Galerie für Schmierfinken : Besucher verunstalten die East-Side-Gallery

14.11.2011 16:32 UhrVon Björn Stephan
  • Die East Side Gallery ist einer der touristischen Anziehungspunkte in Berlin. Doch viele kommen nicht nur, um sich das Stück bemalte Mauer anzusehen - eine Bildergalerie. - Foto: Kitty Kleist-Heinrich
  • Es scheint vielen fast ein Muss, sich an der Mauer zu verewigen. - Foto: Kitty-Kleist Heinrich
  • Dabei ist das Beschmieren nicht nur untersagt, es wird auch strafrechtlich verfolgt. - Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Touristen und Graffiti-Sprayer beschädigen die Kunstwerke der East-Side-Gallery. Kani Alavi kämpft für den Schutz des Denkmals, doch dem Bezirk fehlt das Geld.

David Tumbajoy Spinel kniet auf dem Boden  und kritzelt mit einem Kugelschreiber die Umrisse seiner Hand auf die Mauer. In die Mitte schreibt er seinen Namen. Wie tausende andere Touristen ist der 25-jährige Kolumbianer an diesem Tag zur East-Side-Gallery gekommen, um sich die Kunstwerke anzuschauen, ein paar Schnappschüsse zu machen – und sich auf dem 1300 Meter langen Mauerstreifen selbst zu verewigen. „Ich habe Cousins in Berlin, doch leider ist der Kontakt abgerissen“, erzählt er.

„Vielleicht lesen sie ja hier mal meinen Namen.“

Im Atelier von Kani Alavi am Mehringdamm scheinen die Touristenströme weit weg zu sein. An den Wänden lehnen unzählige Bilderrahmen, Skizzen türmen sich auf dem Schreibtisch und überall hängen Bilder – selbstgemalt natürlich. Alavi, der Kopf der Künstlerinitiative East-Side-Gallery, war erst vor kurzem in Südkorea, wo er die Mauer an der Grenze zu Nordkorea bemalen will. „In Berlin gibt es keine Mauermalerei mehr“, sagt er.

 Für ihn sind, das was die Touristen malen, „Schmierereien, die die Kunstwerke verunstalten.“ So etwa bei dem Bild „Touch the Wall“ von Christine Kühn. 2009 habe sie es anlässlich der Sanierung der East-Side-Gallery zum 20. Mauerjubiläum neugemalt und Passanten gebeten, ihre Hände dort  abzubilden. Mittlerweile haben schon hundert andere - so wie auch David Tumbajoy –  die Umrisse ihrer Hände hin gekritzelt. „Das Kunstwerk aber ist abgeschlossen“, empört sich Alavi. „Man geht doch auch nicht in ein Museum und schmiert auf den Gemälden herum.“

Schuld seien aber nicht nur Touristen, sondern auch die Graffiti-Sprayer. Drei bis viermal pro Monat nehme die Polizei Sprayer fest, sagt Alavi. Im Namen der Künstlerinitiative müsse er dann Anzeige wegen Sachbeschädigung erstatten. So auch im Oktober des vergangenen Jahres, als der US-Rapper Travis McCoy auf frischer Tat ertappt wurde. Im Oktober wurde nun ein Strafbefehl gegen ihn erlassen, ein Bußgeld von 1200 Euro muss er zahlen.

Weiter gehen, könne es so nicht, sagt Alavi, der im April für sein Engagement  mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Er will etwas tun, um den denkmalgeschützten Mauerstreifen zu bewahren. Ideen hat der iranische Künstler genug: Man müsse größere Verbotsschilder anbringen, ein Geländer vor der Mauer errichten und das Ordnungsamt patrouillieren lassen. Dem Bezirk wirft Alavi Untätigkeit vor. „Für Geschichte haben die kein Gefühl.“

„Wir haben ein Geldproblem“, gesteht Baustadtrat Hans Panhoff (Die Grünen). Dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg fehlten schlichtweg die Mittel. Bis zu 50 000 Euro würde es jährlich kosten, die East-Side-Gallery einmal pro Woche zu reinigen. 12500 Euro überwies der Senat dem Bezirk für eine Reinigung im Frühjahr. Erst in der vergangenen Woche wurde laut Panhoff der Graffitischutz erneuert, finanziert durch einen weiteren Zuschuss von 15 000 Euro. Doch eine dauerhafte Lösung sind die sporadischen Geldspritzen nicht – das weiß auch der Baustadtrat. Er steckt in der Zwickmühle. Denn die Kosten für die Reinigung muss er aus dem Etat für das Grünflächenamt bezahlen. „Wollen wir die East-Side-Gallery regelmäßig reinigen, dann können wir den Görlitzer Park nicht mehr sauber halten. “

Doch trotz des chronischen Geldmangels soll nun etwas passieren: Das Bezirksamt plant den Parkstreifen zu beseitigen und den Gehweg vor der Gallery zu verbreitern. Außerdem soll es ein neues Beleuchtungskonzept geben. Beides muss aber erst beim Senat beantragt werden.

Alavi würde diese Maßnahmen begrüßen, so wie alles, was den Denkmalcharakter der East-Side-Gallery betont. Denn er hofft, dass der Respekt vor den Bildern wächst, wenn die Touristen mehr über den historischen Hintergrund wissen. Deshalb will Alavi eine dreistöckige, temporäre Begegnungsstätte an der Oberbaumbrücke bauen, in der Ausstellungen stattfinden sollen. Sponsoren, die den Bau finanzieren, habe er bereits, sagt er. Demnächst stünden Gespräche mit dem Bezirk über die Baugenehmigung an. Möglicherweise will Alavi, dann auch eine Art Gästebuch aufstellen. „Da können sich die Besucher kreativ ausleben.“ Und so viel malen, wie sie wollen.

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