Franz-Bobzien-Preis für Berliner Kolpingjugend : Eine Schneise in die Vergangenheit

In Ravensbrück ist die Berliner Kolpingjugend seit zwei Jahrzehnten aktiv, um das Gelände des ehemaligen Frauen-KZ dem Vergessen zu entreißen. Am heutigen Freitag wird dieses Engagement gewürdigt.

Das ursprüngliche Lagergelände wollen die Teilnehmer am Projekt "Gegen das Vergessen" der Berliner Kolpingjugend wieder sichtbar machen.
Das ursprüngliche Lagergelände wollen die Teilnehmer am Projekt "Gegen das Vergessen" der Berliner Kolpingjugend wieder sichtbar...Foto: Daniel Buchholz

Mit ihrem Projekt „Gegen das Vergessen“, einem langjährigen aktiven Engagement in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, gewinnt die Kolpingjugend im Diözesanverband Berlin den diesjährigen Franz-Bobzien-Preis, der von der Stadt Oranienburg und der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen ausgeschrieben wurde. Das entschied die mit Vertretern aus namhaften Institutionen und Verbänden besetzte Jury des Wettbewerbs nach intensiver Beratung.

Den zweiten Platz belegte die Evangelische Grundschule Tröbitz (Landkreis Elbe-Elster) mit einer interaktiven Schulausstellung zum Thema „Der verlorene Zug“, in dem es um einen zum Kriegsende 1945 in dem kleinen Ort gestrandeten Häftlingszug geht. Auf den dritten Rang kam ein Theaterprojekt der Otto-Tschirch-Oberschule in  Brandenburg/Havel über den Widerstand der „kleinen Leute“ gegen Krieg und Nationalsozialismus.

Mit dem Franz-Bobzien-Preis für mehr Demokratie und Toleranz werden Projekte in Berlin und Brandenburg geehrt, die in einem besonderen Maße zur historisch-politischen Bildung und zur Stärkung der Demokratie beitragen. Besondere Beachtung gilt dabei Projekten, bei denen es gelingt, die historische Aufarbeitung des Nationalsozialismus und das gegenwärtige Engagement für eine demokratische Gesellschaft miteinander zu verknüpfen. Der Preis ist mit 3000 Euro dotiert. Schirmherr des Preises ist der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke (SDP), der Tagesspiegel ist Medienpartner. Die Preisverleihung findet am Freitag anlässlich des 71. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen in der Orangerie in Oranienburg statt. 

Der vorangegangene Franz-Bobzien-Preis ging 2014 an die 7. Integrierte Sekundarschule aus Berlin-Tempelhof, deren Schüler mit einem Ziegelsteinprojekt die Namen sowjetischer Kriegsgefangener im Lager Stalag VIII in Görlitz dokumentiert hatten.

In den 90er Jahren hatte das Militär das Gelände geräumt

Die Arbeit ist schweißtreibend. Mit Spaten und Hacken gehen die jungen Männer und Frauen dem dichten Gestrüpp zu Leibe. Sie schlagen eine Schneise in das Dickicht. Es überdeckt nicht nur diese frühere Straße. Es überwuchert die Geschichte. Sie schlagen eine Schneise zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

In Gottesdiensten im Zellenbau der Gedenkstätte wird der Opfer gedacht und an die Verantwortung der heutigen Generation gemahnt.
In Gottesdiensten im Zellenbau der Gedenkstätte wird der Opfer gedacht und an die Verantwortung der heutigen Generation gemahnt.Foto: Daniel Buchholz

Über diesen Weg, der nun von Leuten in leuchtend blauen T-Shirts freigelegt wird, trotteten einst  ausgemergelte Häftlingsfrauen morgens vom Hauptlager hinüber zur Siemens-Werkhalle und abends erschöpft zurück.

Die Arbeit selbst, die die überwiegend jungen Menschen in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück zur Herrichtung des geschichtsträchtigen Geländes leisten, ist ihre eigentliche Botschaft. Doch um diese nach außen hin noch deutlicher zu machen, haben sie ihr Anliegen auch auf ihre T-Shirts drucken lassen: „Gegen das Vergessen!“. Und in kleinerer Schrift: „Generationsübergreifend, ehrenamtlich, beständig“.

Seit nunmehr zwei Jahrzehnten organisiert die Kolpingjugend im Diözesanverband Berlin solche Einsätze von Menschen unterschiedlichster Altersgruppen auf dem Gelände des ehemaligen Frauen-Konzentrationslagers nahe der Stadt Fürstenberg. 

Als im Jahr 1995 der Fürstenberger Amtsdirektor Raimund Aymanns den damaligen Berliner Diözesanvorsitzenden Hans Kositza anrief, ob er nicht mit ein paar Leuten beim Aufräumen auf dem Gelände der Gedenkstätte helfen könnte, sah es dort erbärmlich aus. Gerade erst war dieser weitaus größte Teil des ehemaligen Konzentrationslagers vom Militär für die zivile Nutzung freigegeben worden. Die meisten alten Lagergebäude waren verfallen, die Natur hatte sich weite Teile des Geländes zurückerobert.

Rund 132.000 Frauen waren hier einst im Lager inhaftiert

Hans Kositza und seine Gruppe von fünf bis zehn Leuten zählten zu den ersten, die das weitläufige Areal dem Vergessen entrissen. Rund 132.000 Frauen, 20.000 Männer und 1000 weibliche Jugendliche aus mehr als 40 Nationen waren zwischen 1939 und 1945 in diesem größten Frauenkonzentrationslager auf deutschem Boden inhaftiert. In der 1944 errichteten Gaskammer waren bis zu 6000 Frauen umgebracht worden, viele Frauen starben vor Erschöpfung von der Arbeit in den Siemens-Werkhallen oder der Schneiderei. Kurz vor der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee waren mehr als 20.000 Häftlinge auf die sogenannten Todesmärsche geschickt worden.

Viele Helfer sind bei der Pflege der Anlagen in der Mahn- und Gedenkstätte im Einsatz.
Viele Helfer sind bei der Pflege der Anlagen in der Mahn- und Gedenkstätte im Einsatz.Foto: Daniel Buchholz

Das erste Projekt, das die Kolpingjugend 1995 in Angriff nahm, war Haus 18, das entrümpelt, entkernt und als Haus der Lagergemeinschaft neu errichtet werden sollte. Schon damals war es ein Anliegen von Hans Kositza, das Engagement zu verstetigen – es gab wahrlich viel zu tun. Und so kam es, dass die Berliner Kolpingjugend jedes Jahr zu ein bis zwei Workshops in die Mahn- und Gedenkstätte zurückkehrte.

In Gesprächen mit Zeitzeugen wird Geschichte erlebbar

Dabei ging und geht es stets um mehr als „nur“ Aufräumarbeiten oder helfende Tätigkeiten im Archiv. An den Workshops nehmen Mitglieder und Nichtmitglieder des Verbandes teil, Christen und Nichtchristen. Pädagogen begleiten den mehrtägigen Aufenthalt der Gruppen, es gibt Informationen über das einstige Lager, Begegnungen mit Zeitzeugen, es wird der Opfer gedacht, es werden Gottesdienste gehalten.

Jugendlichen soll auf diese Weise Geschichte hautnah vermittelt werden. „Wir sensibilisieren sie für das Thema Nationalsozialismus und die damit verbundene Verantwortung“, heißt es in der Bewerbung der Kolpingjugend um den Franz-Bobzien-Preis. „Erwachsene und Ältere erleben teilweise erst durch das Engagement in Ravensbrück eine Auseinandersetzung mit der Geschichte, die sie so nie gehabt haben.“

Gedenkstättenleiterin Insa Eschebach ist von dem Einsatz der Kolpingjugend stark beeindruckt. „Ich kenne keine andere Gruppe, die sich mit so einer Zuverlässigkeit und Kontinuität für diesen Ort engagiert“, sagt sie. Und fügt hinzu: „Sie haben hier ihre guten Spuren hinterlassen.“

Gerade diese Beständigkeit, dieses nachhaltige Engagement überzeugte auch die Wettbewerbsjury. Ihr gehören neben dem Oranienburger Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke und Horst Seferens von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten unter anderen auch Vertreter des Sachsenhausen-Komitees, des Zentralrats der Juden in Deutschland, des DGB, des Berliner Senats und von Medien an. „Es ist wichtig, Projekte wie dieses zu würdigen, die sich über Jahre verstetigt haben und nicht nur solange funktionieren, so lange sie eine staatliche Förderung erhalten. Sie bilden die unverzichtbaren Stützen der Zivilgesellschaft“, heißt es in der Begründung der Jury.

Ein verirrter Zug mit Häftlingen strandete in Tröbitz

Den zweiten Platz erkannte die Jury dem Projekt „Der verlorene Zug“ zu. Seit dem Jahr 2012 arbeiten Schüler der 6. Klasse der Evangelischen Grundschule Tröbitz im Dachgeschoss ihres Schulgebäudes an einer repräsentativen Dauerausstellung zur jüdischen Geschichte. Sie erinnern dort an die Opfer des eines Eisenbahnzuges, der zum Kriegsende 1945 in ihrem kleinen Ort gestrandet war.

Der Zug war nach einer Irrfahrt, die im KZ Bergen-Belsen begann und eigentlich im KZ Theresienstadt enden sollte, am 23. April in Tröbitz zum Stehen gekommen. Der Ort wurde unversehens mit dem Schicksal der 2500 kranken und ausgehungerten Menschen konfrontiert. Bei der Arbeit an der Ausstellung sowie in Gesprächen mit Überlebenden und bei einem Besuch in der Gedenkstätte Bergen-Belsen gehen die Sechstklässler auf die Spur dieses tragischen und zur Mitmenschlichkeit auffordernden Ereignisses. 

„Hier wird Geschichte für die Kinder erlebbar gemacht, indem die große Geschichte mit der lokalen Geschichte und teilweise auch mit der Familiengeschichte verbunden wird“, heißt es in der Begründung der Jury. Hervorgehoben wird die „sensible Arbeit mit Grundschülern, die zeigt, dass es auch möglich ist, Kindern schon im Grundschulalter einen Zugang zu geschichtlich anspruchsvollen Themen zu vermitteln“.

Auf der Theaterbühne: Der Widerstand der kleinen Leute

Den dritten Platz belegte ein Theaterprojekt, das von dem gemeinnützigen Verein eventtheater mit Jugendlichen der Otto-Tschirch-Oberschule in Brandenburg/Havel erarbeitet wurde. Das Stück „Der Widerstand der kleinen Leute – Der Lebensweg des Max Timmel“ thematisiert die authentische Geschichte eines Angestellten im Bergbauamt Zeitz, der im Jahre 1943 von einer verschmähten Verehrerin denunziert, vom sogenannten Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet wird. Das „Vergehen“ von Timmel: Er hat seinen Kollegen aus Briefen seines Sohnes von der Front vorgelesen, in denen dieser die Sinnlosigkeit des Krieges beklagt.

Die Jury würdigte, dass den Jugendlichen aus dieser Brennpunkt-Schule mit dem Projekt die Möglichkeit geboten worden sei, „selbstbewusst mit einem komplexen Angebot an politisch-historischem Wissen umzugehen und darstellend-spielerische Fähigkeiten zu erlernen und anzuwenden“. Sie hätten sich in die realen historischen Personen hineinversetzen und eine eigene Interpretation des Stückes entwickeln können.

Nach mehrstündiger intensiver Diskussion der Jury fiel die Entscheidung über den Preisträger und die Plätze zwei und drei am Ende schließlich einstimmig. Die Jury hob die hohe Qualität der meisten der 32 Wettbewerbsbeiträge hervor. Unter den eingereichten Arbeiten waren weitere Theaterprojekte, Stolperstein-Aktionen, Workcamps, geschichtliche Dokumentationen, Gedenkstätten-Projekte, Geschichtswerkstätten, Zeitzeugen-Interviews und anderes mehr. 

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