GESTERN, HEUTE : Alles im Fluss: Von der Industrie zur Hochtechnologie

ZEITREISE



Engel müsste man sein. Dann wäre jede Mauer Luft, so wie für Damiel und Cassiel 1987 in Wim Wenders’ „Der Himmel über Berlin“. Erst waren sie über die Lohmühlenbrücke spaziert, an der Einmündung des Neuköllner Schifffahrts- in den Landwehrkanal. Auf der Treptower Seite ging es damals nicht weiter, dort stand die Mauer, für Himmelsboten kein Problem. Menschen konnten die Brücke erst Ende 1988 wieder nutzen. Per Gebietsaustausch war der östlich gelegene Lohmühlenplatz nach West-Berlin gewechselt und die Brücke saniert worden. Heute überragt ein neues Wohn- und Geschäftshaus den einstigen „Lohmühlenzwickel“. Nur das Mietshaus links zeigt noch sozialistische Wohnkultur, mit den originalen rostigen Blechverkleidungen an den Seitenmauern, und der handtuchschmale Hof ist zum Kanal hin noch immer mit vier Meter hohen Gitterzäunen abgetrennt – ein Rest des ausgeklügelten Systems der Grenzsperren. Die Idylle des Kanalufers kann diese Tristesse kaum mindern: Auf dem früheren Todesstreifen ist eine kleine Parkanlage entstanden, mit einer Reihe von Zierkirschbäumen, einem Geschenk aus Japan.

DIE VERGANGENHEIT

Das war Treptow zu DDR-Zeiten: ein groß angelegter Industriestandort (Elektro-Apparate-Werke, VEB Steremat, Großhandelsbetrieb Sport- und Kulturwaren,VEB Berliner Werkzeugmaschinenfabrik) und entlang der Spree mit Treptower Park und Plänterwald ein Ausflugsgebiet für OstBerliner – samt Hafen: Die Weiße Flotte fuhr in Richtung Dahme. Die Mauer erstreckte sich im Bezirk auf 17 Kilometer Länge und war damit die größte innerstädtische Grenzanlage. Am Treptower Todesstreifen kamen 15 Menschen ums Leben. Die letzten sowjetischen Truppen zogen 1994 ab. Ihr überdimensionales Andenken: das sowjetische Ehrenmal, eine zehn Hektar große Anlage. An ihrem Ende wacht mit einer Gesamthöhe von 30 Metern auf einem Hügel die Skulptur „Der Befreier“ über 5 000 sowjetische Gräber – jeweils am 8. Mai, dem zu DDR-Zeiten gefeierten „Tag der Befreiung“ von der Hitler-Diktatur, Ort für politische Großveranstaltungen.

DIE GEGENWART

Noch 1993 diente sie als Omnibus-Betriebshof: die 1927 von Architekt Franz Ahrens errichtete, mit 7000 Quadratmetern größte freitragende Halle Europas. Ab 1961 lag sie direkt im Mauerstreifen, nur noch zugänglich für DDR-Grenztruppen und BVG-Beschäftigte. Heute ist ein ganzes Kulturzentrum entstanden: die Arena, ergänzt durch Locations wie das Glashaus, das Restaurantschiff Hoppetosse oder das Badeschiff samt Wintersauna. Der Industriekomplex Lohmühlen-/Kiefholzstraße wurde nach 1990 rekonstruiert. Hier arbeiten Firmen aus Grafik, Design und Medien. Den Agfa-Komplex an der Jordanstraße hat eine private Stiftung saniert. In der ehemaligen Kaserne Am Treptower Park sind Teile des Bundeskriminalamts untergebracht. In den Neunzigern entstanden die Treptowers auf dem AEGGelände. Der höchste Bau: 127 Meter, 17 Stockwerke. Der Standort Adlershof, Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien, Arbeitsort für 12 700 Menschen, gilt als eines der erfolgreichsten Hochtechnologie-Projekte Deutschlands: Terrain für 400 Unternehmen mit 4000 Mitarbeitern und zwölf außeruniversitäre Forschungseinrichtungen mit knapp 1500 Mitarbeitern. Die Humboldt-Universität betreibt hier Institute. Mit 138 Firmen ist Adlershof Berlins bedeutendster Medienstandort.

LITERATUR

Ein Jahrzehnt ist für Verleger von Berlin-Literatur eine Ewigkeit. 1996 erschien bei be.bra der von Regina Richter, Frauke Rother und Anke Scharnhorst verfasste Band „Hier können Familien Kaffee kochen! Treptow im Wandel der Geschichte“, doch: Wieviel hat sich dort seither getan? Die Treptowers befanden sich damals noch in der Planungsphase, auch der Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Adlershof entstand gerade erst. Hochaktuelles darf man von dem Buch also nicht erwarten, doch ohnehin – der Titel deutet es an – liegt der Schwerpunkt in der Vergangenheit. Das gilt ähnlich für Sabine Molters „Spaziergänge in Treptow“ (Haude & Spener) wie auch besonders für den Bildband „Ein Rendevous mit Treptow“ (Sutton Verlag, Erfurt), dessen Fotoauswahl die Zeit von 1896 bis 1970 abdeckt. Dem neuen Bauen sind die Architekturführer des Stadtwandel-Verlags gewidmet. Es gibt sie auch zu Adlershof und dem Badeschiff. ac/mj/lei

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