Berlin : Gassenhauer vorm Altar

Paul Linckes Gemeinde feiert den 100. Geburtstag der „Berliner Luft“ – mit einer Operettenaufführung

Carsten Niemann

Auf leisen Flügeln des Gesangs kam er nicht auf die Welt: jener Schlager, der im Frühjahr 1904 vom Apollo-Theater in der Friedrichstraße die Stadt eroberte. „Das macht die Berliner Luft, Luft, Luft…“ sang, piff, summte, leierte und grölte man von Stund an in Gassen, Gartenlokalen und Arenen. Und hat nie mehr nicht damit aufgehört. Die Jingles in den Regionalzüge der Bahn kommen ebenso wenig ohne das populäre Anfangsmotiv aus wie Anbieter von Klingeltönen. Selbst hoch seriöse Musikhistoriker wie Edmund Nick wurden von dem Marsch gepackt und mussten einsehen, dass „der Berliner-Luft-Marsch künstlerisch eben so wenig gewertet“ werden könne „wie ein Elementarereignis. Er überfährt einen, er reißt einen mit…“

Urheber des „Elementarereignisses“ war der Komponist Paul Lincke, 1866 geboren in der Holzmarktstraße. „Die Melodie zu meinem Schlager,“ so kokettierte der Komponist, „kam mir im Spreewald, als ich in einem der dortigen Ausflugslokale bei ‚Aal grün mit Gurkensalat’ saß und die fröhlichen Berliner Ausflügler beobachtete... Plötzlich klang die Melodie in mir auf und mein Freund Bolten-Baeckers machte am nächsten Tag den Text dazu…“ Geschrieben hat Lincke die Melodie ursprünglich für eine Ausstattungsrevue mit belangloser Handlung, die sich während der Probenphasen prompt den Titel „Berliner Luft“ einhandelte. Heute ist diese Revue vergessen, denn Lincke montierte den Marsch bald in das Finale seines populärsten Werks, „Frau Luna“, ein, dessen Text ebenfalls von Heinz Bolten-Baeckers stammt. „Frau Luna“ ist das erste und wichtigste Werk der „Berliner Operette“, mit der sich Berlin – Emporkömmling unter den europäischen Hauptstädten – endlich zu einer Metropole des leichten Musiktheaters aufschwang.

Die Berliner dankten es Lincke mit lange anhaltender Verehrung, auch über die nur bis zum Ersten Weltkrieg reichende kurze Blüte der Berliner Operette hinaus. Heute jedoch steht es schlecht um das Genre. An der Stelle, wo „Frau Luna“ Triumphe feierte und von wo die „Berliner Luft“ in alle Welt strömte, sieht das leer stehende marode Metropol- Theater einer ungewissen Zukunft entgegen. Der Geburtstag der Berliner Hymne wäre wohl sang- und klanglos vorübergegangen – wenn sich nicht Linckes Taufgemeinde St. Jacobi des Stücks angenommen hätte. Deren Kantor Oliver Lüsch war der Ansicht, dass sich die Kirche ihres berühmtesten Sohns nicht zu schämen brauche, und organisierte eine Jubiläumsaufführung im Gotteshaus. Sogar die Regie wurde von dem experimentierfreudigen Kantor übernommen, der mit dem Luisenstädtische Vokalensemble und das Friedemann-Bach-Orchester zwei stadtweit geschätzte Amateurensembles leitet. Die Solistenpartien wurden professionellen Sängern anvertraut, während die glitzernden Kostüme vom ehemaligen Metropol-Kostümbildner Manfred Bitterlich stammen.

Die Kanzel des Gotteshauses funktionierte man frech zur Luftschiffgondel um, während der Altarraum eine erstaunlich prachtvollen Showtreppe von Frau Lunas Mondreich abgibt. Die Darsteller bleiben derweil mit viel Sympathie für den noch immer schlagkräftigen Zille-Humor der Vorlage am Boden. „Von Hand gemacht – und mit Herz“, so freute sich Margot Lincke-Madersbacher, die Großnichte des Komponisten zu Recht über eine gelungene Premiere. Die Hommage an die „Berliner Luft“ ist noch lange nicht verpufft: Heute und Sonntag ist Frau Luna in der Kirche noch einmal zu sehen.

Frau Luna, Sonnabend und Sonntag jeweils um 20.30 Uhr in der Jacobi-Kirche, Kreuzberg, Oranienstraße 133, Karten unter der Telefonnummer 61659791

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