Gewalt gegen Uniformierte : Polizisten in Berlin besonders gefährdet

Gleich zweimal sind Polizeibeamte am Donnerstag attackiert worden: Einmal griff ein Mann zwei Uniformierte mit Scheren an, in einem anderen Fall raste ein mutmaßlicher Entführer in einem Jaguar auf die Polizei zu. Bundesweit liegt Berlin an der Spitze bei Angriffen gegen Uniformierte.

von
In Berlin wurden im Jahr 2012 914 Polizisten beim Widerstand gegen Vollzugsbeamten verletzt. 2011 waren es knapp 800.
In Berlin wurden im Jahr 2012 914 Polizisten beim Widerstand gegen Vollzugsbeamten verletzt. 2011 waren es knapp 800.Foto: dpa

Jeder Einsatz kann für Polizisten lebensgefährlich werden. Am Donnerstag gab es gleich zwei Fälle, wo Beamte dies am eigenen Leib erfahren mussten. In Mitte stach am Nachmittag ein 21-Jähriger, nachdem er zuvor seine Mutter krankenhausreif geschlagen hatte, auf zwei Beamte mit einer Schere ein. Er wurde wegen versuchter Tötung einem Haftrichter vorgeführt. In Neukölln flüchtete am Abend ein mutmaßlicher Entführer in einem Jaguar vor der Polizei und raste dabei gegen einen Funkwagen. Dass die Beamten mit gezogenen Waffen vor ihm standen, beeindruckte ihn nicht.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) beklagt seit langem die zunehmende Gewalt gegen Polizisten. Berlin liegt laut Statistik von den bundesweit 60000 Angriffen im vorigen Jahr an der Spitze. 914 Polizisten wurden beim Widerstand gegen Vollzugsbeamten verletzt. 2011 waren es knapp 800. Innensenator Frank Henkel (CDU) sagte: „Vorfälle wie diese zeigen, wie viel unsere Beamtinnen und Beamten jeden Tag riskieren und wie gefährlich dieser Job ist."

Von den beiden Oberkommissaren, die am Heinrich-Heine-Platz mit einer Schere attackiert wurden, ist einer wieder aus der Klinik entlassen worden. Sein Kollege liegt noch auf der Intensivstation - er hatte einen Lungenstich erlitten, weil der Angreifer ihm von oben an der Schutzweste vorbei in den Oberkörper gestochen hatte. Der 21-Jährige, der bereits als Intensivtäter bei der Polizei bekannt ist, konnte von der Verstärkung überwältigt werden.

Doch selbst in der Gefangenensammelstelle leistete er so heftigen Widerstand, dass zwei weitere Beamte durch Schläge verletzt wurden und nicht mehr arbeiten konnten. Ursprünglich waren die Polizisten wegen Häuslicher Gewalt zum Tatort gerufen worden. Der Mann soll vor der unvermittelten Attacke auf die Beamten seiner Mutter den Kiefer gebrochen haben. Sie wurde ambulant im Krankenhaus behandelt.

Glimpflicher für die Uniformierten lief später eine Verfolgung in Neukölln ab. Dort hatten Zeugen gegen 23 Uhr in der Silbersteinstraße gesehen, wie ein Mann einen anderen mit einer Pistole bedrohte und in einen Jaguar zerrte. Die alarmierten Polizisten versuchten den Jaguar zu stoppen, indem sie sich quer auf die Fahrbahn stellten und sich dem Jaguar mit gezogenen Waffen näherten. Der Fahrer sollte den Motor abstellen und aus dem Auto steigen. Doch der 33-Jährige gab plötzlich Gas, fuhr gegen den Funkwagen und dann auf die Beamten zu. Wie in einer Filmszene gelang es einem der Uniformierten nur durch einen Sprung zur Seite, im letzten Moment auszuweichen. In der Rübelandstraße wurde der Jaguar von anderen Beamten gestoppt. Hier floh der Fahrer zunächst zu Fuß, konnte aber gefasst werden. Während der Flucht warf er noch ein Messer weg. Der 33-Jährige gehört einem polizeibekannten arabischen Familienclan an und war im März dieses Jahres aus dem Gefängnis entlassen worden. Eine Fahrerlaubnis hat er laut Polizei nicht. In dem geliehenen Jaguar fand die Polizei eine Schreckschusswaffe und drei kleine Tütchen mit Betäubungsmitteln. Das vermeintliche Entführungsopfer war während der Verfolgung unerkannt entkommen. Die Hintergründe dieser Tat sind noch unklar.

So schützt sich die Polizei

Zum Schutz der Beamten muss jeder Polizist regelmäßig ein Einsatz- und Situationstraining besuchen. Dabei sind die Beamten in Zielgruppen aufgeteilt: Diejenigen, die täglich auf der Straße Dienst haben, müssen drei Mal pro Jahr zur Polizeischule: Dort müssen sie ein Schießtraining sowie Einsatztrainings bewältigen, wo Angriffs- und Festnahmesituationen geprobt werden.

Jeder Polizist, der auf der Straße unterwegs ist, hat eine kugel- und stichsichere Schutzweste. 15000 Stück werden von der Behörde zur Verfügung gestellt. Eine Verpflichtung zum Tragen ]besteht nicht, doch im Streifendienst tragen die meisten Beamten die Weste zur Eigensicherung. Wer ein anderes, leichteres, Modell bevorzugt muss den Differenzbetrag selbst zahlen. Zudem sind die Beamten neben der Dienstpistole noch mit einem Schlagstock (Tonfa) und einem Reizgassprühgerät ausgerüstet.
Routine ist der größte Feind: Die Gefahr bestehe, in alltäglichen Situationen Risiken zu vergessen. Da helfe nur regelmäßige Schulung und gute Kommunikation.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

48 Kommentare

Neuester Kommentar