Berlin : Groß rausgekommen

Die Berliner Filmemacherin Edda Baumann-von Broen porträtiert in „Tall Girls“ hochgewachsene Frauen. Sie selbst ist 1,86 Meter.

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1,80 Meter als magische Grenze. Regisseurin Edda Baumann-von Broen (links) lässt in ihrem Film unter anderem Lieke Gouma, Lisa Blair und Arianne Cohen zu Wort kommen. Foto: Davids/Dominique Ecken
1,80 Meter als magische Grenze. Regisseurin Edda Baumann-von Broen (links) lässt in ihrem Film unter anderem Lieke Gouma, Lisa...Foto: DAVIDS

Es könnte so schön sein: Die Prinzessin streift durch den Zauberwald auf der Suche nach dem Prinzen. Da kommt er auch schon angeritten, lächelt sie an – und seine Augen wandern nach oben. Die Prinzessin ist viel größer als er, er kann sie nicht mal aufs Pferd heben! So stand das nicht im Märchen. Aber dies ist auch kein Märchen, sondern ein Zeichentrickfilm, der eine für große Mädchen sehr reale Geschichte erzählt. Edda Baumann-von Broen, selbst 1,86 Meter, eröffnet mit der kurzen Animation ihren Film „Tall Girls“, der am Donnerstag in die Kinos kommt.

Individuell will jeder sein. Aber nicht selbst darüber bestimmen zu können, sondern von Natur aus individuell zu sein, ist eine andere Sache. Häufig vergessen wir, wie sehr unsere scheinbar so aufgeklärte Welt noch von archaischen Denkweisen geprägt ist. Dazu gehört, dass Frauen nicht zu groß sein sollten. „Die magische Grenze liegt bei 1,80 Meter“, sagt Baumann-von Broen, „darüber hinaus gilt eine Frau als ungewöhnlich groß“. Es sind nur ein paar Zentimeter, aber sie können eine entscheidende Rolle im Leben eine Frau spielen, vor allem in der Pubertät. Wenn sich der Körper sowieso umstellt und zu all den Gefühlsverwirrungen auch noch hinzukommt, dass man überall heraussticht.

Edda Baumann-von Broen hat sich auf die Suche gemacht nach anderen großen Frauen, und sie ist fündig geworden, zum Beispiel bei Lea, die mit zwölf Jahren schon 1,84 Meter groß war und der man vorausgesagt hat, sie würde die 1,95 Meter erreichen. Sie ließ sich mit synthetischen Hormonen behandeln, um nicht noch größer zu werden – was eindrücklich zeigt, dass Großsein für die Betroffenen alles andere ist als eine Lappalie. Im Gegensatz zu Lea sind die New Yorker Models Michelle und Tiiu, die mit je 1,88 Meter die größten in ihrer Branche sind, bereits gefestigt und selbstbewusst. „Große Frauen sollten hohe Absätze tragen“, empfiehlt zum Beispiel Tiiu, „weil die Leute dann denken, es liegt an den Schuhen. Ohne Absätze sagen sie: Wow, und sie trägt nicht mal Absätze.“

Kleidung ist sowieso ein wichtiges Thema. Mal eben mit der Freundin bei H&M shoppen, das geht für große Mädchen nicht, weil Massenketten nicht die entsprechenden Größen anbieten. Da bleibt oft nur die Herrenabteilung. Und wie findet man einen Freund? „Die wirklich schwierige Zeit ist ja die Pubertät“, sagt Edda Baumann-von Broen. „Wenn die Mädchen anfangen, einen Freund zu suchen, sind sie schon 16 oder 17 und aus dem Gröbsten raus.“ Danach ist vieles möglich. Manche wollen unbedingt einen Freund, der noch größer ist als sie, während die Frauen im Film überwiegend kleinere Partner haben – die häufig selbstsicherer auftreten als andere Männer.

Edda Baumann-von Broen, 46, ist selbst in einer Kleinstadt bei Hannover aufgewachsen. „Als Kind habe ich noch nicht gespürt, dass ich anders bin, in unserer Familie sind alle groß“, erzählt sie. Spätestens mit dem Eintritt in die Schule änderte sich das. Immer ragte sie auf Klassenfotos heraus, im Kaufhaus hat einmal eine ganze Familie mit den Fingern auf sie gezeigt. „Was man in der Pubertät erlebt, ist lebensprägend“, sagt sie. Beruflich hatte ihre Größe aber Vorteile. „Ich galt automatisch als reif und verantwortungsbewusst – viel mehr, als ich tatsächlich war“, erzählt sie. Neun Jahre hat sie als Journalistin in New York gearbeitet, wo ihre Größe nie ein Problem war, weil die Bevölkerung dort so vielfältig ist, dass sie auch als große Frau nicht groß auffiel. Seit einigen Jahren lebt sie wieder in Deutschland, in Kreuzberg. Sie hat Fernsehformate wie „Talk 2000“ mit Christoph Schlingensief produziert und „Durch die Nacht“ für Arte entwickelt.

„Tall Girls“ ist ihr erster Kinofilm – und der erste, in dem es um ihre eigene Geschichte geht. Und um die ihrer Tochter Anna. Die ist mit elf Jahren schon 1,67 Meter groß – was letztlich der Auslöser für Baumann-von Broen war, diesen Film zu drehen. „Es tut sich was“, sagt sie zuversichtlich. Vor allem das Internet verändere vieles. Zum einen sozial, weil sich große Frauen besser vernetzen können, etwa auf der Facebook-Seite „Tall Girls – A Story Of Giants“. Zum anderen praktisch: Lange Hosen und Schuhe in den Größen 43-45 für Frauen gibt es vor allem online. Aber im Kopf muss noch manches geschehen. „Große Frauen sollten sich frei machen von den Idealen und Erwartungen anderer“, meint Edda Baumann-von Broen. „Und sie sollten sich nicht kleiner machen lassen, als sie sind.“

„Tall Girls“, ab Donnerstag im Babylon Mitte, Eiszeit und den Tilsiter Lichtspielen (Kino Zukunft), www.tallgirls-derfilm.de

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