Berlin : Gerda Münnich (Geb. 1939)

Und jeder gärtnert auf seine Weise

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Wem gehört die Stadt? Wem sollte sie gehören? Die Brachen in ihr zum Beispiel? Ausschließlich denen, die es sich leisten können? Oder die politische Macht besitzen? Allen? Sodass jeder, ob mit Geld oder ohne, mit Lobby oder ohne, kommen und gehen und die Freiflächen nutzen kann, wann er möchte? Warum nicht! Gibt es in der Stadt doch entschieden mehr Menschen ohne Geld, ohne Lobby. Also los, versuchen könnte man es ja, Widerstände hin, Widerstände her.

Gerda Münnich sieht Anfang der Zweitausender diese Freifläche in Köpenick. Ein Garten, denkt sie, ein riesiger Gemeinschaftsgarten, ohne Eintritt, ohne Hierarchie, für alle. Gerda ist über sechzig und eine Städterin ganz und gar, es war das, was sie damals, vor über 40 Jahren unbedingt wollte, weg vom Land, rein in die Stadt. Steinkirchen, ein Teil von Lübben, dort wuchs sie auf, auf einem 350 Jahre alten Dreiseithof mit 5000 Quadratmetern Grund dazu, einer Scheune, Kühen, Pferden, Enten, Gänsen, Wein und Obstbäumen. Sie liebte den Spreewald, die Auen, Moore, die Erlen und das Knabenkraut und vor allem den Falschen Jasmin, seinen süßen Geruch, Kindheitsduft. Aber sie war jung und die Welt weit, selbst die DDR-Welt, Berlin, wo sie nach einer Bankkauflehre – ihr Vater war Sparkassendirektor – Wirtschaftsinformatik studierte und dann bis zum Mauerfall, im Leitzentrum für Anwendungsforschung arbeitete, schon in den Siebzigern mit Computern. Sie schaltete die Geräte damals nicht nach acht Stunden aus und ging nach Hause, zu ihrem Mann, der, welche Koinzidenz, Landwirtschaft studiert hatte, zu den drei Kindern, sondern sie arbeitete immer weiter, weil sie ihre Arbeit mochte.

Und jetzt steht sie vor dieser Brache im Wuhletal, denkt an ihren Vater, von dem sie das Strukturierte, das Organisationstalent hat, an ihre Mutter, der sie den Blick auf die Natur verdankt, mehr noch ihrem Großvater, der ihr alles gezeigt hat, „der erste Ökologe“, wie sie in einem taz-Interview erzählt. Der dieses Wort zwar nicht kannte, aber immer „eine ganzheitliche Sicht auf das Leben hatte, die den Menschen, Pflanzen und Tiere, Boden, Luft und Wasser einschloss.“ So etwas schwebt ihr vor, und sie stellt sich vor, wie auf der Brache vor ihr Beete entstehen.

Es war nicht so, dass Gerda während all der Jahre als Computerfachfrau auf die Natur verzichtet hätte: „Es gibt Leute, die könnten zehn Jahre ohne Blumentopf leben, ich könnte das nie. Auch im kleinsten Raum brauche ich Pflanzen.“ Also hatte sie einen Garten bei Zeuthen gepachtet, Lilien, Flieder und Forsythien gepflanzt, gegraben, gesät, gejätet, und das Grundstück 1996 dann doch aufgegeben. Was mit Ruhestand aber nicht das Geringste zu tun hatte. Auch mit dem offiziellen Beginn der Rente blieb sie ununterbrochen in Bewegung. Mit Pantoffeln und Rätselheft vorm Fernsehapparat? Absurd! Sie war Mitglied der Landessynode Berlin, sie engagierte sich in Treptower Bezirksgremien, sie fuhr zur Leipziger Buchmesse, sie mietete sich ein Büro im Bergmannkiez – und sie gründete mit anderen zusammen Gärten, den Kreuzberger Prinzessinnengarten, den Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld, und auch den im Wuhletal. Behördenmenschen, die sonst wenig miteinander sprechen, setzten sich an einen Tisch, und ein halbes Jahr später eröffnete der Garten. Es kamen Arbeitslose, Spätaussiedler aus Russland, Vietnamesen, Ägypter. „Diese Gärten“, sagt Gerda, „bringen vom Analphabeten bis zum Hochschulprofessor die verschiedensten Menschen zusammen.“ Und jeder von ihnen gärtnert auf seine Weise: „Die Ukrainerinnen pflanzen das, was sie auch zu Hause in ihrem Garten hatten: Kartoffeln, Tomaten, Erdbeeren, Gladiolen, Dahlien. Und die bosnischen Frauen am Gleisdreieck, Kriegstraumatisierte, rekultivieren alte Rosenstöcke, die es traditionell in Bosnien gibt und machen daraus Rosenöl.“ Es ist also nicht nur eine neu-romantische Natursentimentalität irgendwelcher Mitte-Leute, die in schicken Gummistiefeln durch die Beete staksen, darauf besteht Gerda ausdrücklich: „Man kann ja vieles oberflächlich tun, aber pflanzen nicht.“

Sie ist jetzt 77, fährt hin und her, organisiert, ohne Vergütung, selbstverständlich, spricht, kämpft, ermuntert, es könnte lange noch so weitergehen. „Ich will in der Stadt alt werden mit einer großen, grünen Wiese vor der Tür. Dazu ein kleines Kaffeehaus und eine Bibliothek mit allen Tageszeitungen. Und dann den ganzen Tag draußen lesen, quer durch den Blätterwald, und mit jungen Leuten und alten Menschen darüber reden. Und natürlich auch ein bisschen gärtnern.“

Es geht so nicht weiter, von einem Tag auf den anderen. Gerda fühlt sich unwohl. Sie geht doch mal zum Arzt. Blutabnahme. Einlieferung ins Krankenhaus. Diagnose. Tod. Eine Woche. Akute myeloische Leukämie.

Hundert Menschen kommen zur Trauerfeier. Der Sarg ist rot und voller Rosen. Der Falsche Jasmin blüht noch nicht. Aber der Sarg wird im Spreewald in die Erde gelassen.

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