Berlin : Geschirrspüler in Flammen – 14-Jähriger starb bei Wohnungsbrand

An der Volksbühne spielte Silvester Neumann den jungen König in Heinrich VI. Seine Eltern schalteten eine Todesanzeige mit Foto. Seine Freunde errichteten einen Schrein

Cay Dobberke,Katja Füchsel

Von Cay Dobberke

und Katja Füchsel

Von oben schaut er auf die Kamera herab, in seiner übergroßen Jacke, das rechte Auge von einer Haarsträhne verhangen. Ein hübscher Kerl. „Wir sind die Bösen“, steht auf einem Sticker. „Happy Birthday“, steht auf dem anderen. Man könnte das Foto für ein Werbeplakat halten, stünde am unteren Rand nicht: Silvester Neumann, geboren 5. 6. 1988, gestorben 12. 4. 2003.

Der Tod kam lautlos in der Nacht. Obwohl der Geschirrspüler in der elterlichen Wohnung ausgeschaltet war, setzte ein technischer Defekt die Küche in Brand. Das hat das Brandkommissariat inzwischen herausgefunden. Rauch breitete sich in der Wohnung in der Prenzlauer Allee aus, eine giftige Mischung. „Beim Kunststoffbrand können schon drei Atemzüge tödlich sein“, sagt Feuerwehr-Chef Albrecht Broemme.

Der 14-Jährige war allein zu Hause. Silvesters Eltern arbeiten für die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, sein Vater ist hier Chefbühnenbildner. Auch Silvester trat in der Volksbühne auf, im Oktober 1999 spielte er in Heinrich VI den jungen König. Der Junge, den alle nur „Silly“ nannten, hatte längst geschlafen, als es in der Nacht begann, in der Küche zu brennen. Ein Nachbar von oben bemerkte das Feuer, ein Bekannter der Familie. Er rannte mit einem Schlüssel in den ersten Stock, öffnete die Wohnungstür – wurde aber vom Rauch und den Flammen zurück in den Hausflur getrieben. Wenig später versuchte ein anderer Nachbar zu helfen, trat die nun wieder geschlossene Wohnungstür ein – und musste ebenfalls aufgeben.

Um kurz vor drei ging der Notruf bei der Feuerwehr ein, die Mutter traf gleichzeitig mit dem ersten Rettungswagen ein. Doch da war Silvester bereits tot. Vor seinem Wohnhaus in Prenzlauer Berg hängt der Brandgeruch am Mittwoch noch in der Luft. Freunde haben eine Art Schrein errichtet: Blumen, Kerzen, Teelichter. „Du bist einer der schönsten Jungs, die ich je gesehen habe. Schade, dass ich dir das nie sagen konnte“, schreibt Maika aus der 8c des Camille-Claudel-Gymnasiums. Neben einer Nil-Zigarettenpackung steht: „Wollte sie dir eigentlich alle wiedergeben.“ Ein Schulfreund legt eine Sonnenblume nieder. „Ein ganz ruhiger Typ“ sagt er. Silly spielte in seiner Band Gitarre, liebte Jimi Hendrix, Billie Holiday und Rage Against The Machine.

Weil die Wohnung durch das Feuer zerstört wurde, wohnt die Familie bei ihrem Freund, dem Radiomoderator Jürgen Kuttner. Das Foto in der Traueranzeige hat Leo, sein älterer Bruder, vor kurzem geschossen. Für einen Fotokurs. Jetzt hat es die Familie für die Traueranzeige ausgesucht: „Wir wollten eine Lösung finden, die Silly gefallen hätte“, sagt die Mutter. An Sillys letztem Abend war sie mit ihrem Sohn in der Volksbühne bei Rockstar Marilyn Manson. Ein guter Abend, sagt sie und: Er hatte ein kurzes, aber rundes Leben. „Silly hat in den 15 Jahren so viel erlebt wie andere nicht in 80 Jahren.“

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