Berlin : Hans, Willy, Maria, Gertrud und Annchen †

Gerd Appenzeller

Alte Friedhöfe sind wie aus der Zeit genommene Landschaften. Die Trauer um die Toten, das Leid der Hinterbliebenen ist von Jahrzehnten, einem Jahrhundert gar, erst gelindert und dann allmählich ausgelöscht worden. Verlust spüren kann man nur beim Tod eines Menschen, den man kannte. Die Wenigen, die die alten Wege noch gehen, die jetzt noch an diesen Grabsteinen stehen bleiben, suchen keinen Namen, keinen lange verstorbenen Verwandten. Sie kommen vielleicht wegen der Ruhe, wegen des fühlbaren Stillstands. Sie lesen die Inschriften, wie in einem alten Buch, von dem sie nur den Einband sehen können, dessen Inhalt sich ihnen aber nicht erschließt, weil sie das Buch nicht öffnen können. Namen, Geburtsdaten, Sterbetag, Monat und Jahr, dies ja - aber das Schicksal dahinter, es ist dem Auge entzogen wie die Toten selbst, oder das, was von ihnen blieb. Der Mensch lebt nur so lange wie der letzte, der sich seiner erinnert.

Das Grabmal auf dem alten Hermsdorfer Friedhof an der Schulzendorfer Straße steht mit der rückwärtigen Seite zum Westwind. Es grenzt den Friedhof ab, seit mehr als hundert Jahren. Fünf Namen sind auf den drei schwarzen Steinplatten festgehalten, die im verputzten Mauerwerk verankert sind. Wohl ein altes Familiengrab, wie andere in der Reihe. Oft sind drei Generationen in einer Grabstätte vereint. Aber diese ist anders. Fünf Geschwister wurden hier begraben, 1897, 1902, 1906, 1908. Das letzte 1916. Da war es schon kein Kind mehr, gefallen, 21 Jahre. Vater und Mutter fanden ihr Grab an anderer Stelle. Ob auf diesem, ob auf einem anderen Friedhof? Keine Spur von ihnen, Erinnerung verweht. Hier liegen nur Hans, Willy, Maria, Gertrud und Annchen Albrecht. Annchen wurde zwei Monate alt, die Schwester Gertrud sieben, Maria neun, Hans zwölf. Willy war der Soldat.

Als Willy Albrecht 1894 geboren wurde, gehörte Hermsdorf noch nicht zu Berlin. Es hieß "Hermsdorf in der Mark" und hatte weniger als 1700 Einwohner. Fünf Jahre zuvor war der Bahnhof an der Nordbahn eingerichtet worden. Hermsdorf wuchs durch die Verbindung mit Berlin schnell, man rühmte seine gute Luft. Ausflugslokale entstanden, Stadtvillen wurden gebaut, anders als heute, im Raummaß der Landschaft. Aber Hermsdorf blieb noch länger, was es immer gewesen war - ein armes Dorf.

Das Familienregister der Evangelischen Kirche nennt als Berufe Landwirt und vor allem Arbeiter. Von denen gingen die meisten in die Tongruben und Ziegeleien, gelegen zwischen dem Dorf selbst, Lübars, Rosenthal und Dalldorf, dem heutigen Wittenau. Eine dreckige und feuchte Arbeit. Ärmliche Unterkünfte. Alte Fotos zeigen winzige Hütten. Es ist kein guter Ort für Kinder. 1890, in dem Jahr, in dem Gertrud Albrecht geboren wird, kommen in Hermsdorf 45 Kinder auf die Welt. Sieben von ihnen sterben vor dem ersten Geburtstag. In Willys Geburtsjahr, 1894, sind 55 Geburten in den Familienbüchern der Kirche verzeichnet. Für elf von ihnen ist das erste auch das letzte Lebensjahr. 1896 - Hans Albrecht kommt auf die Welt - sterben von 54 Kindern 13 im ersten Jahr. 1897, als Frau Albrecht mit Maria niederkommt, überleben von 62 Kindern 16 nicht die ersten zwölf Monate. Todesursachen sind immer wieder Krämpfe, Durchfall, Lungenentzündung und Diphtherie. Wer in den Herbst hinein geboren wird, hat besonders schlechte Chancen.

All das wissen wir aus den Büchern der Evangelischen Kirchengemeinde. Aber die Lebensdaten der Kinder kennen wir nur vom Grabstein. In den kirchlichen Unterlagen taucht der Name Albrecht nicht auf, nicht bei den Heiraten, nicht bei den Taufen, nicht bei den Beerdigungen. War es eine katholische Familie? Der Hermsdorfer Pfarrer Weinges von Maria Gnaden hat aus dieser Zeit keine Akten. Der erste katholische Geistliche nach der Reformation kam 1906 nach Hermsdorf. Und auch in St. Marien in der Residenzstraße und in St. Sebastian in Wedding, wo die Kirchenbücher aus dem Norden gesammelt werden, findet sich keine Spur der Hermsdorfer Familie Albrecht. Eine jüdische Familie? Das Archiv der Stiftung Neue Synagoge in der Oranienburger Straße findet zwar unter den Berliner Juden den Namen Albrecht, nicht aber in Hermsdorf. Und auch Willy, der 1916 Gefallene, ist im Verzeichnis der jüdischen Soldaten des Ersten Weltkrieges nicht zu finden. Das Archiv des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge verzeichnet unter dem Datum des 21. März 1916 ebenfalls keinen gestorbenen deutschen Soldaten dieses Namens.

Beim Standesamt Reinickendorf schließlich sind lediglich die Sterbedaten von Gertrud aus dem Jahre 1897 und von Maria aus dem Jahre 1906 in den alten Akten zu finden. Mehr nicht. Ob die Familie aus dem benachbarten Dalldorf oder Schulzendorf oder Lübars stammte? Ob die anderen Kinder dort starben und nur in Hermsdorf bestattet wurden? Es könnte sein.

Aber der Name des Vaters von Gertrud und Maria ist dann doch in den staatlichen Akten verzeichnet, und wir finden ihn unabhängig davon auch über ein altes Fernsprechbuch für Reinickendorf-Ost aus dem Jahre 1905. Es ist kein Landwirt, kein Arbeiter. Es ist der katholische Lehrer Christoph, nach anderen Unterlagen Christian Albrecht. Er wohnt in Hermsdorf und gründet dort im Jahr 1896, dem Geburtsjahr seines Sohnes Hans, eine private höhere Knabenschule, das Pädagogium, aus dem später das Hermsdorfer Gymnasium hervor ging. Er, heute fast vergessen, hat für die Entwicklung vom Dorf zur Vorstadt viel getan.

Wie werden Eltern mit dem Sterben ihrer fünf Kinder fertig? In einer Zeit, in der es noch keine Antibiotika gab, waren viele Krankheiten tödlich. Das Leid, das Elend und wohl auch der frühe Tod waren alltäglicher als heute. Doch obwohl der Lehrer Christoph Albrecht offenbar ein aufgeklärter Mann war, muss eine Wunde, muss der Schmerz geblieben sein - über das Unbegreifbare, dass nicht Kinder ihre Eltern begraben, sondern die Nachgeborenen zuerst sterben. Die Schulkinder, die tagtäglich um den Lehrer Albrecht herum waren, werden ihn und seine Frau immer wieder erinnert haben an die eigenen Kinder - und das Grab auf dem Hermsdorfer Friedhof, dass sie als Grabstätte von Hans, Willy, Maria, Gertrud und Annchen über ihren eigenen Tod hinaus erhalten ließen.

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