Berlin : Hängepartie für die Löwenbrücke

Im Tiergarten verfällt seit Jahren ein Stück Stadtgeschichte. Erst 2014 könnte ein Neubau möglich sein

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Brückenwächter. Die mächtigen Löwen gaben der Brücke mitten im Tiergarten ihren Namen. Eigentlich ist der Überweg gesperrt, doch hin und wieder wagen sich Neugierige auf den morschen Steg. Fotos: Thilo Rückeis
Brückenwächter. Die mächtigen Löwen gaben der Brücke mitten im Tiergarten ihren Namen. Eigentlich ist der Überweg gesperrt, doch...

Die Löwenbrücke im Tiergarten hat sich hinter Gestrüpp und wild wuchernden Bäumen versteckt. Sie ist von einem Bauzaun umstellt, man kann sie nicht benutzen. Nur Mutige, die auch ein wenig leichtsinnig sind, schieben den Zaun beiseite, laufen vorsichtig über die Holzbretter, knapp 18 Meter von einem Ufer zum anderen. Die Hängebrücke schwankt. Aber sie hält. Sie ist heute, da der Borsigsteg über die Spree und die Hugo-Preuß- Brücke am Humboldthafen den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden haben, die einzige Hängebrücke in Berlin. Laut Senatsverwaltung für Stadtentwicklung musste sie „aufgrund erheblicher Schäden“ für den Fußgänger- und Radverkehr gesperrt werden. Das war 2008.

Inzwischen sind mehr als drei Jahre vergangen, und besser ist nichts geworden an der ungewöhnlichen Brücke im stillen Tiergarten, zwischen der Straße des 17. Juni, der Hofjägerallee und dem Landwehrkanal – unweit vom Café am Neuen See. So mancher Besucher fragt sich, wann das kleine Prunkstück wieder seine eigentliche Funktion erfüllen kann. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung teilte dazu mit: „Der Neubau ist mit einem Baubeginn in 2014 in die Investitionsplanung des Landes angemeldet“. Angemeldet! Das heißt noch lange nicht, dass 2014 zügig gebaut wird.

Wie ist es überhaupt soweit gekommen? Die unter Denkmalschutz stehende Fußgängerbrücke wurde 1957 nach einer Teilzerstörung im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut. Bei der jüngsten Instandsetzungsplanung wurde festgestellt, dass die im Erdreich liegenden Bauteile der Seilverankerung aus den 50er Jahren nicht instandgesetzt wurden. Um die Tragfähigkeit der Seile prüfen zu können oder neue Seilverankerungen zu bauen, wäre der komplette Abbruch und Wiederaufbau der Postamente und Sockel erforderlich gewesen. Um diesen Aufwand zu vermeiden, sah die Instandsetzungsplanung Maßnahmen vor, bei denen anstelle des Holzgeländers ein Stahlfachwerkgeländer bei Versagen der Zugseile oder der Verankerung die Tragfunktion übernehmen und einen Einsturz verhindern sollte. Hierzu konnte jedoch kein Einvernehmen mit dem Landesdenkmalamt erzielt werden, so dass letztlich festgelegt wurde, die Brücke durch einen denkmalgerechten Brückenneubau nach historischem Vorbild zu ersetzen.

Also bleibt die Sache erst einmal liegen, und die Brücke rottet vor sich hin. Das Holz wird morsch. Ein Löwenkopf wurde brutal halbiert. Sprayer haben die Zehen der Löwen, die die Seile der Hängebrücke fest in ihren Mäulern halten, bunt bemalt. Auch eine kleine Tafel am Rande ist noch zu entziffern: „Die vier gusseisernen Löwen, modelliert in der Werkstatt von Christian Daniel Rauch, wurden 1838 bei August Borsig am Oranienburger Tor gegossen“. Es verkommt also nicht nur eine Attraktion des Tiergartens, sondern auch das kulturelle Erbe eines großen Bildhauers und eines berühmten Industriellen, weil sich zwei Dienstwege nicht zu kreuzen vermögen. Dafür wird aber demnächst auf vielseitigen Wunsch am Bauzaun eine Informationstafel installiert. Darauf heißt es: „Die 1838 nach dem Entwurf von Ludwig Ferdinand Hesse erbaute Löwenbrücke ist die älteste Hängebrücke Berlins. Sie ist – auch auf Grund des durch Christian Friedrich Tieck geschaffenen plastischen Schmuckes – ein herausragender baulicher Schwerpunkt innerhalb des Großen Tiergartens. Nach ihrer Teilzerstörung im 2. Weltkrieg wurde die Brücke im Jahr 1957 wiedererrichtet. Während die Löwenplastiken samt Sockelmauern und Widerlagern vergleichsweise geringe Kriegsschäden aufwiesen und demnach rekonstruiert werden konnten, erfolgten bei der Wiederherstellung der eigentlichen Brückenkonstruktion diverse Veränderungen gegenüber dem ursprünglichen Erscheinungsbild. Die Brücke musste aufgrund erheblicher Schäden für den Fuß- und Radverkehr gesperrt werden und wird voraussichtlich ab dem Jahr 2014 durch einen denkmalgerechten Brückenneubau nach historischem Vorbild ersetzt“. Vorsichtshalber verschweigt die Tafel ein Datum, wann man wieder über die Brücke schaukeln kann. Übrigens: Die neue Rügenbrücke im Norden bei Stralsund ist vom Festland bis auf die Insel genau 4100 Meter lang. Sie wurde zwischen 2004 und 2007 gebaut – in drei Jahren.

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