Heidenauer Straße in Berlin : PR-Agentur überklebt Straßenschilder in Hellersdorf

Eine Mohammed-Hamidi-Straße? Immer noch besser als Heidenauer Straße, denkt sich Jung von Matt. Eine plakative Aktion - bis die Polizei kommt.

Büsra Delikaya
Original und Überarbeitung: Mitarbeiter einer Werbeagentur haben am Donnerstagmorgen Straßenschilder in Hellersdorf überklebt.
Original und Überarbeitung: Mitarbeiter einer Werbeagentur haben am Donnerstagmorgen Straßenschilder in Hellersdorf überklebt.Foto: Büsra Delikaya

Das Kratzen der Leiter auf dem Asphalt zerreißt die Stille im morgendlichen Hellersdorf. Janik Lindemann schiebt sie zum Straßenschild "Heidenauer Straße", steigt hoch, streckt sich und klebt einen Streifen, auf die schwarzen Buchstaben.

Als er fertig ist und absteigt, steht auf dem Schild: "Mohammed-Hamidi-Straße." Lindemann schiebt die Leiter weiter zum nächsten Schild und klebt einen anderen Namen auf.

Die Namen der Flüchtlinge haben er und seine Kollegen aus diversen Zeitungsberichten aufgeschnappt. An diesem Donnerstag um 7 Uhr morgens kleben sie sie auf die Schilder der Heidenauer Straße in Hellersdorf vor den roten Plattenbauten.

Von deren Balkons lugen währenddessen die ersten neugierigen Köpfe heraus. Eine ältere Frau im fünften Stock streckt feierlich ihren erhobenen Daumen der Truppe unten auf der Straße entgegen. Die sechs jungen Frauen und Männer stehen auf der Straße, die Arme verschränkt und die Hände in die Hüften gestützt, und betrachten ihr Werk. 

"Wir dachten, wir müssen was tun"

Mitarbeiter der Firma „Jung von Matt/Spree“, eine Werbeagentur mit Hauptsitz in Hamburg, haben die Aktion initiiert. Sie brachen an diesem Morgen mit zwei vollbepackten Autos zur Heidenauer Straße nahe dem U-Bahnhof Hellersdorf auf. Die Kreativagentur kooperiert mit dem gemeinnützigen Verein „Hellersdorf hilft“, der setzt sich seit Mitte letzen Jahres mit Aktionen und einer Bandbreite an koordinierten Hilfsangeboten für Flüchtlinge im Bezirk Marzahn-Hellersdorf ein.

Umbenennung in luftiger Höhe.
Umbenennung in luftiger Höhe.Foto: Büsra Delikaya

„Nach den ganzen Ereignissen der letzten Wochen und Monate, nicht zuletzt den Ausschreitungen am Wochenende in Heidenau, dachten wir, wir müssen was tun. ‚Hellersdorf hilft’ ist unser Partner und unser Kunde, und sie waren gleich hellauf begeistert“, sagt Christopher Hoehne, Creative Director der Agentur. Vertreter des Vereins waren allerdings nicht vor Ort. „Denen war das natürlich zu heikel, die haben ja auch hier ihren Sitz. Das ist ja eine Nazihochburg hier“, sagt Hoehne. Die Kameras der Agenturcrew halten die ganze Aktion fest.

Aus den Videoschnitten soll ein Film entstehen, den sie „fleißig spreaden“ möchten. Christopher Hoehne sagt: „Das ist eine gute Sache und eine gute Weise zu sagen: Deutschland ist mehr als Heidenau.“

Auf einmal biegt ein Polizeiauto um die Ecke

Stephan Jung, Pressesprecher des Vereins, betont in der heutigen Pressemitteilung die Positionierung von "Hellersdorf hilft" innerhalb der Flüchtlingsdebatte. „Schlagzeilen zu Übergriffen auf Flüchtlinge, Berichte über Brandanschläge auf Asylunterkünfte, Randale wie die in Heidenau dominieren zunehmend die Nachrichten“, so Jung. „Wir stehen an der Seite von Geflüchteten und kämpfen für ihre Menschenrechte.“

Einen Tag lang sollten die Namen der Flüchtlinge in der Straße hängen. Doch bereits nach wenigen Minuten bleiben Passanten stehen und beobachten das Geschehen. Ein älterer Herr zückte sein Telefon und ruft die Polizei. Wenig später biegt ein Auto mit Blaulicht um ein noch unberührtes Heidenauer-Straßen-Schild in die Jamal-Al-Schaar-Straße ein, um die Personalien der Aktionsträger aufzunehmen. „Nächstes Mal meldet ihr es einfach, bevor ihr so was macht.“, so der Polizeibeamte zu den Mitarbeitern.

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