Berlin : Glaubensfragen

In Berlin sieht man vielerorts Spendenbüchsen mit einem Moschee-Logo. „Islamic Relief“ stellt sie auf. Der muslimische Verein gehört zur „Aktion Deutschland hilft“ – im Team mit christlichen Organisationen.

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Sie gehören ganz selbstverständlich zum Inventar: In vielen Geschäften in Kreuzberg und Neukölln stehen Spendendosen, auf denen eine Moschee mit zwei Minaretten abgebildet ist – das Symbol der muslimischen Hilfsorganisation „Islamic Relief“. Die Besitzer der Läden sind meist selbst Muslime. Ebenso die meisten, die Geld hineinwerfen. Für den christlichen deutschen Durchschnittsspender, der sich an Caritas oder Johanniter hält, wirkt das alles sehr fremd. Was ist diese islamische „Fürsorge“, wie man „Relief“ übersetzen könnte, überhaupt?

Antworten darauf findet man an der Gitschiner Straße in Kreuzberg, in einem erstaunlich geräumigen Ladenlokal. An der Fassade hängt das Moschee-Symbol, das man schon von den Dosen kennt. Im Vorderraum sitzt ein junger Mann hinter einem Tresen. Hier kommen ständig Besucher vorbei und geben Spenden ab. „Manchmal bringen Kinder ihre Spardosen voller Cent-Stücke. Die sind dann immer so glücklich, dass auch sie helfen können“, sagt Sevgi Kulanoglu, Büroleiterin der Berliner Niederlassung von Islamic Relief. Bei dem Gedanken an die Kinder wirkt sie selbst ganz glücklich.

„Die Spendendosen sind eher ein kleines Projekt. Unser Schwerpunkt liegt darin, Veranstaltungen zu organisieren und dabei Spenden zu sammeln“, sagt die 34-Jährige, die Tourismuswirtschaft studiert hat. Zum Beispiel das Sport- und Familienfest Muslim Cup oder gerade eine Ausstellung ägyptischer Glaslaternen im Haus – mit Bastel- und Vorleseprogramm für Kinder. Es gehe etwa darum, muslimischen Kindern beizubringen, dass es in ihrer Religion wichtig ist, Bedürftigen zu helfen. „Das Zakat, die Pflichtspende, ist eine der fünf Säulen des Islam“, sagt Nuri Köseli, Sprecher des Vereins Islamic Relief Deutschland, der aus dem Hauptsitz der Organisation in Köln angereist ist. Wie seine Kollegin Kulanoglu ist er in Deutschland geboren, hat türkische Wurzeln.

Kürzlich waren christliche Theologie-Studenten bei Büroleiterin Kulanoglu, um sich über ihre Arbeit zu erkundigen: „Wie viele andere Leute wollten sie wissen, ob wir eigentlich nur Muslimen helfen“, sagt sie: „Wir haben zwar eine islamische Motivation, aber wir helfen allen, unabhängig vom Glauben.“ Und zwar mit Not- und Soforthilfe sowie Entwicklungsprojekten in 28 Ländern – in Afrika, Asien, Europa und Nahost. Darunter sind zwar viele Staaten, die muslimisch geprägt sind. In Libyen etwa waren sie die ersten, die helfen konnten. Aber auch im katholischen Haiti packten sie schon mit an.

Gegründet wurde Islamic Relief Worldwide 1984 in Birmingham als Reaktion auf eine Hungersnot in Äthiopien. In Afrika sind sie noch heute besonders aktiv – und als Berater bei den Vereinten Nationen und Partner des Amtes für humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission. Seit 1997 gibt es das Büro in Berlin. „Hier bekommen wir leider gar keine Bewerbungen von Nichtmuslimen, wenn wir eine Stelle öffentlich ausschreiben“, sagt Büroleiterin Kulanoglu, die vier Mitarbeiter hat – mit Wurzeln in Ländern wie Polen oder Tschetschenien. Ebenso international sind die rund 100 Ehrenamtlichen, die etwa das muslimische Sorgentelefon des Vereins betreuen. In London hingegen arbeiteten auch viele Christen für die Organisation, sagt Köseli.

Dass Islamic Relief seriös und ohne Ansehen der Religion hilft, davon ist auch Maria Rüther, Sprecherin des Spendenbündnisses „Aktion Deutschland hilft“ überzeugt. Schließlich hat Islamic Relief den Verhaltenskodex des Internationalen Roten Kreuzes unterzeichnet, sowie den der NGOs für Katastrophenhilfe. Zu „Aktion Deutschland hilft“ gehören etwa die christlich geprägten Organisationen Johanniter und Malteser oder der Verein ADRA Deutschland, Teil der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten. Aber auch solche ohne religiösen Hintergrund wie die AWO International oder der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) sind dabei.

Seit 2010 ist Islamic Relief Gastmitglied. „Vollwertige Mitglieder müssen auch im Koordinierungsausschuss humanitäre Hilfe des Auswärtigen Amts sitzen“, sagt Rüther. Dort wolle man langfristig auch Mitglied werden, sagt Köseli.

„Besonders nach dem letzten Erdbeben in der Türkei funktionierte die Zusammenarbeit“, sagt Rüther. „Es war hilfreich, dass wir uns an Islamic Relief wenden konnten, die dort gut vernetzt sind.“ In den Ländern, in denen sie helfen, würden sie oft als Deutsche wahrgenommen, sagt Nuri Köseli. „Von uns aus sprechen wir nicht über Religion.“ Dabei gehört das Thema zum Alltag von Spenden- und Hilfsorganisationen: „Es ist seit Jahrhunderten normal, dass Karitatives mit Religion eng verknüpft ist, bei allen Weltreligionen“, sagt Burkhard Wilke, vom Deutschen Zentralinstitut für Soziale Fragen (DZI), das ein Spenden-Siegel vergibt. Kritisch werde es, wenn Organisationen einen missionarischen Anspruch verschleierten und stattdessen mit dem karitativen Aspekt werben: „Die Spender müssen wissen, worauf sie sich einlassen.“

Islamic Relief sei seines Wissens aber eine Organisation, deren Profil eindeutig karitativ sei. Und: „Sie bemühen sich deutlich um Vernetzung und Austausch mit anderen Organisationen in Deutschland.“ Und um Transparenz. Sie seien unter islamischen Spendenorganisationen eine rühmliche Ausnahme, sagt Wilke. „Es gibt eine große Szene, vor allem in Berlin, die überall Spendendosen aufstellt.“ Meist seien das Moscheevereine, über die selbst Experten wie er kaum etwas wissen.

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