Berlin : Ganz altes Europa: Wo schon Napoleon speiste

In der Gaststätte „Zur letzten Instanz“ in Mitte essen Jacques Chirac und Gerhard Schröder immer wieder gern. Das ist auch heute so. Was zieht die beiden Staatsmänner an diesen heimeligen Ort?

Thomas N. Riens

Ab 15 Uhr geht heute nichts mehr in Mittes Klosterviertel. Zwischen Amtsgericht, Klosterruine und den Resten der alten Stadtmauer, an die sich noch drei Spitzweg-Häuschen schmiegen, wird eine Bannmeile gezogen. Der Grund dafür ist die „Letzte Instanz“, die in einem der kleinen Häusern residiert. In Berlins ältester Gaststätte treffen sich heute Bundeskanzler Gerhard Schröder und sein Gast, der französische Staatspräsident Jacques Chirac, ganz informell zum Abendbrot: geschlossene Gesellschaft, kleiner Rahmen, für rund 100 Gäste.

„Hunde (auch falsche) bitte an die Leine nehmen“ ist zu lesen auf dem Schild am Eingang zu Chiracs Berliner Lieblingslokal. Nach 1999 und 2000 wird er zum dritten Mal die eiserne Wendeltreppe ins Obergeschoss krabbeln und hinter Butzenscheiben unter einer preußischen Uniform Platz nehmen. Die Vorliebe mag daher rühren, dass Europa in der „Letzten Instanz“ mal wieder ganz alt ist. 1621 öffnete ein Reitknecht des Großen Kurfürsten hier eine Branntweinstube. In Europa schrieb man das „Zeitalter der Vernunft“, die Franzosen kolonialisierten gerade mit Jesuiten und Schnaps Neu-Frankreich, eine unwirtliche Gegend jenseits des Atlantiks.

Möglich auch, dass der hohe Gast einfach nur den Spuren seiner Vorgänger folgt. Napoleon I. soll schon auf dem grünen Kachelofen am Stammtisch gesessen haben, da hatte er gerade Louisiana an die jungen USA verkauft. Oberkellner Lutz Frietzsche nimmt die Staatsgäste und die Geschichte gelassen: „Ich freue mich auf Herrn Chirac. Das ist ein ganz patenter Mann, und sehr sehr nett.“ Und ein unkomplizierter Gast obendrein, wie Ehefrau Christiane Frietzsche betont.

Schröder und Chirac speisen fern vom Glamour des Elysée-Palastes und der Raffinesse der Novelle Cuisine volksnah von der Karte. Die beiden haben „Beleidigungsklage“ und „Zeugen-Aussage“ geordert. Hinter dem Justiz-Jargon auf der Speisekarte verbirgt sich, wie Küchenchef Andre Sperling verrät, „eine Vorspeise aus Matjes-Tartar, angemacht mit Zwiebeln an selbst gebackenem Nussbrot, ein Römersalat und als Hauptgang ein Berliner Eisbein mit Sauerkraut, Erbsenpüree und Kartoffeln.“

Die Karte der „Letzten Instanz" ist der Alptraum eines jeden Vegetariers: Eisbein, Bulette, Blut- und Leberwurst so weit das Auge reicht. Germanien setzte bei der Küchenkultur schon früh auf den Sonderweg des widerborstigen Schweins. Joschka Fischer lässt sich eine Extrawurst braten und bat an Stelle des Eisbeins um ein „Filet vom Zander“. Dazu wird er vermutlich Wasser trinken, während die Staatenlenker zum Bierkrug greifen. Wein gäbe es zwar auch, doch „Herr Chirac trinkt bei uns meist ein Bier“. Beim Nachtisch sind alle wieder vereint: rote Grütze mit Vanillesoße.

Wie Innenminister Otto Schily die Karte gefällt, die sich wie ein Strafrechtskatalog liest, oder ob Verbraucherministerin Renate Künast fastet, da alles aus konventionellem Anbau stammt, das alles ist Frietzsche wurscht: „Ich bin da nicht so erregt. Gregor Gysi hat hier seine Hochzeit, Björn Engholm Partys gefeiert und Roman Herzog bestellt hin und wieder einen Tisch, ganz privat.“

Von der Lokalprominenz aus dem Roten Rathaus gegenüber spricht er gar nicht. Seit zehn Jahren kellnert er letztinstanzlich und übt sich im Understatement: „Prominente sind mir so lieb wie Lieschen Müller.“ Wahrscheinlich ist es diese Unaufgeregtheit von Wirt Rainer Sperling und den Frietzsches, der die „Letzte Instanz“ ihre Integrationskraft verdankt. Stammtischbrüder, Touristen, Künstler und Politiker aus allen politischen Systemen füllen hier einträchtig ihre Mägen und leeren ihre Gläser.

Da das BKA vor jedem Staatsgast die niedrigen Räume mit den alten Stichen an den getäfelten Wänden gründlich inspiziert, tun sie es in aller Sicherheit. Auch Hans Eichel wird dem Abend seinen Segen geben. Eine „Zeugen-Aussage“ in der „Letzten Instanz“ belastet den Steuersäckel nur mit elf Euro. Ihren Namen hat die Gaststätte angeblich von zwei Bauern, die sich gegenüber im Amtsgericht lang und vergeblich stritten, bis sie schließlich in der Destille beim Zechgelage „in der letzten Instanz“ Frieden schlossen.

„Zur letzten Instanz“, Waisenstraße 14-16, Mitte, Mo-Sa 12-1 Uhr, So 12-23 Uhr, Tel. 2425528 .

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