"Natürlich kann man in mir den bösen Immobilienhai sehen" ... wenn man möchte

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Gentrifizierung in Berlin : Investoren gegen Mieter: Da ist die Tür!
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Altbau-Charme. Das kann noch schöner werden, meinen Investoren - und damit besser zu vermarkten. Ohne Mieter.
Altbau-Charme. Das kann noch schöner werden, meinen Investoren - und damit besser zu vermarkten. Ohne Mieter.Foto: Anikka Bauer

Um seinen Ruf geht es auch bei dem Termin, zu dem Sascha Klupp den Tagesspiegel in die Kanzlei seines Anwalts in der Clausewitzstraße in Charlottenburg gebeten hat. „Natürlich“, sagt Klupp bei dem Treffen mit dem Tagesspiegel, „kann man in mir den bösen Immobilienhai sehen, wenn man ihn denn sehen möchte. Aber wenn man mal hinter die Kulissen schaut, stellt man fest, dass das gar nicht stimmt.“ Und dann erzählt Sascha Klupp seine Seite der Geschichte und die handelt von einem Investor, der stark sanierungsbedürftige Häuser kauft und damit zwischen die Fronten gerät. Da ist auf der einen Seite die Stadt, die will, dass Häuser energetisch saniert werden, und auf der anderen Seite sind die Mieter, die am liebsten den Status quo der Niedrigstmieten beibehalten möchten. Und die verstehe er sogar. „Natürlich, niemand möchte gerne 300 Euro mehr Miete zahlen.“ Doch müsse man auch ihn verstehen. Als Investor habe er eine gewisse Verantwortung, das Stadtbild zu wahren. „Und ein paar wirtschaftliche Grundsätze muss ich auch einhalten, sonst hat das doch keinen Sinn für uns.“ Seiner Erfahrung nach sei es einfach so: „Da kann man noch so nett und friedfertig sein, wenn in einem Haus mit 40 Wohnungen zwei Mieter sind, die alles blockieren, dann haben Sie irgendwann ein Problem.“

Vielleicht ist Sascha Klupp, nachdem er die Sache richtiggestellt hat, wieder in sein Büro gegangen. Weit hätte er es nicht gehabt, er arbeitet am Kurfürstendamm 102. Das Haus gehört ihm und hier sitzen gleich mehrere seiner Firmen. Am Briefkasten unten steht außerdem der Name der Firma, die den Brandschaden bei Myrzak begutachten wollte, und der der Hausverwaltung, an die sich Michaela Zollner wenden muss, wenn sie Probleme in ihrer Wohnung hat. Und aus diesem Haus rief vor kurzem ein Mitarbeiter Klupps beim Jobcenter an und teilte mit, dass einer ihrer Leistungsempfänger, der zugleich Mieter Klupps ist, in – so steht es in der Gesprächsnotiz vom Jobcenter – OAW sei. OAW ist die amtsdeutsche Abkürzung für Ortsabwesenheit und ist ein Zustand der Nichtanwesenheit, der Hartz-IV-Empfängern nicht gestattet ist: Sie müssen sich stets abmelden. Außerdem heißt es in der Notiz, dass der Vermieter den Mieter zu den Geschäftszeiten nicht erreiche und vermute, dass er eine Arbeit aufgenommen habe. Sascha Klupp bestreitet diesen Hergang, „der genannte Mitarbeiter hat nichts mit dem Vorgang zu tun“, lässt er über seinen Anwalt ausrichten. Die Gesprächsnotiz des Jobcenters liegt dem Tagesspiegel vor, darauf stehen der Name, die Büro- und die Handynummer vom Mitarbeiter Klupps. Außerdem ist darauf ein handschriftlicher Vermerk – dem Mieter sind seine Leistungen gekürzt worden. Fällt dadurch auch nur eine Monatsmiete aus, gibt das dem Eigentümer einen triftigen Grund für eine außerordentliche Kündigung.

Regisseurin verarbeitete Erlebnisse in einem Film

Kathrin Rothe ist Ende 2012 aus der Bergstraße 62 ausgezogen. Sie hat eine Abfindung von 50 000 Euro bekommen. Als eine der wenigen hat sie keine umfassende Verschwiegenheitsklausel unterschrieben und hat ihre Erlebnisse in einem Film verarbeitet. Er heißt „Betongold“ und ist am 8. Oktober im RBB zu sehen. Nach ihrem Auszug wurde Rothes Wohnung mit der hinteren zusammengelegt und verkauft.

Bei Michaela Zollner und Stephan Hoeft in der Hasenheide finden ab und zu Besichtigungen statt. Kaufen wollte die Wohnung bislang noch keiner. Neulich haben Zollner und Hoeft nachgesehen, ob ihnen in den vergangenen Jahren vielleicht etwas entgangen ist. Im Internet wird ihre Wohnung als „stuckverziert“ beschrieben. Sie haben nichts dergleichen entdeckt, noch nicht einmal eine Rosette, halten aber weiter die Augen offen.

Oleg Myrzak hat vor kurzem eine Aufführung im öffentlichen Raum inszeniert. Bei einer Feier in Prenzlauer Berg, zu der Bezirkspolitiker gekommen waren, legte er mit einer Gruppe von schwarz gekleideten Menschen einen Kranz nieder. Dann wurde eine Rede gehalten, die Myrzak geschrieben hatte. In ihr ging es um die verdrängten Mieter aus Prenzlauer Berg. Myrzak selbst ist entschlossen zu bleiben. Neben dem Theater will er sich ein zweites Standbein schaffen, vielleicht durch eine Ausbildung im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Er hofft zu lernen, wie man Kampagnen organisiert und auf die Belange von Menschen aufmerksam macht.

Der Mietmanager, dessen Briefe Myrzak in seinem Aktenordner hat, wünscht keine Öffentlichkeit. Per E-Mail lässt er wissen: „Ich widerspreche dieser Veröffentlichung sowie jeder sonstigen Veröffentlichung in dieser Angelegenheit, die Rückschlüsse auf Ort, Zeit und Geschehen sowie meine Person zulässt oder zulassen kann, und insbesondere verbiete ich Ihnen, meinen Namen zu nennen, zu verwenden, abgekürzt zu verwenden oder auch nur anzudeuten.“

Sascha Klupp hat in diesem Jahr ein weiteres Haus gekauft. Es liegt in Charlottenburg, „nur wenige Gehminuten vom beliebten Savignyplatz“ entfernt, wie es in der Pressemitteilung heißt, und verfügt über „zwölf herrschaftliche Altbaueinheiten“.
Mitarbeit: Tiemo Rink