Berlin : Ghostwriting: Das Outing der Geisterschreiber

Thomas Loy

Thema Lampenfieber. Sehr heikel. "Das beginnt im Moment, wo der Auftrag ergeht: "Halte doch mal eine Rede über dies oder jenes." Hans-Olaf Henkel, BDI-Präsident, hat das selbst oft genug durchlitten. Jetzt weiß er, wie das mit dem Reden funktioniert. Pointen und Gags! "Der typische Vorstand trennt sich eher von seiner Frau als von seinem Manuskript." Das sitzt.

Clemens Bollinger, Redenschreiber, lacht in der zweiten Reihe mit. Das lenkt ab. In genau drei Stunden und 30 Minuten muss er selbst eine Rede halten. Die Beine zucken schon, die Finger verknoten sich. Da ist einiges zu toppen. Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher lag das Auditorium bereits zu Füßen. Zitat Reuter, Zitat Kennedy, Zitat Gorbatschow. Dann ist er drin. Pointen und Gags! Zum Beispiel die Geschichte mit der fünfstündigen Rede eines Generalsekretärs der KPdSU. Während der Rede enttarnt der Geheimdienstchef einen Attentäter und liquidiert ihn. Wie er das gemacht habe? "Der Klassenfeind schläft nie." Zum Thema Lampenfieber fällt Genscher das Columbuserlebnis ein: Der Redner nimmt all seinen Mut zusammen, fährt los. Die Frage ist bloß: Kommt er jemals an?

Bollinger nestelt umständlich den Kuli aus der Brillentasche des Jacketts, redigiert sein Manuskript, fügt ein, streicht durch. Die Charisma-Expertin zwei Plätze weiter notiert sich: "Herr Genscher sagt so schön, man müsse Hirn und Herz erreichen." Vor Genscher kam Parlamentspräsident Reinhard Führer mit eher mäßigem Redeerfolg. Führer gibt einen kurzen Abriss der Geschichte des Hauses samt Stadtteilführung durch das geschlossene Fenster. Ob das ein Redenschreiber verzapft hat, sagt er nicht. Er fordert allerdings Politikerkollegen auf, sich zu ihrem Redenschreiber zu bekennen.

Damit wäre die Autorenschaft geklärt. Raus aus der Anonymität! Deutschlands Redenschreiber trafen sich, um zu zeigen, dass es sie überhaupt gibt. Der "Ghostwriter" ist ein Mensch von Fleisch und Blut und verlangt einen gerechten Anteil vom Ruhm. Das Treffen sei eine "kleine Sensation", sagt Thilo von Trotha, Präsident des erst vor zwei Jahren gegründeten Verbandes der Redenschreiber. Man komme endlich heraus aus der Schmuddelecke. In den USA sei der Redenschreiber bereits ein Statussymbol, wie der Cadillac vor der 20-Zimmer-Villa.

"Die Arbeit dahinter wird nicht registriert", klagt auch Andreas Pohorely, ein in Erfurt gestrandeter Österreicher. Nicht dass er eitel wäre, aber beim Theater oder im Musikgeschäft sei schließlich auch klar, dass der Akteur seinen Text nicht selbst verbrochen hat. Der Redner sei nur der Interpret, das ausführende Organ des Gesamtkunstwerkes Rede, das der Schreibergenau vorgedacht hat. Hat er gute Arbeit geleistet, kann der Interpret "den Schauplatz als Sieger verlassen." Besonders wichtig: Fettnäpfchen vermeiden! Auch bei Henkel hörte Pohorely kleine Publikumsbeschimpfungen heraus. Welche, mag er nicht sagen. Redenschreiber sind diskret. Ihre Kundenkartei unterliegt der höchsten Geheimhaltungsstufe.

Dariush Baghernejad aus Darmstadt ist Redenschreiber für alle Fälle: Trauerfälle, Hochzeiten, Jubiläen, Kongresse. Ärzte, Anwälte, Steuerberater und Kommunalpolitiker zählen zu seinen Abnehmern. Von stockkonservativ bis linksliberal liefert er alles. Nur Reden für die NPD oder die Kampfhundelobby würde er ablehnen. Ein bisschen Identität hänge eben doch am Werk aus eigener Feder.

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