Gastbeitrag : Die Kita muss Pflicht sein!

Nicht erst seit dem Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz ist das Thema voll in der politischen Agenda angelangt. Während die einen sich über zu wenige Plätze erbosen, fordert unser Gastautor und Berliner SPD-Fraktionschef Raed Saleh eine generelle Kita-Pflicht.

Raed Saleh
Der kleine Bruno fordert einen Kita-Platz in Leipzig. Unser Gastautor fordert die Kita-Pflicht. "Wie lange wollen wir noch tausende Kinder ungebildet zurücklassen?", fragt Raed Saleh.
Der kleine Bruno fordert einen Kita-Platz in Leipzig. Unser Gastautor fordert die Kita-Pflicht. "Wie lange wollen wir noch...Foto: dpa

Ich erinnere mich gut an den Direktor der Hans-Fallada-Grundschule in Neukölln, mit dem ich auf seinem Schulhof ins Gespräch kam. Er bat mich dringend um mehr „Sprachmittler“. Das ist ein anderes Wort für Dolmetscher. Vielleicht klingt „Sprachmittler“ weniger schlimm, aber es läuft auf das Gleiche hinaus. Ich frage mich: Wie kann unsere Gesellschaft den Skandal akzeptieren, dass Lehrer und Schüler einander schon sprachlich nicht verstehen? Warum nehmen wir es hin, dass Jahr für Jahr einem Teil unserer Jungen und Mädchen Zukunftschancen geraubt werden?

Fast 10 Prozent ohne Schulabschluss

In Berlin gibt es eine gespaltene Kindheit: Manche Kinder werden früh gefördert, erhalten Musik- und Sprachunterricht schon als Kleine. Andere kennen von zu Hause nur den Fernseher. Jedes dritte Kind in Berlin lebt in einem Hartz-IV-Haushalt. Fast 40 Prozent der Kinder, die heute eingeschult werden, haben einen Migrationshintergrund, Tendenz steigend. Diese Kinder sind unsere Kinder, auch sie werden für den Wohlstand der Stadt gebraucht. Nun hat nicht jedes Kind mit Migrationshintergrund Sprach- oder Leistungsdefizite. Nicht jedes Kind mit Ballett- oder Musikunterricht ist sozial unauffällig. Aber ein Teil all dieser Kinder bleibt auf der Strecke. Die Tragödie ist: Noch immer verlassen fast zehn Prozent der Jugendlichen die Schule ohne einen Schulabschluss.

Oft und gerne treffe ich Vertreter der Wirtschaft. Sie erzählen mir dann von „nicht ausbildungsfähigen“ Jugendlichen, dabei seien Lehrstellen frei. Auf meine Nachfrage hin sagen mir Unternehmer: Wie soll ich einen jungen Menschen an meine Hotelrezeption stellen, wenn er nicht weiß, dass man sich die Hand gibt, wenn man sich begrüßt? Der sich am Telefon nicht ausdrücken kann? Der eher dürftig rechnen kann? Die Hauptthemen der Wirtschaftsvertreter sind oft nicht mehr Steuersenkungen oder Fördermittel. Die Gespräche drehen sich oft darum, wie die Berliner Wirtschaft auch in zehn Jahren noch Mitarbeiter findet.

Kein Glaube an sozialen Aufstieg

Für unsere Gesellschaft ist das eine tickende Zeitbombe. Angesichts des demografischen Wandels heißt das, dass wir nicht nur unseren Wohlstand verlieren werden, sondern auch unseren sozialen Frieden gefährden: Eine gespaltene Kindheit kann zu einer verfeindeten Gesellschaft führen. Die betroffenen Jugendlichen kennen ihre Perspektiven. Sie verlieren den Glauben an den sozialen Aufstieg meist lange vor dem Schulabschluss.

Eine Ursache dieser Tragödie ist die zu späte Förderung. Zwei Drittel aller Kinder, die nie die Kita besucht haben, kommen mit Sprachdefiziten in die Schule. Nach zwei Jahren Kita-Besuch sind es nur 19 Prozent. Auch für das Sozialverhalten, die Motorik bis hin zur Konzentrationsfähigkeit ist die Kita eine wichtige Bildungsstätte. Kein Zweifel: Ohne Kitabesuch sind Nachteile in der Schule sehr wahrscheinlich. Kein Bildungsforscher, keine Partei, kein Journalist bestreitet heute noch die Notwendigkeit der frühkindlichen Bildung. Übrigens bestreitet auch niemand, dass Berlin vor gewaltigen Veränderungen steht und ein ernsthaftes Problem mit der sozialen Integration bekommt. Aber wie gehen wir mit dem gesellschaftlichen Konsens um, was leiten wir aus dem einhelligen Befund ab?

Frühkindliche Bildung ist eine Unannehmlichkeit

Die allermeisten Kinder, so sagte man mir, gehen in Berlin zur Kita, darum brauche man keine Pflicht. „Nur“ etwas mehr als elf Prozent aller Kinder haben bei der Einschulung die Kita weniger als zwei Jahre lang besucht. Mit demselben Argument könnte man Ampeln abschalten. Vielleicht würde ja in 89 Prozent der Fälle kein Unfall passieren? Ich möchte mich nicht damit abfinden, dass elf Prozent der Kinder schon einen Nachteil haben, bevor sie jemals einen Schulhof betreten.

In der Diskussion haben fast alle zugegeben, dass es gut wäre, wenn alle Kinder die Kita besuchten – aber eine verbindliche frühkindliche Bildung sehr viele Unannehmlichkeiten für die Eltern mit sich brächte. Man könne das Kind dann nicht eben zur Oma geben oder außerhalb von Ferienzeiten Urlaub machen. Dabei muss man schon heute sein Kind abmelden, wenn es nicht zur Kita kommt.

Hartnäckiger Anteil von Kindern ohne Kita-Besuch

Viele stören sich am Prinzip der Pflicht. Als Heinz Buschkowsky die Kitapflicht forderte, wurde das Prinzip kritisiert. Als die Berliner SPD 2009 eine Kitapflicht forderte, kam das gleiche Argument: Man dürfe Eltern nicht zwingen, man müsse sie überzeugen. Ich frage mich – wie lange sollen wir warten? Wir haben in Berlin um den Kitabesuch geworben, wir haben Vorschuluntersuchungen eingeführt, wir haben die Beiträge abgeschafft, wir schicken die Jugendämter zu den Familien. Aber trotzdem bleibt ein Teil der Kinder außen vor. Wir haben alle Anreizinstrumente ausgeschöpft, mit riesigem Erfolg. Berlin ist heute Vorreiter beim Kitabesuch. Trotzdem hält sich ein hartnäckiger Anteil von mehreren tausend Kindern pro Jahr ohne oder mit nur geringem Kitabesuch – sollen wir sie zurücklassen? Weil eine Pflicht unschön klingt oder schwer durchzusetzen ist? Sollen wir mehrere tausend Kinder zurücklassen, weil es anstrengend ist?

Kitapflicht als verlängerte Schulpflicht

Wo den Kritikern keine politischen Argumente mehr einfallen, da verstecken sie sich hinter überkommenen Rechtsauffassungen aus dem vorletzten Jahrhundert. Die letzten Gefechte gegen die Kitapflicht werden juristisch geführt. In früheren Urteilen und Rechtsgutachten heißt es, dass die Kita eine Fürsorgeeinrichtung wäre – und die Kitapflicht die Elternrechte zu sehr beschränke. Nun sind aber Kitas – das bestreitet niemand mehr – Bildungseinrichtungen. Damit wäre das Land zuständig; und das Recht auf Bildung und Chancengleichheit der Kinder wäre gegen die Elternrechte abzuwägen. Die Erfahrung zeigt, dass juristische Auffassungen oft der gesellschaftlichen Wirklichkeit hinterherhinken, und die Politik leider auch. Das konservative Familienbild kann ein Lebensentwurf bleiben, aber er steht neben anderen. Ob zu den Erziehungsrechten der Väter, zur Anerkennung unehelich geborener Kinder oder zur Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften – am Ende kam die Wirklichkeit auch in den Parlamenten und Gerichtssälen an. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Kitapflicht schon sehr bald als verlängerte Schulpflicht anerkannt werden wird.

Raed Saleh ist Vorsitzender der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus