Berlin : Hartz IV – trotz Vollzeitstelle

Immer mehr Berliner verdienen so wenig, dass sie zusätzliche Hilfe vom Staat brauchen

Carolin Jenkner

Die Konjunktur springt an. In Berlin betrug das Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahr 1,9 Prozent. Die Arbeitslosenquote sinkt hier schneller als anderswo in der Republik. Vergangenes Jahr waren es noch 18,5 Prozent, nun sind es 16,3 Prozent. Gleichzeitig gibt es viele Menschen, die von ihrem sozialversicherungspflichtigen Job nicht leben können. Trotz 40-Stunden-Woche verdienen manche Beschäftigte so wenig, dass sie weiter Arbeitslosengeld II (ALG II) beziehen. Politiker nennen sie „Aufstocker“. Unter den Begriff fallen aber auch Beschäftigte, die Teilzeit arbeiten oder einem Minijob nachgehen. Die Agentur für Arbeit in Berlin hatte im April vergangenen Jahres 12 125 „Aufstocker“ registriert, deutschlandweit sind es nach Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit eine Million, 300 000 davon arbeiten in Vollzeit.

Diejenigen, die zuvor ALG II empfangen haben, arbeiten jetzt vor allem im Niedriglohnsektor. Wachpersonal, Reinigungskräfte und Zimmermädchen schuften nicht selten für zwei bis drei Euro brutto in der Stunde. Auch Friseure müssen mit kargen Löhnen auskommen. Da bleibt netto oft weniger übrig als mit Hartz IV: Wer ALG II bezieht, bekommt als Single 345 Euro im Monat, zusätzlich bezahlt der Staat Miete und Nebenkosten. Je nach Wohnung kommt ein Alleinstehender also in etwa auf 600 bis 700 Euro Förderung vom Staat.

Wer als Wachmann oder Zimmermädchen wenig verdient, kann weiterhin ALG II beziehen, um die Differenz auszugleichen. De facto existiert der Kombilohn, über den die Parteien noch streiten, schon längst. Die ehemals Arbeitslosen sind in den Arbeitsmarkt integriert und doch weiter hilfsbedürftig.

Reinhard Müller vom Jobcenter in Marzahn-Hellersdorf vermutet einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und „Aufstockern“: „Mit einer Verbesserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt wird auch die Zahl der Aufstocker zunehmen“, sagt er. Besonders betroffen sind Familien, in denen nur einer verdient oder beide Elternteile Teilzeit arbeiten. Der Regelsatz vom ALG II für eine dreiköpfige Familie liegt bei 828 Euro plus 510 Euro für Unterkunft und Heizung. Viele Familien kommen mit ihren Jobs nicht auf die Summe von 1338 Euro und sind weiter auf Hilfe vom Staat angewiesen.

Marion Drögsler, Vorstandsvorsitzende vom Landesverband Berlin des Arbeitslosenverbandes Deutschland, kennt die Probleme der Niedriglöhner: „Viele Wachleute arbeiten 200 Stunden im Monat und kommen trotzdem nicht über die Runden“, erzählt sie.

Einige Billigjobber suchen Hilfe in einer der zehn Einrichtungen, die ihr Verband in Berlin betreibt, um Arbeitslose zu unterstützen. Denn die Bürokratie für „Aufstocker“ ist genauso komplex wie für ALG-II-Empfänger, die keine Arbeit haben. Zu arbeiten lohne sich trotzdem, sagt Marion Drögsler. „Für das Selbstbewusstsein der Menschen ist es sehr wichtig, wieder einen Job zu haben“, sagt sie. „Und ich habe bei uns in den Projekten noch keinen getroffen, der nicht arbeiten will.“

Auch für die Ein-Euro-Jobs, die einst als Zwangsmaßnahme für „faule“ Arbeitslose gedacht waren, gebe es genug Freiwillige. Aber für diejenigen, die im Niedriglohnsektor arbeiten und ihre Familie davon nicht ernähren können, sei der Zustand eine große psychische Belastung, so Marion Drögsler.

Damit Niedriglöhner nicht vom Sozialsystem abhängig sind und sich selbst ernähren können, schlägt Marion Drögsler einen Mindestlohn vor. Ihr Verband fordert zehn Euro brutto.

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