Gerhard Anger ist frustriert : Ex-Parteichef rät davon ab, die Piraten zu wählen

28.06.2012 08:42 Uhrvon , und
Gerhard Anger, hier auf dem Parteitag, auf dem er sich überraschend aus der Parteiführung zurückzog. Foto: dpa
Gerhard Anger, hier auf dem Parteitag, auf dem er sich überraschend aus der Parteiführung zurückzog. - Foto: dpa

Update Gerhard Anger, Ex-Landeschef der Berliner Piraten, ist von der bisherigen Bilanz der Fraktion "immens enttäuscht" und steht kurz vor dem Parteiaustritt. Neue Details werden nun auch zu einem Vorfall aus dem April bekannt. Es geht darum, wer wen absägen wollte - oder auch nicht.

Mit drastischen Worten hat Gerhard Anger, ehemaliger Landeschef der Berliner Piraten und eine der zentralen Figuren des Landesverbands, seine Partei kritisiert. Er habe am vergangenen Sonnabend seine Austrittserklärung nur deshalb nicht in den Briefkasten geworfen, weil er zu Hause kein Papier gehabt habe, um sie auszudrucken, sagte Anger in einem Gespräch, das vor gut zwei Wochen aufgezeichnet wurde. Er fühle sich als "Lügner", weil er einst für die Piraten geworben habe, diese aber nun ihre Versprechen brechen würden.

Luft machte sich Anger in einem dreistündigen Podcast, vergleichbar einer Internet-Radiosendung. Anger diskutierte mit Fraktionschef Andreas Baum, das Parteimitglied Lars Hohl moderierte (als Audiodatei abrufbar ist der Podcast hier).

Aufgezeichnet wurde die Runde vor gut zwei Wochen, im Internet veröffentlicht am Dienstag.

Dabei ging es auch noch einmal um einen Vorfall aus dem April. Der damalige Vorsitzende der Bundespartei, Sebastian Nerz, hatte seinem Unmut über Querelen in der Abgeordnetenhausfraktion in einer E-Mail an Baum Luft gemacht. In der Fraktion wurde die Mail als Ausweis eines autoritären Führungsstils, wie er bei den Piraten nicht akzeptabel sei, gewertet. Nerz selbst sagte später, ihm sei der Kragen geplatzt und die drastisch formulierte Mail würde er in gleicher Form nicht noch einmal abschicken. Damals reagierte Fraktionschef Andreas Baum mit einem offenen Brief - zu den Hintergründen des Vorgangs äußerte er sich nun im Podcast.

Fraktionskollege Christopher Lauer sei "in sein Büro geplatzt" und habe "gedroht", er werde die Mail leaken. Lauer habe gesagt: "Das muss sofort veröffentlicht werden, wir müssen sofort mit der Presse den Bundesvorsitzenden absägen." Er selbst, Baum, habe diesen Weg nicht für gut befunden. Auch zeigt sich Baum nun verwundert, dass der damalige parlamentarische Geschäftsführer der Fraktion, Martin Delius, die E-Mail Lauer gezeigt habe, ohne diesen Schritt mit ihm abzusprechen. Schließlich, so berichtet Baum, habe man sich darauf geeinigt, mit einem offenen Brief zu reagieren. Moderator Lars Hohl kommentierte die Erzählungen Baums mit den Worten, der Bericht wirke auf ihn "wie eine Daily Soap".

Sehen Sie hier die Pannen der Berliner Piraten:

Christopher Lauer sagte dazu am Donnerstag, er habe Andreas Baum nicht gedroht. Er habe Nerz' Mail als "ziemlichen Klopper" empfunden und vorgeschlagen, die Mail zu leaken. Er sei sich "sicher", dass er das Wort "absägen" nicht benutzt habe. Auch Andreas Baum sagte dem Tagesspiegel nun, er habe sich im Podcast "nicht präzise" ausgedrückt: "Die Worte sind so nicht gefallen."

Hauptthema des Podcasts war allerdings die Unzufriedenheit Angers mit der Arbeit der Fraktion im Allgemeinen. Der Ex-Landeschef sagte: "Ich bin insbesondere angesichts der Leistung der Fraktion, die wir ins Abgeordnetenhaus gebracht haben, so ernüchtert, getroffen, so enttäuscht, immens enttäuscht, dass ich im Rückblick es nicht rechtfertigen könnte, diesen Wahlkampf zu organisieren." Er denke nun konkret darüber nach, aus der Partei auszutreten.

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