Gewalt beim Fußball : Bahn verhängt Reiseverbot für Hooligans

Mehr als 200 gewaltbereite Fußballfans erhalten Post von der Bahn: Hausverbot. Ist damit endlich Ruhe im Zug? 13.000 Fans tauchen in der Gewalt-Statistik der Polizei auf.

von und
Zugriff am Zug. Im Fanzug wurde randaliert, die Polizei rückt an.
Zugriff am Zug. Im Fanzug wurde randaliert, die Polizei rückt an.Foto: dpa

Für Mitreisende sind sie of ein Albtraum: randalierende und gewaltbereite Fußballfans, Hooligans genannt, die in Zügen zu den Spielen „ihrer“ Mannschaft fahren. Jetzt greift die Bahn durch. Sie werde polizeibekannten Hooligans untersagen, mit der Bahn an- und abzureisen, sagte ein Sprecher am Sonntag. Das Verbot gelte auch für die S-Bahn. Die Bahn reagiere damit auf die hohe Zahl von verschiedenen Delikten vor und nach Fußballspielen. Auch gegen andere Gewalttäter hat die Bahn bereits Hausverbote ausgesprochen. Etwa 200 bis 300 Hooligans bundesweit sollten per Post über den Beförderungsausschluss informiert werden, sagte ein Bahnsprecher.

Hunderttausende Fans nutzen jedes Wochenende die Bahn

Wer nach solchen Taten bereits polizeilich erfasst und als gewalttätig eingestuft ist, werde jetzt schriftlich vom Ausschluss der Mitfahrt informiert, sagte der Sprecher. Laut "BamS" registrierte die Bundespolizei in der vergangenen Saison beim Bahnreiseverkehr von Fußballfans 2321 Straftaten, davon 669 Gewaltdelikte. Dabei seien 392 Menschen verletzt worden, darunter 149 Polizisten und 131 unbeteiligte Reisende. Der Bahn-Sprecher wies allerdings auch darauf hin, dass die meisten derjenigen, die mit der Bahn zu den Spielen fahren, "ganz nette Fußballfans" seien, gegen deren Mitreise das Unternehmen nichts einzuwenden habe.

Wer nach einem Verbot trotzdem in einem Zug erwischt wird, etwa bei einer Kontrolle, macht sich strafbar: Hausfriedensbruch. Vor allem aber erhofft sich die Bahn einen abschreckenden Effekt.

Nächster Halt: S-Bahnhof Olympiastadion Berlin
Vorn die alten Kassenhäuschen, hinten der Turm, dahinter: Gestrüpp. Der S-Bahnhof Olympiastadion in den 80ern.Weitere Bilder anzeigen
1 von 27Foto: Jörn Hasselmann
08.04.2016 13:11Vorn die alten Kassenhäuschen, hinten der Turm, dahinter: Gestrüpp. Der S-Bahnhof Olympiastadion in den 80ern.

200 Hausverbote? Es gibt mehr als 13.000 Schläger

Allerdings setzt der Datenschutz auch Grenzen: Die Vereine dürfen der Bahn nicht mitteilen, wer nach Gewalttaten ein Stadionverbot erhalten hat. Umgekehrt darf aber auch die Bahn den Klubs nicht mitteilen, wer ein Reiseverbot in den Zügen hat. Zur Relation: In den Karteien der bundesweiten Hooligan-Fahnder werden mehr als 10.000 Männer als "Gewalttäter Sport" geführt.Laut dem letzten veröffentlichen Bericht der "Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze" der Polizei liegt die Zahl der registrierten Fans bei 13.600 Menschen in Deutschland. Wie berichtet, werden allein bei Hertha BSC mehr als 500 Menschen in dieser - umstrittenen - Datei geführt, darunter 70 harte Schläger ("Kategorie C").

Fanzüge wird es trotzdem weiter geben, auch wenn es in diesen häufig nicht friedlich zugeht. Um Ausschreitungen zu vermeiden, arbeiten die Klubs eng mit der Bahn und der für sie zuständigen Bundespolizei zusammen. Zum Teil stimmen sie bei Sonderzügen sogar die Fahrpläne miteinander so ab, dass die Fahrten der verschiedenen Fangruppen nicht gleichzeitig im Bahnhof ankommen - vor allem Hannover gilt wegen seiner zentralen Lage als kniffeliger Bahnhof: Hier treffen sonnabends schon mal Fans vieler Vereine aus allen Himmelsrichtungen aufeinander.

Berlin, dein geheimnisvolles Olympiastadion
Wer in der Westkurve im Oberring übrigens nach ganz oben stiefelt und sich in der letzten Reihe auf den Klappstuhl stellt, sieht einen wunderschönen Sonnenuntergang hinter Spandau. Wäre das Dach hier oben geschlossen, sähe man den nicht (und müsste stattdessen immer Hertha da unten guckt, was nicht immer ein Vergnügen ist, wie wir wissen).Weitere Bilder anzeigen
1 von 89Foto: Imago
19.05.2017 16:01Wer in der Westkurve im Oberring übrigens nach ganz oben stiefelt und sich in der letzten Reihe auf den Klappstuhl stellt, sieht...

In den Sonderzügen fahren Bundespolizisten in Zivil mit, verstärkt durch eigene Sicherheitsdienste der Klubs. Manchmal passen auch Fans in den Zügen auf, die in der Szenehierarchie weit oben stehen und die Dinge auf ihre eigene Weise meist erfolgreich regeln. Geht’s trotzdem schief, sind die Vereine zum Teil konsequent.

Trommeln, bis die Deckenverkleidung einbricht - besoffene Kids

Nachdem im Frühjahr Anhänger in einem Sonderzug nach Hamburg randaliert hatten, sagte Hertha BSC einen bereits gebuchten Sonderzug nach Hannover ab. Zur Tat schreiten hier nach Angaben von Szenekennern aber selten die Hooligans, sondern eher „aufgekratzte Kids oder schlichtweg Suffis“. Beliebt ist das Trommeln gegen die Decke eines Zuges, bis diese bricht. Oft werden auch massenweise Sticker der verschiedenen Fanklubs an die Wände geklebt, die hinterher mühsam und aufwändig beseitigt werden müssen. Der Zustand der Toiletten in den Fanzügen spottet meist jeder Beschreibung. In Berlin sei die Zahl der Gewalttaten vor und nach Spielen im Olympiastadion bei der U-Bahn in den vergangenen Jahren zurückgegangen, sagte BVG-Sprecher Markus Falkner. Anders als bei der Bahn sei die Fahrt in der Stadt allerdings auch nur kurz. Ähnliches gelte für die S-Bahn, sagte ein Bahnsprecher.

100.000 Euro Schaden

Im Einsatz ist bei der S- und U-Bahn auch immer viel Personal. Die Vereine müssen dafür nichts bezahlen. Bremen versucht jetzt, die Kosten für Polizeieinsätze beim Deutschen Fußball-Bund einzutreiben. Auch der Bahnkonkurrent Metronom, der in Niedersachsen Regionalverkehr betreibt, hat in diesem Frühjahr ein Mitreiseverbot für Gewaltbereite angekündigt. Zuvor hatten Randalierer einen Schaden von rund 100.000 Euro angerichtet. Metronom war 2009 auch mit einem generellen Alkoholverbot in den Zügen vorgeprescht.

15 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben