Gewalt in Berlin : Immer weniger Intensivtäter - dafür brutaler

Einerseits sind die Zahlen der Serienkriminellen in Berlin rückläufig. Andererseits werden die Übergriffe immer brutaler. Es fehlt an Menschen wie die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig - und an einer konsequenten Strafverfolgung. Ein Kommentar.

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Die Zahl der Übergriffe von jugendlichen Intensivtätern sinkt zwar, aber sie werden brutaler.
Die Zahl der Übergriffe von jugendlichen Intensivtätern sinkt zwar, aber sie werden brutaler.Foto: dpa

Erst fünfzehn und schon völlig daneben. Prügeln, nötigen, weiter prügeln, abhauen – damit hat ein Berliner Jugendlicher, auf die entscheidenden Begriffe gebracht, die vergangenen Tage und Nächte verbracht. Ein von ihm und zwei Kumpels provozierter Streit im Bus zeigt prototypisch, was Jugendliche wie ihn so gefährlich machen: Sie kennen nur sich und ihre unkontrollierten Gefühle, sie wollen zuschlagen – und wer sich mit ihnen anlegt wie ein junger Mann, der einer Freundin helfen wollte, riskiert mindestens einen Kurzaufenthalt im Krankenhaus.

Wer sich so verhält, findet sich nach ein paar Jahren in der Kriminalstatistik, und zwar als „Intensivtäter“. Das bedeutet: Der Anfang einer kriminellen Laufbahn ist gemacht. Das eigene Gesicht ist den Ermittlern in der zuständigen Kripo-Abteilung bekannt, eine längere Haftstrafe immer wahrscheinlicher. Polizisten, Staatsanwälte und Richter arbeiten in Berlin und anderswo seit rund zehn Jahren zusammen, um solche kriminellen Karrieren zu unterbrechen und wenn möglich zu beenden.

Die Zahlen sind rückläufig, das Vorgehen wird aber rabiater

Dass ihre Arbeit Wirkung hat, zeigt die Statistik: Die Anzahl der Serienkriminellen unter den Jugendlichen ist gesunken, und das kann man eindeutig auf den erhöhten Verfolgungsdruck zurückführen. Zugleich zeigt die Statistik, dass Jungmänner vom Kaliber des 15-Jährigen eher rabiater als vorsichtiger werden. Die Kriminalstatistik verzeichnet sinkende Tatzahlen – aber eine deutliche Zunahme der Raubtaten und der Körperverletzungen. Der Prügel-Knabe aus dem Bus markiert den Trend.

Was dann später mit ihm geschah, beschreibt allerdings die noch immer bestehende Problematik bei der Strafverfolgung: Der Jugendliche sollte nach Frostenwalde in Brandenburg gebracht werden – dem „Heim“ für die ganz besonders Uneinsichtigen aus dem Intensivtätermilieu.

Inkonsequenz bei der Strafverfolgung

Frostenwalde ist der Ausdruck der Berliner Inkonsequenz bei der Strafverfolgung. Nach einer endlos langen Diskussion hieß es 2011, dass die Stadt doch wieder ein geschlossenes Heim für kriminelle Kinder und Jugendliche brauche. Doch sechs bis acht Plätze sind in Anbetracht von fast 500 Intensivtätern ein bisschen wenig.

Gewiss: Längst gibt es Studien, die zeigen, dass Jungs wie der 15-jährige Busschläger verlorene Seelen sind – groß geworden in kaputten Familien, der Vater weg oder bedeutungslos. Doch die Frage bleibt, warum es eben immer noch so viele sind, die die Stadt und ihre friedfertigen Bewohner unsicher machen. In Berlin fehlen Menschen wie die vor vier Jahren verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig, an deren Mission die ARD am kommenden Mittwoch erinnert. Und es fehlt ein Vollzug, der Fahrten nach Frostenwalde überflüssig macht.

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