Gedenkort Bornholmer Straße : Ernennung zum Platz des 9. November - zum zweiten Mal

Der Mauerstreifen an der Bornholmer Straße erhält einen Namen: Platz des 9. November 1989. Eigentlich heißt der Ort schon lange so, aber die offizielle Umbenennung wurde einfach vergessen.

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Der Gedenkort Bornholmer Straße erinnert an den Abend des 9. November 1989. Hier öffnete sich der Schlagbaum zuerst.
Der Gedenkort Bornholmer Straße erinnert an den Abend des 9. November 1989. Hier öffnete sich der Schlagbaum zuerst.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Zwei Flachmänner, leergetrunken, zeugen von einer ost-westlichen Begegnung, die diesem Ort gerecht wird. Jägermeister und Wodka Gorbatschow. Hier oben auf dem Balkon der Bösebrücke wird gelegentlich auf den 9. November angestoßen, das nächste Mal am kommenden Samstag. Der echte Gorbatschow war auch schon mal da, zum 20. Jahrestag, zusammen mit Lech Walesa und der Kanzlerin. Dennoch ist die Bösebrücke (benannt nach Wilhelm Böse, einem NS-Widerstandskämpfer) nicht ins welthistorische Gedächtnis der Menschheit eingegangen. Viele sagen einfach Bornholmer Brücke zu ihr.
Die nördliche Brückenrampe ist einer der Gedenkorte der Berliner Mauer und heißt seit drei Jahren „Platz des 9. November 1989“. Nur weiß das niemand, was unter anderem daran liegt, dass zur Einweihung des Gedenkortes am 9. November 2010 kein Schild aufgestellt wurde. Die Benennung eines Platzes braucht schließlich einen langen behördlichen Vorlauf. Auf dieses Prozedere hat man damals einfach verzichtet.
Das fehlende Schild fiel nicht weiter auf. Am Platz des 9. November wohnt niemand, also nahm auch die Post keinen Anstoß. Die S-Bahn fügte den Platz in ihre Umgebungskarten ein, beim Kartendienst Kauperts ist der Name längst ein Begriff, selbst im Bezirksamt Pankow geriet zwischendurch in Vergessenheit, dass dem Platz des 9. November noch etwas fehlen könnte. „Das wurde nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit verfolgt“, räumt Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) ein.

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1 von 13Foto: Doris Spiekermann-Klaas
13.04.2016 09:16Es gibt kein Einheitsdenkmal in Berlin? Stimmt nicht, gleich mehrere Denkmäler in der Stadt erinnern an Teilung, Fall der Mauer...


Bis doch jemandem auffiel, dass es den Platz offiziell noch gar nicht gibt. Nun, drei Jahre nach seiner Einweihung, wird die richtige Benennung nachgeholt. Ein typisches Berliner Straßenschild wird aufgestellt, und die Bezirksbürgermeister von Pankow und Mitte, die sich ohnehin jedesmal am Abend des 9. November hier treffen, werden kurze Reden halten.
Mit dem Namen erhält der Platz auch einen barrierefreien Zugang, der den Mauerweg unter der Brücke mit der Brückenrampe verbindet. Dieser Weg, geschätzt 50 Meter kurz, kostet nach Bezirksangaben 530 000 Euro. Eine halbe Million für ein bisschen Asphalt und ein paar Laternen? "Der Weg an der Böschung hat sich durch Umplanungen verteuert", sagt Klaus Wazlak von der BVG, die den Bau im Auftrag von Bezirk und Senat gemanagt hat. Erst sei Munition gefunden worden, anschließend habe die Stützmauer erhöht werden müssen, schließlich hätten die benachbarten Kleingärtner moniert, der Weg sei zu eng bemessen. Die Gedenkstätte selbst mit ihren Fotowänden und Stahlbändern mit Zitaten vom Mauerfall war für 350 000 Euro zu haben.


Der Schwerpunkt der Grenzabfertigung Bornholmer Straße lag eigentlich auf der Südseite der Brücke, dort wurde schon 1990 ein Gedenkstein aufgestellt. Jahrelang verhandelten Bezirk und Senat mit dem privaten Eigentümer der Fläche, um eine Gedenkstätte einzurichten, doch nach der Übernahme durch Lidl scheiterten die Gespräche. Inzwischen steht ein Einkaufsmarkt auf der ehemaligen Zollabfertigung für Westdeutsche. Ein weiteres Kuriosum sind acht Wohnungen, die auf Betreiben des Bezirks in den Supermarkt-Flachbau integriert wurden. Im Treppenhaus, gleich neben der Pfandflaschenannahme, stehen jede Menge Fahrräder und ein Kinderwagen.
Vor dem Lidl-Grundstück liegt noch eine Brache mit der Originalzufahrt zu den Abfertigungshäuschen. Die Fläche ist verwildert, Jugendliche haben sich eine Bahn für BMX-Räder angelegt. Die Brache gehört laut Köhne auch Lidl. Eine Anfrage, was damit geschehen soll, ließ der Discounter bislang unbeantwortet.
Die Bornholmer Brücke ist zwar der authentische Ort des Mauerfalls – hier wurde gegen 23 Uhr 30 am Abend des 9. November 1989 der Schlagbaum geöffnet – in der Wahrnehmung des Auslands wird aber immer das Brandenburger Tor mit dem 9. November in Verbindung gebracht. Dort wurde der Platz aber den Märzgefallenen von 1848 gewidmet.
Köhne fände es „eine gute Idee“, wenn die S-Bahn ihre Station Bornholmer Straße in Platz des 9. November 1989 umbenennen würde. Eine Anfrage hat er noch nicht gestellt, weil er ahnt, dass ihm umgehend Ablehnung entgegenschlagen würde. Der Gedenkort brauche eine stärkere Präsenz in der gedenkstättenreichen Hauptstadt, findet Köhne.
Am Dienstagmorgen ist der Platz verwaist. Bis ein junger Mann zielstrebig eine Gedenkbank ansteuert und sein Smartphone bearbeitet. Er spiele „Ingress“, sagt er, dabei geht es um „Erleuchtete und Widerständler“. Klingt ganz nach den letzten Tagen der DDR.

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