Hallervorden : "Der Spitzbart muss weg"

Dieter Hallervordens Attentatspläne auf Ulbricht passten in die fünfziger Jahre. Der "Dumme-Jungs-Plan" wurde dennoch nie verwirklicht.

Brigitte Grunert
Hallervorden
Der junge Dieter Hallervorden hatte verwegene Pläne. -Foto: Ullstein

BerlinWas bewog zwei aus dem Osten geflüchtete West-Berliner Studenten, in Attentatsplänen gegen Walter Ulbricht zu schwelgen? Wie kamen sie 1958 auf die Idee, den mächtigsten Mann der DDR aus einer fahrenden S-Bahn beim Tennisspiel an der Werner-Seelenbinder-Halle zu erschießen? Das Attentat unterblieb. Dieter Hallervorden und Kurt Eberhard endeten nicht als tragische Heroen, sondern machten sich als Kabarettist und als Psychotherapeut einen Namen.

Der „Dumme-Jungs-Plan" (Hallervorden) passte in den Zeitgeist. Manch einer in West und Ost wünschte den verhassten SED-Chef Ulbricht zum Teufel. "Der Spitzbart muss weg!“ war ein Schlachtruf, aber doch kein Aufruf zum Mord.

Der Kalte Krieg tobte, und in Berlin erlebte man ihn Tag für Tag hautnah. Berlin war antikommunistisch, antisowjetisch. Eine Ost-Tante spottete immer: "Bei uns darfst du nur I-A sagen wie ein Esel." In West-Berlin war der Freiheitskampf Ehrensache. Man wollte nicht "von Moskau geschluckt" werden. Die Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED 1946, der sich nur die SPD in der Viermächtestadt erfolgreich widersetzen konnte, war nicht vergessen, keiner der in den Sowjetsektor entführten und verschwundenen Menschen, die Blockade und das Drama der Spaltung der Stadtverwaltung 1948 nicht, nicht der Volksaufstand des 17. Juni 1953 im Osten.

Bei Freiheitskundgebungen, zu denen auch Ost-Berliner kamen, machte sich die Volksseele Luft. Doch als nach der Kundgebung anlässlich des Ungarn-Aufstandes 1956 Demonstranten zum Brandenburger Tor zogen, eilte Willy Brandt an die Spitze, um blutige Zusammenstöße "drüben" zu verhindern. Schließlich stimmte er "Einigkeit und Recht und Freiheit" an. Da sangen sie gerührt mit und gingen friedlich nach Hause.

In den fünfziger Jahren verband noch ein gemeinsames Lebensgefühl die West- und Ost-Berliner. Noch teilte keine Mauer die Stadt. Grenzgänger, die im Osten wohnten und im Westen arbeiteten oder umgekehrt, gehörten zum Alltag. An den westlichen Sektorengrenzen kauften Ostler ein, Schuhe, Kaffee, Schokolade, alles, was im Osten rar war, obwohl eine West-Mark durchschnittlich vier bis fünf Ost-Mark kostete. Der tägliche Wechselkurs war in den Rundfunknachrichten wichtiger als der Wetterbericht.

Etwa ein Drittel der West-Berliner Studenten kam "von drüben", auch Hallervorden und Eberhard. An einigen Gymnasien gab es Ost-Klassen mit etwas modifizierten Lehrplänen, man lernte Russisch weiter statt Englisch. Der Westteil der Stadt war voller Flüchtlinge, man zählte 74 Flüchtlingslager.

Die Politiker in Ost und West redeten natürlich nicht miteinander, sondern giftig übereinander. Als der Ost-Berliner Magistrat das Brandenburger Tor restaurieren ließ, war es für den Senat unvorstellbar, die Formen der Quadriga herauszurücken, er ließ aber ungefragt die neue Quadriga in der Gießerei Noack in Friedenau herstellen und am 1. August 1958 im Tieflader vor das Brandenburger Tor fahren. "Die andere Seite" zog sie im Dunkel der Nacht zu sich in den "demokratischen Sektor" herüber.

Im selben Jahr wurden in Ost-Berlin die Lebensmittelkarten abgeschafft. Hans Modrow, SED-Chef Ost-Berlins, kandidierte zur Abgeordnetenhauswahl in Tiergarten. Das Rathaus Schöneberg blieb dem späteren DDR-Ministerpräsidenten versperrt, die SED kam nur auf 1,9 Prozent der Stimmen. Zudem hatte das Chruschtschow-Ultimatum, West-Berlin zu einer "Freien Stadt" bei Kontrolle der Zugangswege durch die DDR zu machen, eine neue Berlin-Krise ausgelöst.

Im Bundestag saßen zwei Berliner SPD-Abgeordnete, die in Ost-Berlin wohnten: Margarete Berger-Heise von 1953 bis 1961 und der spätere Senator Kurt Neubauer von 1952 bis 1963. Neubauer wurde erst 1961 West-Berliner. Die Berliner SPD war bis zum 13. August 1961 ein einheitlicher Landesverband. Doch in der Sowjetzone beziehungsweise DDR wurden "sozialdemokratische Umtriebe" drakonisch bestraft. Alfred Lippschütz aus Nauen wurde deshalb 1948 von den Sowjets verhaftet und zu 25 Jahren verurteilt. 1956 kehrte er aus der UdSSR zurück. Später gehörte er dem Abgeordnetenhaus an. Man konnte schon auf verrückte Ideen kommen, als das Unnormale normal war.

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