Berlin : Geschlechterkampf um Charlotte von Mahlsdorf

Eine Gedenktafel soll an den Museumsgründer und Transsexuellen Lothar Berfelde erinnern. Doch man streitet um die Inschrift

Bernd Matthies

Es sollte eine harmonische Feier werden am Sonntag, wenn um 14 Uhr vor dem Gründerzeitmuseum in Mahlsdorf die Gedenktafel für dessen Gründerin Charlotte von Mahlsdorf aufgestellt wird. Doch nun scheinen Misstöne unausweichlich, denn der Trägerverein des Museums hat den Text der Tafel gegenüber der Fassung, mit der die „Interessengemeinschaft Historische Friedhöfe“ um Spenden geworben hatte, stark verändert. Statt „Charlotte von Mahlsdorf“ und dem Titel ihrer Autobiographie „Ich bin meine eigene Frau“ wird nun am Sonntag der Text „Lothar Berfelde, genannt Charlotte von Mahlsdorf, dem Museumsgründer zur Erinnerung“ enthüllt – Ergebnis einer Intervention der Familie. Widersinnig, findet Peter Steinmann von der Interessengemeinschaft und weist auf den bekannten Umstand hin, dass Charlotte von Mahlsdorf sich selbst zweifelsfrei als Frau gesehen habe. Steinmann fühlt sich düpiert, da zahlreiche Spenden nun unter falschen Voraussetzungen geworben worden seien.

Die Museumsgründerin, die 1997 nach Schweden gezogen war und dort eigentlich auch beerdigt werden wollte, liegt auf dem Mahlsdorfer Friedhof an der Stadtgrenze begraben, nicht weit vom Museum. Dort gibt es bislang noch keinen Grabstein. Die Interessengemeinschaft nahm den ersten Todestag am kommenden 24.August zum Anlass der Ehrung: Auf dem Friedhof der Neuköllner St.-Thomas-Gemeinde in Neukölln fand man ein 150 Jahre altes Grabmal im spätbarocken Stil aus rötlichem Sandstein, das zu einem aufgegebenen Grab gehörte. Es wurde zum Gründerzeitmuseum am Hultschiner Damm gebracht. Gegenwärtig arbeitet ein Steinmetz an der neuen Tafel, die daran angebracht wird. Steinmann berichtet, er habe wegen dieses Plans bereits bei der Beerdigung Kontakt mit den beiden Geschwistern Charlottes aufgenommen; der in Eutin lebende Bruder habe sich aber nicht festlegen wollen und auf einen späteren Brief nicht geantwortet.

Hanfried Berfelde, der Bruder, bestätigte am Mittwoch, dass die Änderung auf eine Intervention der Familie zurückgehe. „Ich kenne meinen Bruder 65 Jahre und damit länger als die meisten, die ihn zu kennen glauben“, sagte er, „der ursprüngliche Text hätte seine Person doch nur sehr peripher getroffen“. Schließlich, meint Berfelde, habe sein Bruder das Museum zu DDR-Zeiten auch als Lothar Berfelde gegründet, und die Charlotte-Periode betreffe damit nur die späte Phase seines Lebenswerkes.

Monika Schulz, die Museumsleiterin, berichtet, dass der Beschluss des erweiterten zehnköpfigen Vorstands kontrovers gefallen sei: Bedenken gegen den ursprünglich vorgesehenen Text habe es in dieser Diskussion ganz unabhängig von der Ansicht der Familie gegeben. Es handele sich um „ein ganz sensibles Thema“, denn beispielsweise müsse ja bedacht werden, dass die Aufschrift auch in 50 Jahren noch verständlich sei, wenn sich niemand mehr aus eigener Erfahrung an die Person Charlottes erinnere. Sie selbst allerdings habe mit dem jetzt gefundenen Ergebnis durchaus Probleme, sagte Monika Schulz. Man habe geplant, die Änderung erst am Sonntag bei der Enthüllung öffentlich zu machen und dann in der Rede darauf einzugehen – das ist nun hinfällig geworden.

Unabhängig von dieser Kontroverse gehen die Bemühungen weiter, das alte Inventar des Museums, sechs Zimmereinrichtungen, die Charlotte von Mahlsdorf nach Schweden mitgenommen hatte, wieder ins Museum zurückzubringen. Wie berichtet, hatten das schwedische Kulturministerium die Annahme der Sammlung abgelehnt; sie fiel damit an die Familie zurück. Hanfried Berfelde bestätigte, dass man an der Absicht festhalte, die Stücke dem Verein leihweise zu überlassen und wieder in den Mahlsdorfer Museumsräumen auszustellen. Um den Transport nach Deutschland bezahlen zu können, hofft der Verein, der sich vor allem aus Eintrittsgeldern und Mitgliedsbeiträgen finanziert, auf weitere Spenden.

Die Besucherzahlen des Museums indessen sind im ersten Halbjahr 2003 im Vergleich zum Vorjahr um etwa 20 Prozent auf rund 1900 gestiegen. Und seit am New Yorker Broadway ein Stück über Charlotte von Mahlsdorf läuft, steigt auch die Zahl der Anfragen aus Amerika.

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