Berlin : Frank Steffel: Das Unmessbare des Unternehmerischen

Holger Wild

W99/2066? Die Signatur kennt der Mann an der Ausleihe der Bibliothek der Wirtschaftswissenschaften der FU. "Ach, der Steffel", grinst er, "da geradeaus, dann rechts, an den gelben Regalen entlang bis ganz hinten". Nach der Dissertation des Dr. Frank Steffel wird nicht zum ersten Mal gefragt. "Hat aber keinen sonderlichen Tiefgang", warnt der Bibliothekar, "da sind manche Diplomarbeiten wissenschaftlich anspruchsvoller". Er kennt Steffel von der Ausleihe - oder kennt ihn eigentlich nicht. "Seine Sekretärin hat meist telefonisch Bücher bestellt, die er dann abholen ließ."

Nun gut. Wir können uns die Schwierigkeiten ja vorstellen, die es einem "aktiven mittelständischem Unternehmer und Wirtschaftspolitiker" bereitete, eine Dissertation fertigzustellen. Er selbst erwähnt sie im Vorwort: Wenig Zeit, dazu die "Gefahr, zu stark in die leidenschaftliche Unternehmerpraxis zu entgleiten und damit den wissenschaftlichen Anspruch zu vernachlässigen". Obendrein galt es zwischendurch, eine Wiederwahl in das Abgeordnetenhaus zu bestehen - mit dem, so lesen wir im Lebenslauf, "besten Wahlergebnis aller Bewerber". Gleichwohl: Seit Sommer 1999 ist Frank Steffel Doktor der Wirtschaftswissenschaften.

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Berlin vor der Wahl Inzwischen ist er noch mehr: "Die neue Kraft - Dr. Frank Steffel". So stellte die CDU ihren Spitzenkandidaten für die Neuwahl vor. Wir wollen es berufeneren Fachleuten überlassen, darüber zu urteilen, wie substanziell diese Dissertation über "Bedeutung und Entwicklung der Unternehmer in den neuen Bundesländern nach der deutschen Einheit 1990" tatsächlich sei. Einige Schlüsse über den Mann, der sich anschickt, Berlin zu regieren, lassen sich dennoch ziehen.

Zum ersten: Steffel fuhrwerkt nicht wild herum. Seine Arbeit "gliedert sich in drei zusammenhängende Teile, die inhaltlich und in der zeitlichen Abfolge aufeinander aufbauen". Das schreibt er, um erst gar keine Zweifel aufkommen zu lassen, gleich im ersten Satz seiner Einleitung.

Er hält Konventionen ein - bedankt sich im Vorwort artig bei seinem Doktorvater - und scheint doch unabhängig genug, sie auch zu brechen: Steffels Dissertation gehört zu den ganz wenigen Ausnahmen, deren Literaturlisten ohne eine einzige Veröffentlichung des Doktorvaters auskommen.

Steffel hat auch keine Probleme damit, Niederlagen einzugestehen. Gut 80 Seiten lang beschäftigt er sich mit der Theorie des Unternehmers als solchem, behandelt Aristoteles, Weber, Schumpeter, Galbraith, McClelland und zahlreiche weitere Kapazitäten - um am Ende ratlos festzustellen, "die Frage, wer Unternehmer ist, ist heute weniger geklärt denn je". Da auch ein historischer Abriss der Geschichte des Unternehmers, vor allem des deutschen und insbesondere in Ost-Deutschland vor und nach der Wende zur Klärung dieser Frage nichts beiträgt, erklärt Steffel sie im Schlusswort wohlgemut für unwichtig: der Unternehmer sei eben die Persönlichkeit, die "das Unwägbare und Unmessbare des spezifisch Unternehmerischen" besitzt. Eine Art Begnadung also, aber eine entscheidend wichtige. Denn "die wirtschaftlichen Grundlagen der freiheitlichen und sozialen Gesellschaftsordnung" von heute, das sind "die Unternehmer und das Unternehmertum".

Ganz anders als auf der politischen Bühne scheint Steffel in der theoretischen Auseinandersetzung überhaupt den Streit zu scheuen. Kaum einmal weist er in seiner Dissertation eine Position als mangelhaft, falsch oder ideologisch verzerrt zurück. Was er getreulich referiert, dem schließt er sich auch an - was bis in den Stil hineinwirkt. Hat man an einer Stelle das Gefühl, eine Selbstdarstellungs-Broschüre der Treuhand zu lesen, klingt Steffel an einer anderen glatt nach einem veritablen Anti-Kapitalisten.

Steffel ist selbstbewusst - die wichtigsten Unternehmer sind ihm die Mittelständler "mit eigener, haftender Verantwortung": Leute wie er selbst. Und Steffel vermag es, seine Erfahrungen produktiv zu nutzen: Fürs Unternehmen Doktorhut zum Beispiel, dass er als Händler in Bodenbelägen selbst in den neuen Ländern aktiv wurde. Er stellt nicht in Abrede, dass es dort auch Halunken gab und Leute, die "ausschließlich Profitgier" über die Elbe führte - gerät ansonsten aber geradezu ins Schwärmen, wenn er über die "jungen, mutigen Existenzgründer" schreibt, die "erfahrenen, die Herausforderung suchenden Seniorunternehmer, enteigneten, zurückgekehrten Alteigentümern und unzähligen anderen Unternehmenspionieren", die zum Wiederaufbau gen Osten zogen.

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