Berlin : Gegen die Wand

Sie wollen kein eigenes Haus bauen und trotzdem beim Grundriss mitreden? Es gibt da eine gute Idee.

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Von Matthias Oloew Raufasertapeten – grauenvoll! Laminatfußböden – schrecklich! Plastikfenster – igitt! Auf ihrer Suche nach einer passenden Eigentumswohnung sind Petra Schwarzer und Bernhard Knape nicht fündig geworden. „Auch der Zuschnitt der Wohnungen hat fast nie gepasst.“ Und sie waren nicht bereit, viel Geld für eine Wohnung auszugeben und dann noch zusätzlich draufzulegen, um die Tapeten, Böden oder Fliesen auszutauschen. Ihre Lösung: Wir bauen selber, mit freier Entscheidung über Fenster und Böden und vor allem über die Wände.

Die Möglichkeit dazu bot sich ihnen in einer Baugruppe. Zehn Eigentümer haben sich unter der Führung der Architekten Christoph Roedig und Ulrich Schop zusammengetan, um in der Anklamer Straße in BerlinMitte ein Haus zu bauen, das jedem von ihnen den Spielraum lässt, frei zu entscheiden, wo es Wände gibt und wo nicht. So wie Petra Schwarzer und Bernhard Knape ging es den beiden Architekten nämlich selbst: Auch sie haben keine passende Wohnung gefunden. Die Baugruppe hat sich dann schnell gefunden, über Mundpropaganda, Empfehlung oder bei einem Gespräch auf der Party. Da haben Roedig und Schop erzählt von ihrem Bauprojekt und dass sie noch Mitstreiter suchten – und Petra Schwarzer und Bernhard Knape waren schnell überzeugt, es als Bauherren zu versuchen.

Beim Bauen haben sie dann allerdings neue Seiten an sich entdeckt. „Ich habe auf meiner Kuschelecke bestanden“, sagt die Sozialarbeiterin, „in der ich lesen oder einfach nur für mich sein kann.“ Er hätte dagegen auf die Hälfte der Wände verzichtet. „Ich habe schon zum Lernen fürs Abitur am liebsten in der Küche gesessen, wo die Mutter gekocht hat“, erzählt der Architekt. „Ich will hören, dass noch jemand anderes in der Wohnung ist.“ Ihr Kompromiss: Wände ja, aber mit großzügigen Durchbrüchen, die mit wandhohen Schiebetüren entweder geschlossen oder geöffnet werden können.

Die Wände machen es Petra Schwarzer zudem möglich, für ihren erwachsenen Sohn einen separaten Bereich zu schaffen. Sie könnte sich auch vorstellen, ihre Mutter einmal aufzunehmen, wenn der Sohn aus dem Haus ist. „Es könnte sein, dass die Wohnung für uns alleine zu groß ist, wenn wir älter sind“, sagt sie. Deshalb sollte der Grundriss die Option bieten, eine separate Wohnung für die Mutter unterzubringen. Auch das ist eine Frage, mit der sich Petra Schwarzer zumindest jetzt noch nicht auseinander gesetzt hätte, wenn sie nicht entschieden hätte, Bauherrin zu werden.

Die Mitglieder der Baugruppe in der Anklamer Straße haben mit der Planung an ihren Wohnungen und dem Haus genau überlegt: Wie ist meine augenblickliche Lebenssituation? Wie wird mein Leben im Alter aussehen? Das haben sie dann versucht, in den Grundriss ihrer Wohnung umzusetzen. Acht der zehn Parteien sind Paare in den Vierzigern, in drei Wohnungen des Neubaus leben Kinder.

Die beiden Architekten haben sie dabei beraten, vorgeschrieben haben sie nichts. In allen sechs Etagen des Hauses konnten die Eigentümer in dem etwa zwei Meter 80 hohen Raum ohne tragende Wände fast vollständig frei entscheiden, wie die Wände stehen sollten. „Bei einer fertigen Eigentumswohnung oder auch einem Dachrohling wäre das alles nur wesentlich eingeschränkter möglich gewesen“, sagt Bernhard Knape. Das neue Haus bot fast alle Möglichkeiten. Eine ganze Etage fasst rund 135 Quadratmeter, zwei Maisonettewohnungen kommen auf etwa 110.

Die Aufgabe bedeutete für die Eigentümer viel Kopfarbeit. „Bei den Gesprächen haben wir erst festgestellt, wie unterschiedlich die Ansprüche in unserer Lebensgemeinschaft sind“, sagt Petra Schwarzer. Die Baugruppe bedeutete aber nicht nur, sich auf den Partner neu und anders einzustellen, sondern auch auf die anderen Bauherren. Ein Experiment. „Da hatten wir doppelt großes Glück“, meint Knape, „zuerst, weil die Architekten selbst mit eingezogen sind, und dann, weil es eine sehr große Bereitschaft gab, sich zu öffnen.“ Es durfte schließlich nichts unterm Tisch bleiben, um das gesamte Projekt zu gefährden. Auch nicht die finanzielle Situation der Parteien. „Jeder hat gesagt, wie es mit dem Geld aussieht und was er sich leisten kann“, erzählt Petra Schwarzer, „weil jeder wollte, dass das Haus so schnell wie möglich steht.“ Zu teuer durfte der Neubau nicht werden. Im Durchschnitt haben die Eigentümer jetzt 1700 Euro pro Quadratmeter gezahlt.

Gespräche, Diskussionen, Beratungsrunden – das klingt nach großem Aufwand. Tatsächlich kam das Projekt zügig voran. Im Juli 2003 hat die Baugruppe das brachliegende Grundstück begutachtet, im September die Planungsgesellschaft gegründet, im November das Grundstück gekauft und im Dezember den Bauantrag eingereicht. Eingezogen sind alle zu Beginn dieses Jahres. „Der größere Aufwand ist angemessen“, sagt Schwarzer, „ich habe jetzt das Gefühl, jeden Stein der Wohnung zu kennen.“

Ein entscheidender Moment in der Planungsphase war gekommen, als alle Eigentümer an einem Abend ihre Grundrisse vorlegten und der Gruppe erklärten, warum sie ihre Wände so und nicht anders gestellt haben. „Da habe ich Sachen gesehen, auf die ich nie gekommen wäre“, erzählt Marcus Ebneth, der zusammen mit seinem Freund unterm Dach wohnt. Für die beiden stand danach fest: Sie planen noch einmal neu. Die Küche wurde in den Eingangsbereich integriert, nur den Mut, aufs zweite Badezimmer zu verzichten, haben sie nicht aufgebracht.

Im Gegensatz zu Bernhard Knape und Petra Schwarzer haben sie kaum Wände in ihrer Wohnung. „Ich finde es schön, wenn die Räume groß und wenig Möbel drin sind“, sagt Ebneth. So groß ist der übergangslose Wohn- und Arbeitsbereich geworden, dass bei der Einweihungsparty problemlos die Standardtänzer ihre Runden drehen konnten.

Die beiden Männer haben sich um ihren Grundriss nicht so viele Gedanken machen müssen. Kinder sind naturgemäß nicht zu berücksichtigen und auch andere Fragen kamen bei ihnen gar nicht erst auf. „Bei meinem Beruf kann ich nicht sicher sagen, ob ich in zehn Jahren noch hier leben werde“, sagt Marcus Ebneth, der als Biologe in Berlin arbeitet. Das ist für seinen Freund, den Theologen Uwe Reichwaldt, zwar keine Frage. Aber dennoch haben die beiden nicht darüber nachgedacht, ob eine Wohnung ohne raumteilende Wände im Alter noch das Richtige ist. Wenn sich einer von beiden jetzt zurückziehen möchte, dann geht das nur im Schlafzimmer. „Da kommt nun noch ein Tisch und ein Ohrensessel hinein – zum Wohlfühlen“, sagt Uwe Reichwaldt. Sein Freund lacht und rollt dabei die Augen.

Die beiden waren sich schnell einig, was die Größe der Räume, was die Küche und Bäder angeht. Diskussionen gab es dann aber doch – über das Thema Behaglichkeit. „Ich bin nicht so ein Anhänger der Beton-Fraktion“, sagt Reichwaldt. Mit den grauen Wänden kann er leben, aber die Idee seines Freundes, auch noch den Fußboden mit dunkelgrauem Estrich auszugießen, war ihm dann doch zu viel. Der Kompromiss ist ein dunkler Parkettboden mit Fußbodenheizung.

Die beiden waren sich auch einig, dass sie sich genau das gewünscht haben: in einem Haus zu wohnen, in dem man die Tür hinter sich zumachen kann, aber alle Parteien kennt. „Für die Hausbesetzerzeit war ich nicht rechtzeitig in Berlin“, sagt Ebneth. Und sein Freund ergänzt: „Wenn man in so ein Haus einzieht, weiß man genau, worauf man sich einlässt.“ Schließlich hatten sich alle in der Bauphase intensiv kennen gelernt, manchmal auch gestritten. Eine große Kommune ist nicht daraus geworden. Aber man spricht fast täglich miteinander.

Zum Beispiel über der Frage, was zu tun ist, wenn Gäste kommen. Gäste können Wände in der Wohnung nötig machen, sei es für die separate Schlafcouch oder ein eigenes Badezimmer. Mit dieser Frage haben sich die Eigentümer nicht auseinander setzen müssen, weil die Architekten einen ebenso einfachen wie genialen Einfall hatten. Direkt neben der 100 Quadratmeter großen Gemeinschafts-Dachterrasse gibt es eine Gästewohnung, die jeder Partei abwechselnd zur Verfügung steht. Eine Investition, die zu keinem Zeitpunkt strittig war.

Über die Diskussion um die Wände im Haus haben die Eigentümer mehr über sich und ihre Nachbarn gelernt. „Man hat sehr viel erfahren, welche unterschiedlichen Auffassungen die Leute über das Thema Wohnen haben“, erzählt Marcus Ebneth. Zum Beispiel die Raufasertapete. „Die wollten doch einige tatsächlich an die Wände kleben!“ Aber bei den Planungsabenden haben die anderen so lange darüber die Nase gerümpft, dass schließlich niemand mehr irgendwelche Tapeten an den Wänden hat. Sie zeigen jetzt das Material, aus dem sie gemacht sind. Und das ist Beton.

Würden die vier noch einmal sich in das Experiment einer solchen Baugruppe einlassen? Marcus Ebneth und Uwe Reichwaldt sind zurückhaltend, denken an anstrengende Planungsgespräche, schauen sich dann in ihrer neuen Wohnung um, mit der sie sehr zufrieden sind, und sagen zeitgleich: „Auf jeden Fall.“

Bernhard Knape ist skeptisch, ob das Modell noch einmal funktionieren kann: „Wir hatten Glück, dass die Gruppe in der Konstellation gut funktioniert.“

Die Architekten Christoph Roedig und Ulrich Schop sind aber sicher, dass ihr Konzept auch künftig aufgeht. Sie wollen noch viele Baugruppen zusammenbringen. Und damit Leute dazu zu bewegen, über Wände zu diskutieren.

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