen zubringen. Oder besser noch: an der frischen Luft.

Die Waldschule, die zunächst nur in den Sommermonaten geöffnet hatte, zieht 1910 an den östlichen Rand des Grunewalds um. Der Kinderarzt Bernhard Bendix leitet sie, bis ihn die Nazis 1933 seines Amtes entheben. Der Charité-Professor, dessen „Lehrbuch für Kinderkrankheiten“ in mehrere Sprachen übersetzt wurde, verliert auch seine Lehrbefähigung und muss Deutschland verlassen. Er stirbt 1943 in Kairo. Heute ist die Wald-Oberschule ein Gymnasium mit knapp 740 Schülern.

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