Frischer Rasen : Ein neuer Teppich fürs Olympiastadion

In der Arena wird neuer Rasen ausgerollt. Gewachsen ist er am Niederrhein. Ob das der Hertha noch hilft? Grün ist die Hoffnung.

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Schwerstarbeit. Eine Rolle Rasen ist 15 Meter lang und wiegt 1,2 Tonnen.
Schwerstarbeit. Eine Rolle Rasen ist 15 Meter lang und wiegt 1,2 Tonnen.Foto: DAVIDS

Ist doch nur Rasen, denkt man. Ganz falsch! Es ist eine Wissenschaft, eine Philosophie für sich, und wie das so ist mit Spezialdisziplinen: Sie haben ihren eigenen Wortschatz. „Durchgewurzelt“ – so heißt es, wenn in einem Stadion der neue Teppich Halt gefunden hat. Drei Wochen dauert das. Aber: „Der Rasen muss gar nicht anwachsen“, sagt Arnd Peiffer, „das ist eines der Vorurteile, mit denen wir zu kämpfen haben.“ Ein 80-Kilogramm-Spieler kann schon einen Tag später drauf grätschen, nichts passiert. Weil das Eigengewicht den Rasen an Ort und Stelle hält.

Peiffer leitet in dritter Generation einen Rasen-Zuchtbetrieb in der Nähe von Mönchengladbach, seine Firma gehört zu den Großen in Europa: Rund 30 Stadien beliefert sie europaweit pro Jahr, auch in der Türkei. Über die Hälfte der Bundesligavereine kicken auf Rasen, den sie ausgelegt hat. Von Sonntag bis Dienstagmittag haben Peiffer und zehn seiner Mitarbeiter – Ähnlichkeiten mit der Mannschaftsgröße eines Fußballteams sind rein zufällig – den Rasen im Olympiastadion ausgetauscht, für das Pokalfinale zwischen Bayern und Dortmund am 12. Mai. Und ein bisschen auch für Hertha, grün ist schließlich die Hoffnung.

8000 Quadratmeter, so groß ist die Fläche im Olympiastadion. Ein logistischer Großeinsatz, und doch geht er ruck, zuck! über die Bühne. Eineinhalb Jahre ist der Rasen am Niederrhein gewachsen. Er wird in 15 Meter lange und 1,20 Meter breite Rollen geschnitten, sie sehen aus wie Schnecken, jede wiegt 1,2 Tonnen. 445 solcher Rollen waren für das Olympiastadion nötig, 19 Lkw karrten sie drei Tage lang vom Niederrhein an. Denn: „Wir können den Rasen nicht auf einmal hierhertransportieren. Das ist wie mit Salat, der muss frisch geschnitten und dann so schnell wie möglich verladen und ausgebracht werden“, erklärt Peiffer. Der Vorgang gleicht dem Ausrollen eines Teppichs oder der Pflasterung einer Straße: Die Rasenbahnen stützen sich gegenseitig, zusätzlich werden sie angewalzt – und später von einer Walze gepflegt, die Stollenschuhe simuliert, Fußballtraining fürs Grün sozusagen. Das Olympiastadion, 2000 bis 2004 für 242 Millionen Euro saniert, ist eines der modernsten in Europa. Eine Bodenheizung hält die Wurzeln auf 21 Grad, eine Zisterne sammelt Regenwasser, das Flutlicht ist ins Dach integriert, so dass die Scheinwerfer keine Schatten werfen.

Und doch – und das macht den besonderen Reiz aus – ist das Olympiastadion zugleich ein historischer Bau, der seine nationalsozialistische Geschichte nicht verleugnet. In Deutschland steht es heute einzigartig da, aus mehreren Gründen. Es ist das letzte große Stadion, das noch nicht den Namen eines Sponsors trägt und dass noch eine Leichtathletik-Laufbahn besitzt. Dem Rasen gefällt das: Die Luft zirkuliert, es weht ständig Wind, viel Sonnenlicht fällt ins weite Rund. Deshalb muss der Rasen auch im Schnitt nur einmal im Jahr ausgetauscht werden. Die Münchner Allianz-Arena ist dagegen absichtlich hoch, steil, eng, ohne Laufbahn. Dort muss der Rasen künstlich beleuchtet werden. Sie gehört zu einer neuen Generation von Stadien, die beginnend mit der Amsterdam-Arena in den 90er Jahren als reine Fußballstadien entstanden sind. In Amsterdam musste der Rasens übrigens anfangs achtmal im Jahr ausgetauscht werden. Deshalb diskutiert die Szene auch seit Jahren über Kunstrasen, der in Deutschland noch verboten ist, in klimatisch weniger begünstigten Ländern wie Russland aber nicht.

Auch in Berlin muss der Rasen immer mehr aushalten. Die Takte zwischen den Events werden kürzer. „Wir sind heute eine 365-Tage-Immobilie“, sagt Christoph Meyer von der Olympiastadion GmbH. Der Sommer 2011 war ausgebucht: Papst, Mario Barth, Grönemeyer, Yoga Festival. Dazu kommen die Fußballspiele – und rund 300 000 Besucher im Jahr, die von der Historie angezogen werden. Die weiß auch Arnd Peiffer zu schätzen. Er arbeitet gerne im Olympiastation. „Es ist spannend , einmalig“. So viel wie er rumkommt, muss er es wohl wissen.

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