Berlin : Hannelore Kaub (Geb. 1936)

Zeitungsartikel, Preise, Standing Ovations. Was will sie mehr?

Die Scheinwerfer im verzerrten Gesicht, der Schweiß auf der Stirn, die Anspannung im Körper. Sie läuft hin und her, ballt die Hände zu Fäusten, drischt mit ihren Texten auf die Ohren ihres Publikums. Doch so sehr sie auch wütet, sie registriert jedes Wispern im Publikum. Hört, wenn es im dunklen Zuschauerraum kichert, lacht, losprustet. So soll es sein. Oder wenn die Leute schweigen und ihre Witze verpuffen, hängen bleiben in den Dunstschwaden der Zigaretten. Eine Katastrophe.

Sie und die Bühne. Das ist eine Beziehung voller Hass und Liebe, Freude und Verbitterung. Das ist ein ständiger Kampf um Anerkennung, Sinnhaftigkeit und auch um Geld. Das eine geht nie ohne das andere, denn die Bühne ist Heimat, Lebenssinn und Arbeitsplatz. Wer so viel gibt und so viel zeigt, wem das alles so viel bedeutet, der macht sich verletzlich. Sie ist verletzlich. Und dann auch noch eine Frau in dieser Männerdomäne. Doppelt so gut müssen ihre Witze sein. Doppelt so hart ihre Ellbogen. Ellbogen, die sie gar nicht hat.

Wer sich ihre Erfolge ansieht, kann sagen, dass sie sich treu geblieben ist und dass sie diesen Kampf gewonnen hat. Zeitungsartikel, Preise, Standing Ovations, was will sie mehr? Viele der anderen großen Kabarettisten haben mit ihr gearbeitet, haben von ihr gelernt, haben Texte von ihr bekommen. Nur sie selbst kann sich so nicht sehen. Verloren hat sie, das war ihre Wahrheit. Vielleicht war es so. Vielleicht auch nicht.

Gestatten: Hannelore Kaub, politische Kabarettistin, auf der Jagd nach Politikern, Reichen und Mächtigen, allzeit bereit, sie mit ihren Pointen abzuschießen. 1959 beginnt ihre Laufbahn im linken Studentenkabarett „Das Bügelbrett“ in Heidelberg. Mit Witz, Schärfe und Schnelligkeit produziert sie einen Text nach dem anderen, übernimmt die Leitung, katapultiert das Kabarett aus der Studentenecke, zieht mit ihm nach Berlin um. 1963 die erste Sendung im NDR. Von 90 Minuten bleiben 47, der Rest zensiert. Ihre Programme tragen Titel wie „Millionen ,Bild‘-Leser fordern“ oder „Trotzdem … Rot ist die Hoffnung“. Hannelore quillt über vor Ideen, schreibt auch für andere Kabaretts, fürs „Kom(m)ödchen“, die „Lach- und Schießgesellschaft“. Auch für den „Scheibenwischer“ und für die Politsendung „Kennzeichen D“.

Sie liest vier Zeitungen am Tag. Immer auch die „Bild“; was der kleine Mann denkt, will sie wissen und redet mit ihm, freundet sich mit ihm an. Mit Pete zum Beispiel, Parkplatzwächter bei Kaiser’s. Dass sie dann auch noch umsonst parken darf, freut sie natürlich. Sie sammelt Themen, verschlagwortet sie, legt Ordner an. Auch als sie schon lange nicht mehr auf der Bühne steht, schreibt sie weiter. An Trump hätte sie sicher ihre Freude gehabt. Damals waren es Adenauer, der Vietnamkrieg, die Wiederaufrüstung, die Ostpolitik, die Umwelt. Der Papst geht auch immer. Kohl sowieso. Selbst für einen Postminister findet sie passende Worte: „Als die Götter die Hybris erfanden, haben sie an dich gedacht.“

Woher kommt ihre Wut? Hanno selbst erklärt sie sich mit einer Szene aus ihrer Kindheit. 1942, in Berlin ausgebombt, in Schlesien untergekommen. Schule. Alle Kinder sollten ausgekochte Knochen mitbringen und abgeben. Warum? Das weiß sie nicht mehr. An diesem Tag hatte keiner welche dabei. Der Lehrer tobte, schrie die Kinder an. Da meldete sich Hanno, wollte sich erklären. Der Lehrer zerrte sie aus der Bank, nannte sie eine Lügnerin und drosch mit dem Stock auf ihre Hände ein. Seitdem, da ist sich Hanno sicher, sind ihr Lügen und Ungerechtigkeiten verhasst. Dann ist da ihre Familie, in der sie sich als jüngere Tochter allein gelassen und unbeachtet fühlte. Ein kleinbürgerlicher Haushalt, ohne Bücher und ohne Liebe. Umso größer ihr Drängen nach Bildung, nach Intellektualität, ihr Hunger nach Anerkennung, nach Heimat. Ihre grundsätzliche Ehrlichkeit, die nicht nur ihre politischen Gegner verletzte.

Wer sie trifft, will sie kennenlernen, wer sie kennenlernt, will ihr unbedingt und sofort helfen. Ihre Wachheit, ihre klaren, hellen Augen. Der flinke Verstand, all das beeindruckt. Und immer gibt es ein Drama. Ob groß oder klein. Ein Unglück, einen Missstand, eine Ungerechtigkeit. Eine unglückliche Ehe mit einem kühlen Mann, ein schwerer Unfall und eine Tablettensucht, ein Haus mit Schulden. Dann Freunde, die ihr zur Seite stehen, die sie drängen, nicht aufzugeben, die sich dann irgendwann abwenden, weil es mit Hanno einfach zu anstrengend ist. Hanno, die aber auch zurückgeben will und deswegen ihren Freunden Texte schreibt, Gedichte und Lieder. Das war ihre Art, Danke zu sagen. Die Feste, die sie gibt. Die reich gedeckte Tafel. Die Reden, die sie hält.

1995 nimmt sie Abschied von der Bühne mit ihrem letzten eigenen Programm, aufgeführt im Berliner Kabarett „Die Distel“. Im November 2017 nimmt sie Abschied von ihrem Leben. Einsam stirbt sie. Wie genau, das wissen ihre Freunde nicht.

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