Berlin : Großes Theater um den Ex-Terroristen Christian Klar

Das Praktikums-Angebot von BE-Intendant Peymann stößt auf Empörung. Andernorts arbeiten einstige RAF-Leute längst unbehelligt

Lars von Törne

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage hat der Umgang mit verurteilten RAF-Terroristen eine erregte Debatte ausgelöst. Nach der Empörung vor allem konservativer Kreise über eine Fotoausstellung mit Bildern von Eva Haule im Parlament erregt jetzt ein Praktikumsangebot des Berliner Ensembles für Christian Klar die Gemüter. CDU und FDP kritisierten das als „Geschmacklosigkeit“ und Verharmlosung des Terrorismus.

Christian Klar, der unter anderem wegen der Morde an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Bankier Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer seit 1982 im Gefängnis sitzt, war wie berichtet vom Intendanten des Berliner Ensembles (BE), Claus Peymann, ein Praktikum als Techniker angeboten worden – wenn er denn eines Tages in den offenen Vollzug komme. Die Initiative kam laut BE von Betreuern Klars. Der sitzt derzeit in Baden-Württemberg im Gefängnis und hat seine Verlegung nach Berlin beantragt. Die Entscheidung soll allerdings frühestens 2007 fallen.

Der Schärfe der Debatte tut dies keinen Abbruch. Peymanns Angebot sei „ein Schlag ins Gesicht der Opfer und der Angehörigen“, sagte der Geschäftsführer der CDU im Abgeordnetenhaus, Frank Henkel. FDP-Fraktionschef Martin Lindner spricht von einer „Pop-Artifizierung des deutschen Terrorismus“ und von einer „Mischung aus Geschäftemacherei und Wichtigtuerei“.

In der rot-roten Koalition sieht man das Praktikumsangebot mit gemischten Gefühlen. Grundsätzlich gelte für den früheren RAF-Mann das gleiche Recht wie für alle verurteilten Straftäter, sagen die Rechtspolitiker Klaus Lederer (PDS) und Fritz Felgentreu (SPD). „Aber wenn das Theater mit Klars Prominenz Politik macht und ihn dafür belohnt, was er damals getan hat, dann ist das hochproblematisch“, sagt Felgentreu. Grünen-Politiker Volker Ratzmann kritisiert die Debatte als „Sturm im Wasserglas“. Die Rückkehr in die Arbeitswelt sei für die Resozialisierung „das A und O“. Bei Klar stehe die Entscheidung aber in weiter Ferne.

Intendant Peymann war gestern nicht zu erreichen. Theatersprecherin Gaby Hofmann appellierte, Klar wie jeden anderen Mensch zu behandeln, der eine Chance auf Rückkehr in die Gesellschaft habe. „Wenn er helfen will, braucht Herr Peymann nicht nach Baden-Württemberg zu schauen“, entgegnete Wera Barth, Geschäftsführerin der Freien Hilfe, die bei der Resozialisierung von Strafgefangenen hilft. Ihr Verein betreut 2600 ehemalige oder noch einsitzende Gefangene, die meisten arbeitslos. „Von unseren Klienten hat Herr Peymann niemandem ein Praktikum angeboten“, sagt Wera Barth.

Im Grips-Theater versteht man die Aufregung nicht: Dort arbeitet seit 18 Jahren der frühere RAF-Terrorist Manfred Grashof – „ohne dass wir großen Wind gemacht hätten“, wie Grips-Chef Volker Ludwig mit einem Seitenhieb gegen Peymann sagt. Der verurteilte RAF-Mann Grashof kam als Freigänger zum Theater, später wurde er als Techniker eingestellt, sagt Ludwig. Inzwischen steht er sogar gelegentlich auf der Bühne: Im Erfolgsstück „Baden gehen“ spielt der einstige Terrorist einen Polizisten.

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