Gedenken an Holocaust : Fachkraft für Stolpersteine gesucht

In Schöneberg können Anträge für Stolpersteine nicht bearbeitet werden. Bisher war eine Vollzeitkraft mit der Aufgabe betraut. Nach ihrem Ausscheiden sucht der Bezirk zunächst nach einer finanziell günstigeren Lösung.

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In Gedenken an die Opfer: Stolpersteine in der Dahlmannstraße.
In Gedenken an die Opfer: Stolpersteine in der Dahlmannstraße.Foto: Cay Dobberke

Selma Lehmanns Söhne Ernst und Herbert konnten noch rechtzeitig nach Palästina entkommen, sie selbst wurde 1941 im Konzentrationslager Kowno in Posen ermordet. Seit dem 16. Oktober 2014 erinnert am Viktoria-Luise-Platz 5 ein Stolperstein an die Schöneberger Jüdin. Am selben Tag wurde auch ein Gedenkstein für Malwine und Paul Saloschin an der Sponholzstraße 44 am S-Bahnhof Friedenau verlegt. Beide starben im Getto in Lodz. Seither konnten in Tempelhof-Schöneberg keine Stolpersteine mehr in die Bürgersteige eingefügt werden.

Es fehlt in der Bezirksverwaltung ein Mitarbeiter, der alle vorbereitenden Arbeiten gemeinsam mit den ehrenamtlichen Stolperstein-Initiativen koordiniert. Sechsmal haben engagierte Bürger deshalb schon Mahnwachen vorm Schöneberger Rathaus abgehalten. „Es kann nicht sein, dass zum Teil hochbetagte Angehörige, die Steine für ihre ermordeten Vorfahren verlegen lassen wollen, auf Jahre hinaus vertröstet werden“, protestiert beispielsweise die Initiative Stierstraße. „Unsere Gedenkkultur wird unverantwortlich behindert“. Tatsächlich gibt es im Bezirk schon einen Stau an beantragten Stolpersteinen. 84 sind laut Bezirk von Angehörigen oder Hausgemeinschaften verbindlich bestellt, die Initiativen sprechen dagegen von weit mehr als 100 Steinen, die nicht verlegt werden könnten. Verantwortlich für die Verzögerungen ist allerdings nicht alleine der Bezirk.

Der Kölner Künstler will Verlegungen selbst ausführen

Dass alljährlich in ganz Berlin kaum mehr als einige hundert der Steine ins Pflaster kommen, hängt auch mit dem Gründer der Stolperstein-Bewegung und Kölner Künstler Gunter Demnig zusammen. Dieser will die meisten Verlegungen selbst ausführen und hat auch nur wenigen Handwerkern seines Vertrauens genehmigt, die Steine vorher mit Inschriften zu versehen. Andernfalls können die bundesweite Aktion „inflationär“ außer Kontrolle geraten, fürchtet er. Drei- bis viermal pro Jahr kommt Demnig deshalb nach Berlin und verlegt dann in Serie.

Die Vollzeitkraft sei bisher gut ausgelastet gewesen

In Berlins Bezirken ist die Zusammenarbeit mit ihm sowie mit den Bauämtern und Antragstellern für eine Verlegung verschieden organisiert. In Charlottenburg-Wilmersdorf erledigen fast nur Ehrenamtliche die vorbereitenden Arbeiten. In Tempelhof-Schöneberg aber war es den Archivaren des Bezirksmuseums von Beginn an wichtig, dass auch ein professioneller Koordinator und sie selbst mitwirken. Schon allein, damit recherchierte Erkenntnisse über die Opfer nicht in Privatarchiven verschwinden sondern zentral für Jedermann verfügbar bleiben.

Diese Aufgabe erfüllte in den vergangenen fünf Jahren bis Herbst 2014 eine Vollzeitkraft des Bezirks. „Sie war gut ausgelastet“, sagt die Chefin des Schöneberg-Museums Petra Zwaka: Mit biografisch-historischen Recherchen, behördlichen Anträgen, der einfühlsamen Betreuung von Angehörigen. Seit ihrem Ausscheiden aber bemüht sich der Bezirk erst einmal um eine finanziell günstigere Lösung. Man suche über Förderprogramme für Langzeitarbeitslose des Jobcenters einen Bewerber, heißt es. Doch selbst Bildungsstadträtin Jutta Kaddatz (CDU) ist skeptisch, „ob wir auf diesem Wege eine qualifizierte Kraft finden“. Die Anforderungen seien recht hoch.

Gemeldet hat sich bisher niemand. Kaddatz will noch bis Ende April abwarten – und danach wieder eine feste Bezirksstelle ausschreiben. Grünes Licht dafür haben die Bezirksverordneten schon gegeben.

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