Berlin : Generäle machen sich auf die Sockel

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Über den richtigen Platz ist lange diskutiert worden, jetzt wird gehandelt: Die beiden Marmordenkmäler der Generäle Friedrich Wilhelm Graf Bülow von Dennewitz und Gerhard Johann David von Scharnhorst des Bildhauers Christian Daniel Rauch sollen in vier bis sechs Wochen aus einem Depot Unter die Linden zurückkehren. Allerdings nicht an ihren ursprünglichen Standort zu beiden Seiten von Schinkels Neuer Wache, sondern gegenüber, an den vorderen Rand des Prinzessinnengartens. Eine Rückkehr an die Neue Wache, der Zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, war mit den Erben von Käthe Kollwitz nicht zu machen. Sie ließen sich schon von Bundeskanzler Kohl zusichern, dass in unmittelbarer Nähe der „Pietà“-Kopie, einer um ihren Sohn trauernden Mutter, keine preußischen Generäle stehen. Grundsätzlich ging es bei dem Streit auch um die Haltung zum Preußen-Erbe im wiedervereinigten Deutschland.

Der jetzt gewählte Ort auf der gegenüber liegenden Straßenseite der Neuen Wache sei vom Kollwitz-Nachkommen Arne Kollwitz begrüßt worden, sagte gestern Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD). Dieser sehe „den künstlerischen Wert der Skulpturen“. Strieder sagte: „In den letzten Jahren ist deutlich geworden, dass zur Geschichte einer Stadt nicht nur Straßen und Plätze gehören, sondern auch Skulpturen und Denkmäler.“ Die jetzige Entscheidung steht allerdings im Widerspruch zu den Vorstellungen der Gesellschaft Historisches Berlin e. V., die gefordert hatte, den Urzustand wieder herzustellen.

Der Verein weist darauf hin, dass die zwischen Prinzessinnenpalais und Staatsoper aufgestellten Denkmäler für die Heeresführer der Befreiungskriege ein einzigartiges Ensemble gewesen seien. Bis 1855 wurden – abgesehen von den an der Neuen Wache stehenden Skulpturen Scharnhorsts und Bülows – am Prinzessinnengarten gegenüber noch die Bronzeplastiken Blüchers, Gneisenaus und Yorcks aufgestellt. Alle fünf Statuen verschwanden nach dem Zweiten Weltkrieg in Depots. Vier davon, nämlich die Bildnisse Scharnhorsts, Blüchers, Gneisenaus und Yorcks ließ man ab 1963 im von den Linden abgewandten und etwas hinter Bäumen versteckten Teil des Prinzessinnengartens wieder errichten. Als Kämpfer gegen die Napoleanische Fremdherrschaft seien sie der DDR-Regierung ideologisch passabel erschienen, sagte gestern Kultursenator Thomas Flierl (PDS). Nicht so der Militär Graf Bülow von Dennewitz, der seitdem im Depot verstaubt. Das Viererensemble war bis Anfang der 90er Jahre zu sehen. 1992 wurde das Scharnhorst-Denkmal, ein herausragendes Werk des nordeuropäischen Klassizismus, zur Restaurierung wieder entfernt. Blücher, Gneisenau und Yorck blieben stehen.

Die pazifistische Grundhaltung seiner Partei steht für Kultursenator Flierl nicht im Widerspruch dazu, dass demnächst zwei weitere Generäle die Gedenkstätte säumen. Für ihn seien sie „Zeichen einer gebrochenen Geschichte“, die es gelte, sichtbar zu machen, sagte Flierl. „Die beiden in einem Museum zu verbergen wäre bedauerlich.“ Strieder betonte, dass die Entscheidung, die Denkmäler wieder auf ihre Sockel zu stellen, vom Abgeordnetenhaus getroffen worden sei.

Flierl gab einem anderen alten Streit neue Nahrung: Für ihn war es eine Fehlentscheidung, nach der Wende aus der DDR-Gedenkstätte für die Opfer von Faschismus und Militarismus in der Neuen Wache erneut einen „zentralen Ort staatlichen Gedenkens“ zu machen. Er könne sich vorstellen, dass die Rolle der Gedenkstätte mit der Fertigstellung des Holocaust-Mahnmals überdacht wird. Dann „wird es eine andere Gedenk-Topographie geben“, sagte Flierl (siehe unten stehender Kasten). Strieder widersprach: „Ich glaube nicht, dass dadurch die Neue Wache überflüssig wird.“

Mit Sicherheit bleiben die Generäle bis 2015 an ihrem neuen Platz. So lange bestehen die Urheberrechte der Kollwitz-Erben. Die beiden alten Standorte rechts und links der Neuen Wache scheiden bis dahin aus.Tobias Arbinger

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