"Gotteslästerliche Bude" : Streit um die Garnisonkirche in Potsdam

Evangelische Christen streiten sich um den Wiederaufbau der Garnisonkirche. Dabei fielen bei einer Tagung der Martin-Niemöller-Stiftung scharfe Worte.

Holger Catenhusen, Peer Straube
Nur noch Fragment. Das erhaltene Eingangstor der ehemaligen Potsdamer Garnisonkirche.
Nur noch Fragment. Das erhaltene Eingangstor der ehemaligen Potsdamer Garnisonkirche.Foto: dpa

Im Streit um den Wiederaufbau der Garnisonkirche verschärft sich jetzt auch der Ton zwischen Befürwortern und Gegnern innerhalb der evangelischen Kirche. Anlass ist eine Tagung am vergangenen Wochenende in Potsdam, die die kirchennahe Martin-Niemöller-Stiftung gemeinsam mit der Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ und der Französisch-Reformierten Gemeinde organisiert hatte. Bei diesem Treffen wurde das Wiederaufbauprojekt in teils polemischer Form kritisiert. Die Initiatoren der Garnisonkirchen-Stiftung waren nicht eingeladen, was wiederum dort für starke Verstimmung sorgte.

Es sei ihm unbegreiflich, wie man sich mit der Garnisonkirche beschäftigen und dazu eigens nach Potsdam reisen könne, ohne sich das Projekt von jenen erklären zu lassen, die es vorantreiben, kritisierte Alt-Bischof Wolfgang Huber, der Kuratoriumsvorsitzende der Garnisonkirchen-Stiftung. Und Wieland Eschenburg vom Vorstand der Garnisonkirchen-Stiftung rügte, das Vorgehen sei „demokratietechnisch stark zu hinterfragen“.

Die innerkirchlichen Gegner des Wiederaufbaus nahmen das Vorhaben auf der Tagung schwer unter Beschuss. „Warum sollte diese gotteslästerliche Bude auferstehen?“, fragte der Journalist und „Zeit“-Autor Christoph Dieckmann am Sonntag in seiner mit mehr als 100 Menschen gut besuchten Predigt in der Französischen Kirche. Im Gegensatz zum Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche empfinde er es als „unwürdig und geschichtsvergessen“, eine „Kopie der Garnisonkirche“ zu errichten. Die Kirche in Potsdam sei als „Walhalla des preußischen Absolutismus“ entstanden. Ihr Auftraggeber Friedrich Wilhelm I. habe „die Armeen gezüchtet“, mit denen sein „Spross“ Friedrich II. schließlich europaweit „Leichenberge produziert“ habe.

Im Oktober soll der Bau beginnen

Für einen hoch problematischen Ort hält auch Matthias Grünzig die Garnisonkirche. Der Berliner Journalist hat gerade ein Buch vorgelegt, in dem er die Geschichte der Potsdamer Militärkirche im 20. Jahrhundert nachzeichnet. In seinem Werk „Für Deutschtum und Vaterland“ beschreibt Grünzig, wie politisch beladen die Geschichte des Gotteshauses sei.

Der Journalist sagte in seinem Vortrag, die Militärkirche an der Breiten Straße habe schon vor 1933 eine unrühmliche Rolle gespielt: „Die Potsdamer Garnisonkirche war mit dem Aufstieg des Rechtsextremismus in Deutschland auf das Engste verbunden.“ Seit der Weimarer Zeit hätten antidemokratische Gruppierungen das barocke Gotteshaus für ihre Veranstaltungen genutzt.

Auch für den Berliner Historiker Manfred Gailus ist der braune Geist eng mit der Garnisonkirche verbunden. „Derart lupenreine braune Kulthandlungen wie in der Garnisonkirche“ habe er nirgendwo sonst in Kirchengemeinden feststellen können, sagte er.

Der Potsdamer Kirchenexperte Andreas Kitschke wies hingegen die Darstellung, die Garnisonkirche sei vom braunen Geist geprägt, zurück. Andernorts in Potsdam habe es „weit schlimmere Predigten“ gegeben. Während der NS-Zeit seien die Nikolaikirche, die Friedenskirche und Gemeinde Neubabelsberg „von NSDAP-Genossen im Talar okkupiert worden. „Und diese Herren der ,Deutschen Christen’ beschwerten sich im Konsistorium über die ,Bekenntnisfrontler’ an der Garnisonkirche“, so Kitschke.

Am Ende der Tagung positionierten sich die die rund 60 Teilnehmer gegen den Wiederaufbau des einstigen Wahrzeichens der Stadt. Auch das im Turm geplante Versöhnungszentrum rechtfertige das Projekt nicht, sagte Martin Karg von der Niemöller-Stiftung.

Die Garnisonkirchen-Stiftung will im Oktober mit dem Bau beginnen. Unterstützt wird das Vorhaben unter anderem mit einer Zwölf-Millionen-Euro-Förderung vom Bund. Auch die evangelische Kirche hatte insgesamt fünf Millionen Euro an Krediten zur Verfügung gestellt.

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