GEHEIME ORTE : Der Senat tagte schon immer gern in angenehmer Umgebung

Neukölln ist nicht überall. Der Gutshof Britz ist eine Oase – und ab vom Schuss, was dem Senat gelegentlich ganz recht ist.Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Neukölln ist nicht überall. Der Gutshof Britz ist eine Oase – und ab vom Schuss, was dem Senat gelegentlich ganz recht ist.Foto:...

GUTSHOF BRITZ

Das Herrenhaus im Süden Neuköllns ist eine wunderbare Kulisse für eine Senatsklausur. Schließlich wohnten im Gutshof im 18. Jahrhundert preußische Hofbeamte und Staatsminister. Der königliche Hofmarschall Sigismund von Erlach war 1706 der Bauherr, vorher stand dort ein Fachwerkhaus der verarmten Familie Britzke. Häufig wechselten die adligen und später großbürgerlichen Eigentümer, erst 1924 wurde das Areal an die Stadt Berlin verkauft. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das ehemalige Rittergut bis 1985 als Kinderheim. Anschließend wurden Schloss, Verwaltergebäude und die großzügige Parkanlage aufwendig restauriert. Ein angenehmes Ambiente für eine Klausur des Senats, außerdem hat der Standort den Vorteil, weit ab vom Schuss zu sein. Das Kabinett möchte in aller Ruhe tagen. Dauer: „Open End“. Mit dem BVG-Bus wird aber niemand nach Britz fahren; die meisten der etwa zwei Dutzend Teilnehmer haben Dienstwagen.

SENATSGÄSTEHAUS

Bis 2004 war es üblich, dass sich die Landesregierung im Senatsgästehaus traf, wenn wichtige Dinge zu besprechen waren. Kein schlechter Ort. Die Grunewald- Villa mit schönem Garten wurde 1923 erbaut. Dort wohnte bis zur Zwangsversteigerung durch die Nazis der Kaufmann Israel Kranz und seit 1938 der Zuckerfabrikant Walter Pikuritz, dessen Erben die Immobilie 1964 an das Land Berlin verkauften. Die Villa wurde zum Gästehaus, in dem die Regierenden Bürgermeister seit Willy Brandt prominente Politiker, Unternehmer, aber auch Schauspieler und Wissenschaftler aus aller Welt begrüßten, bewirteten und für ein nettes Wochenende unterbrachten – in einem etwas plüschigen Ambiente, aber standesgemäß. In den Neunzigern war das Senatsgästehaus Schauplatz von Senatsklausuren, bis tief in die Nacht hinein lauerten vor den Toren der Villa die Journalisten. An besonders kalten Wintertagen erbarmte sich der Senat gelegentlich und die Berichterstatter konnten im Foyer ihr Lager aufschlagen. An einem Sommerabend 2001 zerbrach im Gästehaus in der Menzelstraße die CDU/SPD-Koalition. Drei Jahre später wurde die Immobilie im Zuge der alles umfassenden Sparpolitik verkauft und umgebaut. Heute residiert dort der Botschafter der Republik Südkorea.

EUROPÄISCHE AKADEMIE

Welch ein Drama! Im Herbst 1996 zog sich der Senat unter Führung des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen (CDU) ausnahmsweise ins Haus der Europäischen Akademie in der Bismarckallee in Grunewald zurück, um ein Haushaltsloch von 3,7 Milliarden Euro zu stopfen. Diepgen brachte zur Eröffnung der dreitägigen Konferenz eine große Uhr und einen Holzhammer mit. Es ging um den Verkauf des landeseigenen Stromkonzerns Bewag, um die Schließung von Theatern und die Erhöhung von Steuern. Es gab Chili con Carne, bezahlen musste jedes Senatsmitglied aus eigener Tasche. Die Journalisten saßen bis tief in die Nacht draußen auf der Treppe, kauten Pizza und schlichen sich unter offene Fenster, hinter denen lauter Streit zu hören war. Acht Jahre später nutzte der Senat, dieses mal in rot-roter Besetzung, die Europäische Akademie erneut für eine Klausurtagung. Gemeinsam mit den zwölf Bezirksbürgermeistern wurde über die Entwicklung der Bürger- und Ordnungsämter debattiert. Dieses Mal unter deutlich weniger dramatischen Umständen.

ROTES RATHAUS

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte sich in seiner ersten Regierungsperiode vergeblich dagegen gewehrt, das Senatsgästehaus als repräsentatives und wunderbar abgelegenes Domizil der Landesregierung für ein paar Millionen Euro zu verkaufen: Die Haushälter von SPD und Linken behielten die Oberhand. „Dann tagen wir künftig eben in einem Hotel oder im Roten Rathaus“, brummelte der Regierungschef. Immerhin ist das Rathaus geräumig und verfügt über einen großen Senatssitzungssaal, in dem sich das Kabinett jeden Dienstag zur turnusmäßigen Sitzung trifft. Gelegentlich ging der Senat dort auch in Klausur, aber so schön wie früher wird es nie mehr sein. Dort tagt die Regierung mitten im Trubel der Großstadt und derzeit mit Blick auf eine große Baustelle. Also flüchten Wowereit & Co. dieses Jahr nach Neukölln. Immerhin tagten dort auch schon europäische Regierungschefs. za

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