Geruchsbelästigung : Berlin spart Wasser - und stinkt

Die Berliner verbrauchen jedes Jahr weniger Wasser, deswegen ist die Kanalisation nicht ausgelastet. Die Folge: Es fault im Untergrund und der Gestank vertreibt die Menschen zum Beispiel am Winterfeldtplatz. Jetzt aber Wasser zu verschwenden, ist auch keine Lösung.

Janina Guthke
Boccacelli
Trostpflaster. Für jeden Kanaldeckel einen Teppich - das ist die Strategie des Boccacelli. -Foto: Janina Guthke

Heute ist ein guter Tag am Winterfeldtplatz - es weht eine leichte Brise. Dennoch liegt er in der Luft, egal wohin man sich wendet: Ein Geruch nach Kanalisation, faulen Eiern und Ärger. "Wie jedes Jahr!", sagt Toni Ramadami, der Besitzer des Boccacelli. "Da hilft auch der Wind nicht, wenn ich rausgehe habe ich den Geruch in der Nase." Da helfen nur Gegenmaßnahmen: Teppiche über die Kanaldeckel, Gummimatten, Fußabtreter oder gleich ganze Teppichflächen. "Irgendwas muss ich eben tun", erklärt Ramadami.

Der Winterfeldtplatz stinkt
Krach im Kiez. Einigen Anwohnern sind die Gäste der Bars rund um den Winterfeldtplatz in Schöneberg zu laut – der Bezirk sucht nach Lösungen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Mike Wolff
05.10.2011 10:16Krach im Kiez. Einigen Anwohnern sind die Gäste der Bars rund um den Winterfeldtplatz in Schöneberg zu laut – der Bezirk sucht...


Vor dem Eis-Café Moccas klebt eine blaue Plastiktüte unter dem Deckel. Der Besitzer Murat Tuncay hatte letzte die Woche die Wasserbetriebe verständigt, weil der Gestank nicht mehr zu ertragen war. "Da kam dann ein Mitarbeiter, fragte mich nach einer Tüte, schnitt sie zu und klebte sie dann unter den Deckel", erklärt Tuncay. Vorher stand dort eine Palme im großen Topf, doch das hat nicht mehr geholfen. "Jetzt ist es besser, gut ist nicht", sagt er.

Problem: Rohre werden nicht gespült

Nicht nur hier leiden Passanten und Anwohner unter unschönen Gerüchen aus der Unterwelt. In Neukölln am Kiehlufer an der Wildenbruchstraße halten Vorbeigehende die Luft an. Der Geruch kann empfindlich Nasen schon an die Grenze zum Brechreiz führen. "Es stinkt unerträglich, nur meinem Hund gefällt's", sagt eine Anwohnerin, die versucht diese Straße zu meiden.

Die Schuldigen an der Misere, die allsommerlich über die Hauptstadt kommt, hat die Wasserwirtschaft schnell ausgemacht: Die Berliner sparen zuviel Wasser, sagt der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Die seit den 90er Jahren abzeichnende rückläufige Tendenz beim Wasserverbrauch setzt sich nach den Angaben des Amtes für Statistik Berlin Brandenburg fort. Seit 1991 ist dieser in Berlin bis 2007 um 26 Liter (19 Prozent) pro Tag und Einwohner zurückgegangen. Die Brandenburger haben ihren Verbrauch um 45 Liter oder 31 Prozent gesenkt. Im Jahr 2007 wurden in Berlin etwa 202 Millionen Kubikmeter Grund-,Quell- und Oberflächenwasser für die öffentliche Wasserversorgung gewonnen, dabei lag der durchschnittliche tägliche Wasserbedarf in Berlin bei 112 Litern.

Keine Lösung in Sicht

Hier liege das Problem, meinen die Berliner Wasserbetriebe. Die Rohre werden nicht mehr richtig durchgespült, Ablagerungen entstehen und mit ihnen der unangenehme Geruch und Fäulnisgase. Diese wiederum greifen die Rohre an, die deshalb früher ersetzt werden müssen. Diese Kosten müssten auf die Verbraucher umgelegt werden, behauptet der BDEW. Einfach mehr Wasser zu verbrauchen, bringt jedoch auch nichts. Sparsame Geschirrspüler und Waschmaschinen können Verbraucher nicht so einfach ausgleichen und Deutschland hat immer noch den größten Wasserabdruck nach Schweden, so der WWF.

Dieses Jahr halte sich die Anzahl von Anrufen wegen Geruchsbelästigung in Grenzen, sagte der Pressesprecher der Berliner Wasserbetriebe, Eike Krüger. Das liege unter anderem am eher mäßigen Sommer und dem Regen, der die Kanäle durchspült. Obwohl die Geruchsentwicklung nichts mit dem Sommer zu tun habe, erklärt Krüger. "Es kann auch im Winter muffen, wenn es zum Beispiel windstill ist." Zusätzlich würden die Maßnahmen der Wasserbetriebe greifen: Geruchsfilter oder den Kanal durchspülen. In einigen Fällen kann auch die Konstruktion des Kanals geändert werden.

Gerade im Bereich Winterfeldtplatz bleibt das Problem aber bestehen, das sehen auch die Wirte und Passanten so. Krüger macht  auch die Gastronomie für die unangenehmen Gerüche aus dem Untergrund verantwortlich. "Wenn die ihr Abwasser nicht ordentlich mit Fettabscheidern (trennt Fette und Öle vom Abwasser, Anm. d. R.) reinigen, kommt es vermehrt zu Ablagerungen, die noch mehr Gestank verursachen." Ob er mehr Gäste hätte, wenn es den Geruch nicht gebe, kann Tuncay vom Moccas nicht sagen. "Ich bin seit sechs Jahren hier, und so lange besteht das Problem jeden Sommer." Daran werde sich wohl leider auch in nächster Zeit nichts ändern, erklärt Krüger. 

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