Geschichte einer Klinik-Odyssee : Kein Platz zum Gebären

Die Geburt des Nael William Nepomuk – oder: Was passieren kann, wenn man in Berlin in der Nacht kein Krankenhaus findet. Auch eine Folge des Charité-Streiks.

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Nael William Nepomuk, ganz entspannt nach dem Stress seiner Eltern.
Nael William Nepomuk, ganz entspannt nach dem Stress seiner Eltern.Foto: privat

Nael William Nepomuk ist am Dienstag um 8.18 Uhr auf die Welt gekommen. Im Urban-Krankenhaus in Kreuzberg. Das ist der Punkt. Denn Rebecca Lina, die Mutter, wollte nie im Urban-Krankenhaus gebären. Um 2.30 Uhr, als sie in Mitte ihren Partner weckte, weil die Wehen eingesetzt hatten, da ging sie noch davon aus, dass sie im Klinikum Havelhöhe ihren Zweitgeborenen auf die Welt bringen würde. Dort, in Kladow, wo 2008 auch ihre Tochter Laena geboren wurde. Immerhin hatten sie und ihr Freund am 11. Mai 2015 dort ein Aufnahmegespräch.

Aber Nael William Nepomuks Geburt ist die Geschichte, was passieren kann, wenn Eltern zweimaliges Pech haben.

Alle drei Kreißsäle waren belegt

Um 3 Uhr rief die Hebamme der Eltern in Havelhöhe an. Doch im Spandauer Süden hatte man ganz eigene Sorgen. Alle drei Kreißsäle waren belegt, auch die Ausweichräume standen nicht zur Verfügung. Eine Geburt hier sei nicht möglich, hörte die Hebamme. Das war das erste Mal, dass die Mutter Rebecca Lina und der Vater Henning Kamm richtig Pech hatten.

Denn voll belegte Kreißsäle, das sei die absolute Ausnahme in Havelhöhe. „Im Jahr 2014 hatten wir das lediglich an drei Tagen“, sagt Cornelia Herbstreit, Chefärztin der Gynäkologie und Geburtshilfe in der Klink Havelhöhe. „Es tut uns ja selber weh, wenn wir jemanden abweisen müssen.“ Aber wenn eine optimale Betreuung nicht mehr gewährleistet werden kann, „dann geht es nicht anders“. Im Fall der Fälle geht es doch. „Wenn sie bei uns vor der Tür gestanden hätte, dann hätten wir sie natürlich nicht abgewiesen.“

Die Babys kommen, wann sie wollen.
Die Babys kommen, wann sie wollen.Foto: dpa

Henning Kamm und seine Freundin standen aber nicht an der Tür, der Vater stand nachts nun selber ziemlich aufgeregt am Telefon und verwies auf die Anmeldung. Das nütze ihm bloß wenig. „Eine Anmeldung ist nicht verbindlich“, sagt Cornelia Herbstreit. Geburtstermine lassen sich ja schlecht konkret planen. Und da Havelhöhe „nicht mehr als 1200 Geburten pro Jahr möchte“, seien die Kapazitäten ohnehin begrenzt.

Belegte Kreißsäle sind generell kein Problem – es gibt ja Alternativkrankenhäuser. Auch Havelhöhe hat Kliniken, die sie als Ersatz empfehlen, wenn es eng wird. Aber nun hatten Rebecca Lina und Henning Kamm zum zweiten Mal in der Nacht Pech. Ihre Hebamme rief zwar fünf Kliniken an, doch die Antworten konnte sie bald mitsprechen: Leider keine freien Kreißsäle, tut uns leid, „probieren Sie es bei einer anderen Klinik“.

Lichtenberg und Kreuzberg melden freie Plätze

Im Klinikum Westend vermutete man, dass dies auch mit dem Streik an der Charité zu tun haben könnte. „Die Kinder, die dort hätten auf die Welt kommen sollen, werden jetzt in den anderen Kliniken geboren.“ Das war zwar eine interessante Erklärung, sie half dem Paar Kamm/Lina und seiner Hebamme allerdings auch nicht weiter. Wieder ein Anruf in Havelhöhe. Dort bot nun eine Hebamme an, selber nach Ersatz zu suchen. Mit Erfolg: Das Oskar-Ziethen-Krankenhaus in Lichtenberg war zur Aufnahme bereit. Und im Übrigen: In Berlin gab es auch in dieser Nacht genügend Krankenhäuser, die problemlos Mütter, die unmittelbar vor der Geburt stehen, hätten aufnehmen können.

In Süddeutschland gibt es auch mehr Geburten

Das Urban-Krankenhaus zum Beispiel. Für diese Klinik hatten sich die aufgeregten Eltern inzwischen entschieden. Um 6.10 Uhr rollte Rebecca Lina in den Kreißsaal. Und eine Schwester sagte dem glücklichen Vater: Er solle bloß nicht denken, dass Berlin im Moment eine Ausnahme darstelle. „In Süddeutschland gibt es gerade auch eine regelrechte Geburtenschwemme.“ Dem Vater war das vielleicht ein kleiner Trost. Nael William Nepomuk, ein paar Minuten alt, war es hingegen herzlich egal.

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