Hanfparade 2015 in Berlin : Kiffen für die Politik

Tausende gingen am Sonnabend für die Legalisierung von Cannabis auf die Straße. Es ging um Lebensfreude, das "Recht auf Dröhnung" - und um medizinische Hilfe bei schweren Krankheiten.

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Kann es Sünde sein? Für die Teilnehmer der Hanfparade jedenfalls nicht. Ausgelassen feiern sie am Sonnabend im Herzen von Berlin.
Kann es Sünde sein? Für die Teilnehmer der Hanfparade jedenfalls nicht. Ausgelassen feiern sie am Sonnabend im Herzen von Berlin.Foto: dpa/Tim Brakemeier

Träge schiebt sich ein süßlich duftender Tross durch die Friedrichstraße. Schon von Weitem sieht man das Flimmern über dem Asphalt, hört die heitere Musik, sieht bunt bemalte Plakate und Spruchbanner: „Yes we CANnabis“, steht da, oder „Ein Hanf voll Respekt!“

Ein bisschen ist die Hanfparade, die sich am Samstagnachmittag mit ihren laut Polizei 8000 Teilnehmern durch Berlin schiebt wie ein großes Straßenfest. Alle sind sie gekommen: die Klischee-Kiffer mit langen Dreads und noch längeren bunten Gewändern, Techno-Fans, Rollstuhlfahrer und Skateboarder. Kinder und Eltern. Schwarze, weiße und vor allem rote Menschen, die gargekocht werden von der sengenden Sonne. Selten wird man als Journalist herzlicher empfangen als hier auf der Hanfparade.

Auferstehung der Liberalen

Auch wenn der kiffende Zug nicht gleich den Eindruck erweckt, ist es die wahrscheinlich politischste Parade, die Berlin in den vergangenen Monaten gesehen hat: Die Opposition hat mobilisiert, Grüne, Linke und Piraten lassen Reggae und Elektromusik von ihren Wagen dröhnen. Selbst eine Parteigruppierung die manch einer längst für ausgestorben hielt, kämpft an vorderster Front für die Legalisierung von Cannabis: Die jungen Liberalen. Frei nach dem Motto: In den Farben getrennt, in der Sache vereint.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht aber ein anderer: Steffen Geyer, ein Hippie mit knallrot gefärbten Rastas, die ihm bis über den Hintern reichen: „Solange besser möglich ist, ist gut nicht gut genug“, erklärt der Versammlungsleiter der Parade.

Er und seine Mitstreiter fordern die vollkommene Entkriminalisierung der Cannabis-Konsumenten. Endlich legale Coffeeshops, für die Kreuzbergs Grünen-Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann unlängst einen Antrag beim Bundesinstitut für Arzneimittel- und Medizinprodukte gestellt hat.

"Versöhnung mit der Welt"

„Keiner soll mehr Angst haben, sich als Kiffer zu outen“, fordert Geyer und versucht dabei ein wenig an die großen Bürgerrechtsbewegungen vor ihm, die Feministinnen und die Menschenrechtler, zu appellieren. „Kiffen ist für mich die Versöhnung mit der Welt“, kann er noch anmerken, bevor ihn schon wieder zwei Jugendliche anstubsen und um ein Selfie mit dem prominenten Chefaktivisten bitten.

Recht versöhnt mit der Welt sehen auch Justin,18, und Thomas,19, aus. Wie einst Jesus das Holzkreuz ziehen die beiden einen überdimensionalen Kreuzjoint durch die Straßen. Justin trägt eine zerrissene weiße Kutte und eine verspiegelte Sonnenbrille, hinter der sich rötliche zugequollene Äuglein verstecken: „Ich will mich nicht mehr verstecken, nicht mehr immer wegrennen vor der Polizei“, sagt der Jugendliche.

Für den Fall, dass das mit der Legalisierung nicht gleich klappen sollte, hatte er schon einen Plan entwickelt: „Eine Smartphone-App mit all den Orten, wo man ungestört einen buffen kann“. „Aber wir sind dann drauf gekommen, dass dann ja wirklich jeder drauf zugreifen könnte...“, sagt sein Kumpel Thomas resignierend.

Cannabis als Schmerzmittel

Nicht allen hier geht es nur um den Kampf für das Recht, sich legal die Birne zu vernebeln: Da ist die 40-Jährige Kati, deren Freundin Sabina gerade dabei ist, einen Joint für sie zu drehen. Kati sitzt im Rollstuhl. Vor vier Jahren hat der Arzt ihr CFS attestiert. Das Chronische Erschöpfungssyndrom, viel mehr die Umschreibung für eine Muskelkrankheit, die selbst Ärzte nicht wirklich erklären können. „Es interessiert mich, wann endlich die Legalisierung kommt“, sagt Kati. Seit Jahren konsumiert sie Cannabis gegen die Schmerzen. Der Sohn hatte ihr damals dazu geraten.

Sie wünscht sich nur eines: „Ich will endlich auch auf Gras zugreifen können, ohne mich ständig als Schmerzpatientin zu outen“.

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