Gedenkstätte Plötzensee : Mörder neben Widerstandskämpfern

In der Gedenkstätte Plötzensee wird nicht nur an hingerichtete Nazi-Gegner erinnert, sondern auch an Schwerkriminelle. Das wundert manchen Besucher. Die Forscher sind sich dieses Problems bewusst, stehen aber vor einem Dilemma.

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Kranzniederlegung in der Gedenkstätte Plötzensee - Archivfoto von 1997.
Kranzniederlegung in der Gedenkstätte Plötzensee - Archivfoto von 1997.Foto: dpa

August Heisig, Schuhmacher und Anwohner der Schöneberger Alvenslebenstraße 4, ist außer sich. Im Hausflur steht ein Paket, das an einer Seite aufgerissen ist. Da schaut eine menschliche Hand heraus. Heisig ruft die Nachbarn zusammen und alarmiert die Polizei. Auch in anderen Hausfluren, in der Spree und in Zügen tauchen Pakete und Koffer mit Leichenteilen auf. Die Funde sind so gruselig, dass die Zeitungen berichten und die Polizei ermittelt. Es ist November 1943.

Eine Spur führt zu August Eckert, einem 35-jährigen Reichsbahngehilfen aus der Schöneberger Gotenstraße. Wie sich herausstellt, hatte er ein Verhältnis mit Vera Korn. Sie war ihm gleich aufgefallen, als er im März 1943 den Auftrag bekam, beim Arbeitsamt für Juden eine Gruppe Frauen abzuholen und zum Reichsbahn-Ausbesserungswerk Grunewald zu bringen. Doch schon bald führt sich Eckert wie ein eifersüchtiger Wüterich auf und macht seiner Geliebten in aller Öffentlichkeit Szenen, die für beide lebensbedrohliche Folgen haben können. Vera Korn ist Jüdin, die Verbindung verstößt gegen die „Rassengesetze“. Die Familie von Vera Korn wurde bereits deportiert und ermordet. Als sich Eckert als zunehmend unberechenbar entpuppt, will sich Vera Korn von ihm trennen und fordert eine Kassette mit Schmuck zurück, die ihr die Eltern vor der Deportation überlassen hatten und die sie bei Eckert deponiert hatte. Es kommt zum Streit, Eckart greift zum Hammer und erschlägt Vera und ihre Tochter Eva. Als angelernter Fleischer weiß er, wie man Körper zerteilt. Er denkt, das sei die beste Möglichkeit, die Leichen wegzuschaffen. Eckert wird jedoch verhaftet und gesteht. Am 28. März 1944 fällt das Todesurteil. Einen Tag später wird er in Plötzensee enthauptet.

Der britisch-deutsche Historiker Michael Klein hat den Fall im Landesarchiv Berlin recherchiert, vor vier Jahren erschien sein Buch „Vera und der Braune Glücksmann. Wie der NS-Staat einen Judenmörder hinrichtete“. Auch im multimedialen Totenbuch in der Gedenkstätte Plötzensee wird an August Eckert erinnert. Im Onlineterminal ist er auf einem Foto mit Haartolle und modischem Halstuch zu sehen. Sein Verbrechen? In der Gefängnisakte, die in Auszügen im Totenbuch dokumentiert ist, steht in feinem Sütterlin: „Raubmord an Juden“.

„Wie kann es sein, dass ein so brutaler Judenmörder zusammen mit Widerstandskämpfern geehrt wird“, empört sich eine ältere Frau in der Gedenkstätte. Sie hat Kleins Buch gelesen und findet: „August Eckert muss doch rausgenommen werden.“ Knapp 3000 Menschen wurden zwischen 1933 und 1945 in Plötzensee hingerichtet, informieren Ausstellungstafeln. Darunter die Offiziere des 20. Juli 1944, die Frauen und Männer der Roten Kapelle, tschechische Widerstandskämpfer, Bauern, die entflohenen Zwangsarbeitern geholfen haben, und Berliner, die Juden versteckten.

„Unser Auftrag ist es, die Namen aller Opfer der NS-Justiz zusammenzutragen, die in Plötzensee hingerichtet wurden, ungeachtet der Tat, die sie begangen haben“, sagt Johannes Tuchel, der Leiter der Gedenkstätte. „Es scheint mir nicht angemessen, im Nachhinein die Opfer auseinanderzusortieren.“ Denn dann laufe man Gefahr, die Bewertungen der Nazis zu übernehmen. Zu jeder Person sollten so viele Informationen wie möglich bereitgestellt werden, damit sich der Besucher ein eigenes Bild machen könne. Von den 2900 Personen, die bislang bekannt sind, habe man noch nicht alle Lebensläufe erforschen können, erklärt Tuchel, auch Eckerts Biografie habe man sich noch nicht vorgenommen. Es kämen auch 65 Jahre nach Kriegsende immer noch neue Namen von Hingerichteten dazu. Vor kurzem habe ihn ein Mann aus Polen besucht, der ihm Dokumente zeigte, wonach ein Angehöriger in Plötzensee ermordet worden ist. Da die Hälfte der Hingerichteten Ausländer waren, arbeite man mit vielen ausländischen Archiven zusammen, auch dies sei ein Grund dafür, „dass wir uns nur langsam vorarbeiten können“. Zunächst habe man die Biografien derjenigen erforscht, die vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt worden sind, über Eckert habe ein Berliner Sondergericht geurteilt. Das Buch von Michael Klein kenne er nicht, sagt Tuchel. Er werde dem Hinweis nachgehen.

Hermann Simon vom Centrum Judaicum versteht Tuchels Argumentation, dass es schwierig ist, im Nachhinein zwischen „guten“ und „schlechten“ Opfern zu unterscheiden. „Das ist ein Problem von allen Gedenkbüchern“, sagt er.

„Es lässt sich keine trennscharfe Unterscheidung treffen zwischen diesen und jenen Opfern“, sagt Horst Seferens von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, zu denen auch das ehemalige Zuchthaus Brandenburg gehört. Es war wie Plötzensee eine der zentralen Hinrichtungsstätten des NS-Regimes. „Aber man muss deutlich unterscheiden zwischen dem Dokumentarischen und dem Gedenken“, sagt Seferens. Dokumentiert würden die Lebensläufe aller Hingerichteten, egal ob es sich um rassisch oder politisch Verfolgte oder um Kriminelle handelte. Offiziell geehrt würden aber nicht alle.

„Auch wir bewerten die einzelnen Taten nicht“, sagt Wilfried Knauer, der Leiter der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel, einer der anderen NS-Hinrichtungsstätten. „Wir gehen von dem Grundsatz aus, dass die Todesstrafe an sich abzulehnen ist.“ Unter den 700 Personen, die zwischen 1937 und 1945 in der JVA Wolfenbüttel den Tod fanden, sei ein „nicht unerheblicher Teil klassisch Schwerkrimineller“, sagt Knauer. „Aber selbst für diese Menschen hätte es keine Todesstrafe geben müssen.“ Es gebe noch ganz andere Konfliktlinien im Gedenken, sagt Knauer. So wollten zum Beispiel Angehörige von hingerichteten Mitgliedern der Zeugen Jehovas ihre Toten nicht neben jenen Toten bestattet wissen, die wegen ihrer Homosexualität ermordet wurden. „Wir gehen auf diese Befindlichkeiten nicht ein“, sagt Knauer. „Opfer ist Opfer.“

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