Gewalt gegen Frauen : Geschlagen, geprügelt, eingesperrt - vom eigenen Mann

Jede vierte Frau in Deutschland hat schon einmal Gewalt in der Partnerschaft erlebt. Auch in Berlin spricht die Polizei von einem "hohen Tatniveau" - die Plätze für Hilfesuchende reichen nicht aus, mahnen Experten am heutigen Tag gegen Gewalt an Frauen.

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Eine Frau in einem Frauenhaus.
Laut Berliner Kriminalstatistik wurden 2012 rund 15 800 Fälle von häuslicher Gewalt registriert.Foto: dpa

Er prügelt auf sie ein, boxt sie ins Gesicht, würgt sie einmal, zweimal. Wie oft die Hände ihres Ehemannes ihren Hals zuschnüren, kann Dragana heute nicht mehr sagen. Er schlägt sie, seine Mutter, die Schwester, den Bruder, alle. Dragana ist eingesperrt, darf die Wohnung in Berlin nie verlassen.

Sie putzt, sie kocht, sie muss gehorchen. Hochschwanger kommt sie wegen gesundheitlicher Probleme ins Krankenhaus, wo ihre Tochter zur Welt kommt. Dort kann sie jedoch niemandem ihre Pein erzählen. Jede Minute sitzt jemand aus der Familie des Ehemanns an ihrem Bett und passt auf. Ein Jahr und sieben Monate muss die junge Frau diese Tortur erleben.

Wo ihre Tochter lebt, weiß sie nicht

Die Schwiegermutter droht ihr an, dass sie im Keller sterben werde. Einmal kann Dragana aus der Wohnung flüchten. Als sie eine deutsche Frau im Haus um Hilfe bittet, verweigert sich diese – und Dragana kehrt zurück in die Wohnung. Sie darf ihre Familie im ehemaligen Jugoslawien nicht anrufen und kennt in Berlin nur eine Tante, die sie nicht besuchen darf. Als die Tante sie nach Monaten einmal besucht, geht sie unter einem Vorwand mit ihr vor die Wohnungstür und kann fliehen. Ihre Tochter aber muss sie zurücklassen. „Mein Kind hätten sie mir nie in die Hände gegeben.“ Sie weint.

Seit zwei Jahren lebt sie in einem Frauenhaus der Caritas in der Innenstadt. Ihr Ehemann, von dem sie geschieden ist, hat Unterschriften von ihr gefälscht, so dass sie um das Sorgerecht kämpfen musste. Als sie das geschafft hatte, brachte ihr Exmann, ein ehemaliger Bürgerkriegsflüchtling, die Tochter außer Landes. Wo die Kleine jetzt lebt, weiß sie nicht.

Ausstellung "Opfer"
Mut zum Hinsehen: Bis zum 7. Oktober 2010 zeigte das Berliner Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke die Ausstellung "Opfer" des Opferschutzvereins Weißer Ring. Zu sehen waren die Motive einer Kampagne gegen häusliche Gewalt und sexuelle Misshandlung von Kindern und Frauen. Die 100 Plakate und Fotos wurden von Studenten der Bauhaus-Universität Weimar gestaltet. Wir zeigen eine Auswahl der Werke. Motiv im Bild: "Ich bin bloß die Treppen hinuntergefallen" - "Ausrede" von Fabian Braun.
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1 von 12Foto: Weißer Ring
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Rund 2000 Frauen suchten 2012 in Berlin Zuflucht in geschützten Häusern. Doch die Plätze reichen nicht aus. Es kommt regelmäßig zu Engpässen: Ein Frauenhaus in Rathenow hatte in diesem Jahr schon 27 Anfragen schutzbedürftiger Frauen aus Berlin. Der Senat finanziert die Frauenhäuser mit 3,03 Millionen Euro 2014 und 3,07 Millionen 2015. Gestrichen worden sei kein Geld, heißt es aus der Senatsfrauenverwaltung. Sogar ein Zuwachs von 100 000 Euro sei erzielt worden.

Protestaktion vor der Senatsverwaltung

„Das reicht nicht aus, um die Betriebskosten und Personalstellen nach Tarif zu bezahlen“, sagt Frauenhaus-Leiterin Gabriele Kriegs. Nach Angaben von Verdi-Chefin Susanne Stumpenhusen fehlen mindestens 600 000 Euro, um das Personal nach Tarif zu bezahlen. „Die Frauensenatorin zeigt kein Engagement“, kritisiert Evrim Sommer, Frauenpolitikerin der Linken. Dilek Kolat (SPD) hätte in den Haushaltberatungen finanzielle Mittel für die Frauenhäuser anmelden müssen. „Dafür erhält die Beton-Fraktion mehr Geld“, kritisiert Grünen-Frauenpolitikerin Anja Kofbinger. Die Koalitionsfraktionen haben sich in den Chefgesprächen darauf verständigt, je vier Millionen Euro zusätzlich für ein noch nicht geplantes Stadtwerk und für zukünftige Planungen auf dem Flughafengelände in Tegel zu investieren.

Am heutigen Montag, dem Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen, rufen Frauennetzwerke zu einer Protestaktion vor der Senatsfrauenverwaltung auf. Und Dilek Kolat wird Bäckertüten mit der Aufschrift „Gewalt kommt nicht in die Tüte“ im Shoppingcenter „Alexa“ verteilen, um die „Sensibilität für das Thema häusliche Gewalt zu erhöhen“.

Es passiert in allen Ländern, Kulturen in allen sozialen Schichten: Laut einer WHO-Studie vom Juni dieses Jahres wird weltweit jede dritte Frau Opfer körperlicher Gewalt. 35 Prozent aller Frauen erleiden Prügel, Vergewaltigungen, werden sexuell missbraucht oder wie Sklavinnen behandelt. Die Dunkelziffer ist immens.

Fast 16 000 Fälle jährlich in Berlin

Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums von 2008 hat jede vierte Frau in Deutschland in ihrer Partnerschaft Gewalt erfahren. Es genügt oft nicht, dass die Polizei durch das Gewaltschutzgesetz prügelnden Männern das Betreten der Wohnung verbietet. Die Gefährdung ist häufig so groß, dass den Frauen nur die Flucht ins Frauenhaus bleibt. Laut Berliner Kriminalstatistik wurden 2012 rund 15 800 Fälle von häuslicher Gewalt registriert. Dazu zählten drei Morde, sechs Totschlagsdelikte, Vergewaltigungen, sexuelle Nötigung und andere sogenannte Rohheitsdelikte. Und die Polizei spricht weiter von einem hohen Tatniveau in Berlin.

Dragana heißt nicht so, ihr Ursprungsland soll nicht genannt werden, diverse Gerichtsverfahren sind anhängig. Sie wolle „nicht noch mehr Probleme“, sagt die Frau, die in ihrem Heimatland Abitur gemacht hatte, schüchtern. Mehrfach hat der Exmann versucht, ihren Aufenthaltsort herauszubekommen. Sie hat Angst.