Grabung an der Breiten Straße in Berlin-Mitte : Die Tassen aus dem Kaufhaus Hertzog

Archäologen haben an der Breiten Straße in Berlin Mitte Relikte eines fast vergessenen Handelsimperiums ausgegraben. Dessen Herrscher lieferte sich einst mit dem Kaiser einen Streit um die ersten Autokennzeichen.

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Berlin begibt sich auf Spurensuche:
Berlin begibt sich auf Spurensuche:Foto: Thilo Rückeis

Die Knöpfe gehörten mal zu den Uniformen der Angestellten im Warenhaus Hertzog. Die Tassen aus schlesischem Porzellan standen in den Schränken der hauseigenen Kantine. Ein Tintenfass aus der Schreibstube, Lampenschirme, ein Schlüsselbrett, Ofenkacheln. Ein bunter Gabentisch der Archäologie. Fragmente des ersten Berliner Kaufhausimperiums um die Familie Hertzog. Einst größer und mächtiger als die Wertheims und Tietzes. Aber im Gegensatz zu diesen fast völlig vergessen. An der Breiten Straße wird die Erinnerung an diese große Berliner Familie wieder ausgegraben.

Dort stand bis 2011 das DDR-Bauministerium. Nach dessen Abriss konnten die Archäologen die alten Kellergewölbe freilegen, darunter Reste einer Heißluftzentralheizung und die verrosteten Schließfächer des Kaufhaustresors. Rudolph Hertzog senior begann 1839 damit, eine ganze Häuserzeile an der Breiten Straße aufzukaufen und zu einem großen Kaufhaus samt Versandhandel umzubauen. Vor allem Teppiche, Möbel, Textilien und Stoffe bot Hertzog feil, im großen Stil. Er annoncierte seine Waren zu Festpreisen, eine unerhörte Neuerung, die in den Berliner Salons diskutiert wurde.

Ausgrabungen an der Breiten Straße in Berlin
Ein altes Opernglas.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: Thilo Rückeis
12.03.2013 16:24Ein altes Opernglas.

Vor dem Ersten Weltkrieg war Hertzogs Kaufhaus das umsatzstärkste Berlins, erzählt der Projektleiter der Grabung, Jörg Schümann. 2000 Angestellte kümmerten sich um die Kundschaft, den Versandhandel, der in Spitzenjahren 60 Güterzüge füllte, und eine Filiale in Swakopmund, damals Deutsch-Südwest.

Aus Hertzogs Vita ist eine skurrile Posse überliefert: Rudolph Hertzog junior kaufte sich das erste private Auto Berlins und ließ sich das Nummernschild IA-1 registrieren. Als der Kaiser davon hörte, schaffte er sich auch ein Privatauto an, wollte aber nicht die nachrangige Ziffer -2 akzeptieren. Wilhelm-Zwo klagte gegen Hertzog auf Herausgabe des IA-1-Nummernschildes, unterlag aber vor Gericht. Fortan fuhr Wilhelm einfach ohne Kennzeichen.

Hertzogs Gebäudeensemble umfasste fast das gesamte Karree zwischen Brüderstraße, Scharrenstraße und Neumannsgasse. Die vorhandenen Patrizierhäuser baute er nach seinen Vorstellungen um, ließ aber wertvolles Barockinterieur stehen. In der Weltwirtschaftskrise 1929 verlor Hertzog sein Vermögen, der Geschäftsbetrieb lief aber bis zum Kriegsende weiter. 1945 enteigneten ihn die Sowjets.

Das Kaufhaus war nur teilweise zerstört, wurde aber trotzdem in den Folgejahren abgerissen. Hertzogs Söhne wagten einen Neustart, scheiterten aber bald. Nördlich des Kaufhauses sind die Keller des 1760 erbauten Ermelerhauses freigelegt. Das Rokokopalais gehörte dem Tabakfabrikanten Wilhelm Ferdinand Ermeler. Entgegen der üblichen Berliner Praxis, Häuser nach Gebrauch abzureißen, sanierte Ermeler sein Palais. Seine Nachfahren verkauften es der Stadt, die daraus 1932 ein Museum machte. Das Palais stand aber der Hauptstadtplanung der DDR im Weg, deshalb wurde es 1967 abgetragen und als Replik am Märkischen Ufer wiederaufgebaut. Im Keller fanden die Archäologen Plastiken aus der Originalfassade und weitere wertvolle Sandsteinskulpturen , ein Überraschungsfund. Offenbar hatten die Ost-Berliner Museumskollegen vergessen, die Skulpturen zu bergen. Oder hatten sie kein Interesse?

Die Grabungsfunde werden nun wissenschaftlich bearbeitet, denn nicht alle erklären sich von selbst. Eine Steinkugel etwa, geeignet für eine mittelalterliche Steinschleuder. Was hat die im Kaufhauskeller verloren? Auch die Herkunft einiger Skulpturen ist unklar. Bis zum Sommer dürfen die Archäologen noch weitergraben. Auf dem Areal sind Neubauten geplant, mit Geschäftsräumen, Wohnungen und mehreren Innenhöfen. Teile der alten Gewölbe sollen in einem archäologischen Fenster sichtbar bleiben. Am Petriplatz ist noch eine alleinstehende historische Fassade des hertzogschen Kaufhauses erhalten – das wird der Hingucker des neu entstehenden Quartiers.

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