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"Furry"- Konferenz in Berlin : Die Fell-Fanatiker übernehmen Neukölln

Eurofurence: Im Estrel Hotel in Neukölln suchen mehr als 2000 „Furrys“ noch bis Sonntag das Tier im Menschen – mit liebevoll gestalteten Kostümen und viel Ideologie.

Tassilo Hummel
Konferenz der Tiere. Am Wochenende übernehmen die kostümierten „Furrys“ das Hotel Estrel in Neukölln.Alle Bilder anzeigen
Foto: Christian Mang
22.08.2014 10:20Konferenz der Tiere. Am Wochenende übernehmen die kostümierten „Furrys“ das Hotel Estrel in Neukölln.

Hier spricht der Fuchs. Und zwar nur der Fuchs. Marko heißt er, ist rotfellig, wie sich das gehört, und sitzt auf der Hand von Markus Nowak. Der hat ihn gebastelt, nein gestaltet, der Informatiker, typischer Mitdreißiger, lichte schwarze Haare, Hochdioptrie-Brille mit gelben Gläsern, CSI-Miami-Weste, hat sich dafür extra einen 3-D-Drucker gekauft, mehr als 1000 Euro hat er dafür bezahlt. Das aber erzählt Markus Nowak nicht selbst, nein das alles erzählt Marko, der Fuchs auf seiner Hand.

Wer dieser Tage am Hotel Estrel an der Neuköllner Sonnenallee vorbeikommt, könnte einigen wundersamen Gestalten begegnen. Am Eingang fragt der Tiger den Hasen nach Feuer, der spricht aber nur Französisch, dann rauchen sie in trauter Runde. Berlins größte Bettenburg verwandelt sich in Europas größten Menschenzoo. „Das Hotel ist schon rappelvoll“, sagt Michael Graf, 29, aus Winterthur in der Schweiz. Er ist einer der Organisatoren der Eurofurence, einem der größten Szenetreffs für die rund 2000 „Furrys“, die seit Donnerstag in Neukölln tagen.

Tausende Fellfanatiker in Berlin
Konferenz der Tiere. Am Wochenende übernehmen die kostümierten „Furrys“ das Hotel Estrel in Neukölln.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: Christian Mang
22.08.2014 10:20Konferenz der Tiere. Am Wochenende übernehmen die kostümierten „Furrys“ das Hotel Estrel in Neukölln.

"Die meisten von uns haben richtige Alter Egos als Tiere"

Sie zeichnen Hybriden aus Mensch und Tier, laufen in gigantischen Fellkostümen umher und verständigen sich mit Zeichensprache. Ein Gleichgesinntentreff, Convention sagt man auf Neudeutsch. Hier geht es um „Furry-Fandom“, zu Deutsch etwa: Fell-Fansein. Es geht also irgendwie um die Liebe der Menschen zum Fell, zum Tierischen im und am Menschen. Wie so oft im Bereich randständiger Partikularkulturen ist es für den Außenstehenden schwierig, einen gemeinsamen Begriff zu finden. Der beste ist wohl der des „antropomorphen Tiers“, dem aufrechtgehenden, menschlich fühlenden und oft sprechenden Tier. „Die meisten von uns haben richtige Alter Egos als Tiere, von denen sie sich angezogen fühlen“, sagt Michael Graf. Er zum Beispiel sei ein Luchs, sagt der ausgebildete Gymnasiallehrer. „Luchse sind wie Katzen elegant, neugierig und ein bisschen faul. Das passt zu mir.“

Die Eurofurence im Estrel-Hotel wird noch bis zum Sonntag all jene vereinen, die diese Liebe zu den Tiermenschen oder Menschtieren teilen. Die kann man als Comic oder Manga entwerfen und als Modelle oder Puppen bauen. Wem das noch nicht tierisch genug ist, der schlüpft in einen Fursuit, einen Fellanzug. Solche Anzüge sind des Furry-Fans Prunkstück, sie werden oft jahrelang entworfen und maßgeschneidert und kosten mehrere tausend Euro.

Furry-Fans aus mehr als 40 Ländern sind angereist

Markus Nowak holt sein Smartphone aus der Tasche, zeigt Fotos, wie er als Raubkatze in Amerika unterwegs war, als Hase in Kassel. Später wollten sie beide am Paradenzug teilnehmen, bei dem alle kostümiert durchs Hotel ziehen, erklärt Fuchs Marko. Im Vorjahr, in Magdeburg, sei man durch die Stadt gezogen, sagt Michael Graf, doch das Estrel sei zu weit ab vom Schuss.

Viel Ideologie weht am Donnerstag durchs Hotel. Viele wollen künstlerisch das Tier im Menschen finden. Manchen geht es um schamanistische Philosophien oder animalische Fetische. Kostümbauer, Puppenspieler, Zeichner und Musiker aus aller Welt wurden nach Berlin eingeladen, um sich auszutauschen und ihre Kunstwerke zu präsentieren. Auch soll es reichlich Workshops und Vorträge geben. Furry-Fans aus mehr als vierzig Ländern sind auch angereist, um ihre Idole zu treffen. Ursula Vernon ist so ein Idol und als Ehrengast bereits in Berlin eingetroffen. Die 37-jährige US–Amerikanerin ist eine der wichtigsten Autorinnen der Furry-Szene. Aus ihrer Feder stammen etwa die „Dragonbreath“-Romane.

1999 fand die Eurofurence übrigens schon mal in Berlin statt. Damals tagten die Freunde des Fells am Müggelsee im Jugenddorf, es waren nur gut hundert. Mittlerweile hat sich die Teilnehmerzahl fast verzwanzigfacht.

So ganz öffentlich ist der Konvent dagegen nicht. Die Veranstalter weisen darauf hin, dass das ganze Hotel mit den geladenen Besuchern aus der Furry-Community komplett ausgebucht sei und sozusagen niemand mehr hineinpasse. Wer allerdings zufällig am Estrel vorbeispaziere, könne sicher einen Blick auf die tollen Fellkostüme werfen.

Die Eurofurence im Estrel Hotel, Sonnenallee 225, Neukölln, noch bis Sonntag rund um die Uhr Programm. Mehr Infos unter: www.eurofurence.org

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