Gewalt in S- und U-Bahn : Kein gutes Gefühl

In Zügen und auf Bahnsteigen wird nachts gepöbelt, gedroht und manchmal auch geschlagen. Dabei sinkt in Berlin die Zahl der Taten, das zeigen Statistiken. Doch da bleibt eben auch ein Rest von Unsicherheit.

Marie Rövekamp
Signalfarbe Rot. Manche Fahrgäste haben ein mulmiges Gefühl, wenn sie nachts und allein in der U-Bahn sitzen.
Signalfarbe Rot. Manche Fahrgäste haben ein mulmiges Gefühl, wenn sie nachts und allein in der U-Bahn sitzen.Foto: dpa

Ein kleiner, grauhaariger Mann steigt am Kurfürstendamm in die U-Bahn und schlägt ein Buch auf. Der Titel: „Die Kunst des klugen Handelns“. Klug handeln. Das scheint er in den nächsten Minuten auch zu versuchen, und so hält er den Ratgeber dicht vor sein Gesicht. „Mann, was willst du?“, schreit sein Gegenüber ins Handy. „Ich hab jetzt echt keinen Bock auf den Stress. Verstehst du? Nein. Hab da jetzt echt keine Laune für!“ Der Mann legt auf und geht zur Tür. „Fuck!“, schreit er und schlägt mehrmals dagegen. „Fuck, Fuck, Fuck! Und du da, guck nicht!“ Gemeint ist eine ungefähr 40-jährige Frau. Sie schweigt. Schaut weg.

So wie der ältere Herr mit dem Buch scheint sie nur eins zu wollen in dieser Nacht: Bloß nicht auffallen. Nicht wie das Ehepaar, das ein Unbekannter kürzlich mit Essensresten beworfen hat. Nicht wie die junge Frau, die von einer Gruppe Männer vor nicht allzu langer Zeit belästigt worden ist. Und nicht wie der Mann, dem ein 14-Jähriger am selben Wochenende das Gesicht zerschnitten hat. Nein, sicher fühlt sich die Frau in der Stadt nicht, wie sie später erzählt – und so denken laut dem Statistischen Bundesamt 62 Prozent der Menschen in Berlin. In Hamburg fühlt sich der aktuellen Umfrage zufolge knapp die Hälfte unsicher, in München zwölf Prozent. So weit zum Gefühl.

Weniger Gewalttaten in der Berliner U-Bahn

Doch was sagen die Zahlen? Danach umfasste die Gewaltkriminalität im Öffentlichen Nahverkehr Berlins im Vorjahr 5849 Straftaten. Die Delikte häuslicher Gewalt waren im Vergleich fast drei Mal so hoch. Und dann gab es in dieser Woche noch eine weitere Statistik: In der U-Bahn kommen demnach 4,38 Gewalttaten auf eine Millionen Fahrten, früher waren es mehr, nämlich 6,02 Gewalttaten. Es gibt auch weniger Raubüberfälle und weniger Übergriffe auf das Personal der BVG als noch vor fünf, sechs Jahren. „Gut“, sagt die Frau in der U-Bahn. „Aber Zahlen bekämpfen aber nicht mein mulmiges Gefühl.“

Für Thomas Meyer, 29, Student, ist der Randalierer in der U1 ein Grund, warum er nur noch selten mit der Bahn fährt. Er hat Angst, im falschen Moment am falschen Ort zu sein, und wünscht sich zu seinem eigenen Schutz mehr Videoüberwachung. Während die S-Bahn dies nur zur Zugabfertigung nutzt, setzen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) immer mehr Kameras zur Abschreckung und Fahndung nach Tätern ein. „Bei dem, was man alles hört, kann es nicht genug Überwachung in dieser Stadt geben“, sagt Thomas Meyer und spricht aus Erfahrung. Ein Rechtsradikaler sei an einer U-Bahn-Station einmal auf ihn zugekommen und habe ihn mit seinem Springerstiefel getreten. Erst gegen das Schienbein. Dann ins Gesicht.

Als zwei große, durchtrainierte Jungs mit Bierflaschen in die Bahn springen, verdreht Thomas die Augen. „Da krieg ich schon zu viel“, sagt er und schüttelt den Kopf. Die beiden gehen auf eine Frau zu und sprechen sie mit einer leichten Fahne an. „Ey!“ Sie reagiert nicht. „Entschuldigung! Könnten wir uns bitte neben Sie setzen? Das wäre sehr nett.“ Während die Mitfahrerin zur Seite rückt, telefoniert der Randalierer des Abteils erneut. Allerdings viel leiser. „Ja Schatz, tut mir leid. Ich dich doch auch.“ Mit einem Kussgeräusch legt er auf.

Der nächste Halt ist das Kottbusser Tor. Dort sitzt Nina Tratz, 31, Schauspielerin. Außer ihr sind nur zwei weitere Personen auf dem Bahnsteig: ein Flaschensammler und eine Frau mit zerzausten Haaren, die mit sich selbst spricht. Ob sie sich durch die Videoüberwachung sicherer fühlt, wenn sie alleine unterwegs ist? „Nein. Mich macht der Gedanke an mehr Kontrolle eher nervös“, sagt sie. „Es ist doch immer etwas los und ich denke, dass mir Menschen im Notfall viel mehr helfen.“ Sie würde lieber mehr Aufsichtspersonal sehen. So wie am Potsdamer Platz.

Dort läuft momentan ein Pilotprojekt der Berliner Verkehrsbetriebe, bei dem Bahnmitarbeiter, die nicht mehr fahrtüchtig sind, verstärkt Präsenz zeigen, Fragen der Fahrgäste beantworten und im Notfall die Polizei rufen sollen. „Für das subjektive Sicherheitsgefühl ist Personal sicherlich ein wichtiger Faktor. Aber sie können aus Kostengründen nicht hinter jeder Säule stehen“, sagt ein BVG-Sprecher. Sollte sich der Versuch allerdings bewähren, werden die Betriebe die Aufsicht an den Bahnhöfen wieder ausbauen. Wie sinnvoll das sein kann, zeigt ein Beispiel dieser Nacht.

Kontrolleure für das gute Gefühl

Am Görlitzer Bahnhof steigen sechs Jugendliche in die U1, um zur Warschauer Straße zu kommen und in der Diskothek „Matrix“ zu feiern. „Und was ist, wenn wir nicht reinkommen?“, fragt einer von ihnen und dreht sein goldenes Kreuzkettchen um den Finger. „Alter, dann kriegen die eben auch ein Messer an den Hals“, sagt sein Kumpel und erzählt von einem Streit vor dem Club „Magdalena“. Dort wollten die Türsteher vier Männer vor kurzem nicht in den Club hineinlassen, woraufhin einer von ihnen ein Messer zückte und einen der Aufseher schwer verletzte. Während die Jungs in der U-Bahn darüber lachen, sieht ein schmächtiger Junge zu ihnen hinüber. „Is’ was?“, hallt es durch das Abteil. Keine Reaktion. „Du, ich hab dich was gefragt!“ An der nächsten Station steigt der Junge schnell aus dem Wagen. Einer der aufgekratzten Jugendlichen will hinterher, da sieht er zwei Männer. In Uniform.

Für den Fahrgastverband Igeb sind Kontrolleure in Berlin unverzichtbar, um den Menschen ein gutes Gefühl zu geben. „Kameras erleichtern die Polizeiarbeit und schrecken Täter vielleicht ab. Menschen vor Ort zählen aber viel mehr“, erklärt ein Sprecher und vertritt damit die Position der S-Bahn, die nach eigener Angabe auf Personalpräsenz statt Kameraüberwachung setzt. Konkret bedeute das 500 Mitarbeiter an 166 Stationen. Bei dem Jugendlichen auf dem Weg zum Matrix müssen die zwei Sicherheitsmänner noch nicht einmal eingreifen. „Ich krieg’ dich, du Spast“, ruft der Jugendliche und geht dann zurück zu seinen Freunden. Der mit dem Kreuzkettchen fragt wieder: „Was machen wir jetzt wirklich, wenn wir nicht reinkommen?“ Max: „Dann gehen wir halt zu McDonalds.“

An der Warschauer Straße wummern Techno-Beats über die Spree. Ansonsten ist es an der S-Bahnstation ruhig. Nur zwei Frauen unterhalten sich. Sie sind schick angezogen und ziehen an extra langen Zigaretten. Als der Ton der S-Bahn ertönt, betreten sie die Bahn und fahren gemeinsam bis zum Alexanderplatz. Eine der Frauen steigt dort mit ihren schwarzen Stöckelschuhen aus, winkt noch einmal zum Abschied und hört ihre Freundin sagen: „Pass auf dich auf.“

Zunächst scheint niemand die große, blonde Frau wahrzunehmen. Nicht das Pärchen, das sich küsst, oder die zwei bärtigen Männer, die auf einer Bank murmelnd ihre Münzen zählen. Auch nicht das Mädchen mit den dicken Kopfhörern am Bahnsteig. Trotzdem bindet sich die elegante Unbekannte ihr mit Pailletten besticktes Jäckchen fest um den Bauch und schaut ständig auf die Anzeigetafel. Die Blicke von der Seite scheinen sie zu beunruhigen. Sie kommen von einem Mann mit schwarzen Haaren, schwarzem Tanktop und einem schwarzen Tattoo am Arm. Er starrt die Blondine mit den knallroten Lippen lange an und zieht dann etwas aus seinem Rucksack: einen Block, ein Radiergummi und drei Bleistifte. Kein Wort sagt er. Er zeichnet sie nur.

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