Gentrifizierung : Wie sich der Graefekiez in Kreuzberg verändert

08.02.2012 11:23 Uhrvon
Die Graefestraße. Im Laufe der Zeit hat sich hier einiges verändert. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Die Graefestraße. Im Laufe der Zeit hat sich hier einiges verändert. - Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Mieten steigen, neue Leute ziehen in sanierte Wohnungen. In Friedrichshain wird gegen Gentrifizierung demonstriert, im Kreuzberger Graefekiez läuft sie etwas ruhiger ab – was Vor- und Nachteile hat.

Ich lebe in einer Kreuzberger Gegend, von der es heißt, dass dort die Gentrifizierung gerade besonders heftig stattfindet, im Graefekiez. Diese Gegend liegt zwischen dem Landwehrkanal – die Admiralbrücke! – und der Urbanstraße oder der Hasenheide, das ist Ansichtssache. Die anderen inoffiziellen Grenzen sind der Kottbusser Damm und, vielleicht, das Urbankrankenhaus. Der Graefekiez grenzt an das sogenannte Kreuzkölln, das neuerdings als einer der Hauptschauplätze des Berliner Nachtlebens gilt.

Alexanderplatz und Potsdamer Platz sind nicht weit, die Bergmannstraße und der Chamissoplatz, also Edelkreuzberg mit Markthalle, sind mit einem kleinen Spaziergang zu erreichen, sogar zur Redaktion des Tagesspiegels kann man in einer guten halben Stunde laufen.

Dass dieser Kiez attraktiv ist, liegt auf der Hand, ruhig und trotzdem zentral, wie ein Makler es nennen würde, mit viel Wasser, mit Parks, mit kleinen Läden und Kneipen für jeden Geschmack, zum Teil sogar verkehrsberuhigt.

Zum ersten Mal habe ich hier in den späten Achtzigern gelebt, 2006 bin ich zurückgekommen. Damals hörte man noch nicht viel von Gentrifizierung. Seit 1990 hatte sich, auf den ersten Blick, wenig verändert, die Mischung war noch da, das spezielle Kreuzberger Ambiente – Studenten, Migranten, Alte, Lehrer, Anwälte, Kleinunternehmer und Architekten, Alt-68er und junge Lederjacken, Leute mit wenig Geld und Leute mit einträglichen Jobs, alle wohnten Tür an Tür und vertrugen sich meistens recht gut. Viertel, in denen nur eine einzige Sorte von Leuten wohnt, sind öde, sage ich gerne, wenn ich mit Leuten, die in Prenzlauer Berg oder in Zehlendorf wohnen, über meinen Kiez spreche, egal, ob es nur Wohlhabende, nur Migranten oder nur junge Familien sind. Monokultur laugt die Böden aus, in dieser Hinsicht ähneln sich Landwirtschaft und Stadtsoziologie.

Straßenszene rund um die Graefenstraße. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Straßenszene rund um die Graefenstraße. - Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Tatsächlich war ich, ohne es zu wollen oder auch nur zu wissen, ein Vorbote der Gentrifizierung, diesem Prozess der Verdrängung von Wenigverdienern durch Besserverdiener. Klar, ich war kein Neuzuzug aus Westdeutschland, oh nein, ich hatte ja schon zu einer Zeit hier gelebt, in der einige der Anti-Gentrifizierungs-Demonstranten nicht mal geboren waren, von diesen Grünschnäbeln muss ich mir nichts sagen lassen. Aber die Gentrifizierung schreitet nicht nur durch Zuzüge voran, sie ist auch ein biologischer Prozess. Der 28jährige Berufsanfänger, der mit Freundin oder Freund in eine billige Wohnung in einem coolen Kiez zieht, ist, zwanzig Jahre später, in vielen Fällen ein Besserverdiener geworden, ein Gentrifizierer, nur, weil er sich weigert, nach Pankow oder Wilmersdorf ins Eigenheim umzuziehen, wo seine Gehaltsklasse angeblich hingehört. Er ist halt in puncto Wohnen den Idealen seiner Jugend treu geblieben, das kann man eigentlich niemandem vorwerfen.

in Phänomen, das man hier häufiger erleben kann: Gutverdienende, die seit Jahrzehnten in 160-Quadratmeter-Etagen wohnen und dabei ein bisschen Karriere gemacht haben, lästern über gleichaltrige Neulinge, die ähnlich verdienen wie sie, ähnliche Meinungen haben und ähnliche Vorstellungen von Wohnkultur, nur: Sie sind später dran. Und sie zahlen höhere Mieten.

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