Gewalt in Berlin : Verbrechen unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Der Tod von Jonny K. schockierte die ganze Stadt. Immer wieder geschehen ähnliche Fälle - sinnlose Explosionen der Gewalt - doch niemand erfährt davon. Das liegt auch an der Polizei.

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Gewalt in Berlin - nicht immer wird über gravierende Fälle berichtet.
Gewalt in Berlin - nicht immer wird über gravierende Fälle berichtet.Foto: dpa

Das Schicksal von Jonny K. berührt jeden, der sich Berlin und seinen Menschen verbunden fühlt. Da wird jemand sinnlos und aus heiterem Himmel zu Tode getrampelt, und jeder von uns denkt: Theoretisch könnte auch ich das Opfer gewesen sein. Der Fall hat eine Qualität, die uns alle betrifft, denn jeder schaut sich die Fakten an und ist – so zynisch ist das Leben nun mal – erleichtert, wenn er sagen kann: Das war ein Streit unter Kriminellen, oder: Die waren alle volltrunken, oder: Drogenmilieu, Jugendgruppengewalt, geht mich nichts an, kann mir nicht passieren. Jonny K. aber war unbeteiligt, er war einer von uns, die breite Debatte hat Licht in die tatsächliche Situation gebracht.

Aktueller Anlass für solche Betrachtungen ist der Fall, den wir hier nur sehr knapp schildern konnten: Am 21. Juli wurde ein 26-jähriger Pole in Wedding mit einer abgebrochenen Glasflasche angegriffen. Der Täter schlitzte ihm die Kehle auf, und am vergangenen Freitag trat der Tod ein, wie seltsamerweise erst am Dienstag mitgeteilt wurde. Die Polizei sucht einen 24-jährigen Mann, von dem sie nicht einmal den Namen mitteilt.

Hält die Polizei Wissen unter Verschluss?

Zweiter Fall: Vor einer Woche wurde ein Mann, offenbar ein Passant, in der Mainzer Straße in Neukölln „aus einer Personengruppe heraus“ (Polizei) mit einer Eisenstange angegriffen und lebensgefährlich verletzt. Die Ermittlungen laufen. Und wer ein wenig sucht, der findet noch zwei oder drei Fälle aus den letzten Wochen, bei denen Ähnliches passiert zu sein scheint: Die sinnlose Explosion von Gewalt aus dem Nichts.

Prozessbeginn im Fall Jonny K.
Seit Mitte Mai müssen sich die sechs Angeklagten im Fall Jonny K. vor Gericht verantworten. Sie sollen Jonny K. im Oktober 2012 in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes mit Tritten und Schlägen attackiert haben. Kurz danach erlag das Opfer seinen Gehirnblutungen. Seine Schwester, Tina K., wohnt dem Prozess bei. „Ich will wissen, wer schuld ist“, sagte die 28-Jährige vor Prozessbeginn.Alle Bilder anzeigen
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13.05.2013 13:26Seit Mitte Mai müssen sich die sechs Angeklagten im Fall Jonny K. vor Gericht verantworten. Sie sollen Jonny K. im Oktober 2012 in...

Das ist unheimlich. Denn es kann durchaus sein, ja ist sogar wahrscheinlich, dass jeder dieser Fälle die gleiche Aufmerksamkeit verdient und das gleiche Erregungspotenzial birgt wie der von Jonny K. Oder auch nicht – aber wir wissen es nicht, können es nicht beurteilen, weil es auch die Polizei wohl nicht weiß. Oder weil sie wesentliches Wissen unter Verschluss hält, was einfacher ist, wenn sich ein Verbrechen nicht auf dem Präsentierteller Alexanderplatz ereignet.

Im Zweifelsfall werden sogar Vornamen geheim gehalten

Der Grund sind unterschiedliche Interessen. Wir wollen Fakten, die Polizei auch. Aber sie kann am ungestörtesten ermitteln, wenn ihr überhaupt niemand auf die Finger schaut, wenn keine Einzelheiten unkontrolliert in der Öffentlichkeit auftauchen. Festnahme, Geständnis, Staatsanwalt, knappe Mitteilung an die Presse, fertig – so ist es den Kriminalbeamten am liebsten. Hinzu kommt, dass kein Polizist in die Mühlen der allfälligen Rassismus-, Gender- und Datenschutzdebatte geraten will und deshalb im Zweifelsfall nicht einmal mehr die Vornamen von Opfer und Tatverdächtigen herausrückt.

Das ist professionell nicht zu beanstanden, aber es hinterlässt einen mehr als schalen Beigeschmack. Denn dieses Informationsloch hindert auch die Presse daran, die notwendigen Abwägungen vorzunehmen und Kriminalfälle wie die oben erwähnten richtig einzuordnen; Monate später hat das kaum noch Sinn. Das hat nichts mit Sensationslust zu tun, sondern ist die Voraussetzung dafür, dass der Bürger weiß, wie sicher er in seiner eigenen Stadt noch ist. Dass die Polizei lakonisch mitteilt, sie mache das schon, ist angesichts der wachsenden subjektiven Unsicherheit einfach zu wenig.

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