Hells Angels und Bandidos : Overkill - geht es mit Berlins Rockern zu Ende?

Seit Jahren läuft in Berlin das, was viele einen „Rockerkrieg“ nennen. Da fliegen Handgranaten auf Clubhäuser, da lauern Attentäter auf Rivalen. Nun wurde der harte Kern der Hells Angels angeklagt.

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Abmarsch? Die Berliner Hells Angels, zwei Rocker aus der Charter "Nomads" und "East District" bei einer Ausfahrt 2013, befinden sich in der Defensive.
Abmarsch? Die Berliner Hells Angels, zwei Rocker aus der Charter "Nomads" und "East District" bei einer Ausfahrt 2013, befinden...dpa

Ein nasser, dunkler Abend, kalt ist es auch, etwa fünf Grad. Vor einem Wettcafé in der Residenzstraße im Norden Berlins sammeln sich 25 Gestalten in Kapuzenjacken. Kurz vor Mitternacht dieses 10. Januar 2014 lösen sich aus der Gruppe 13 Männer, als Kolonne marschieren sie in das Wettcafé, einer nach dem anderen, vorbei am Tresen, den Spielautomaten, den staunenden Gästen, ins Hinterzimmer.

Dort sitzt Tahir Ö., Berliner Türke, 26 Jahre, vorbestraft. Auf den Bildern der Überwachungskamera ist nicht zu erkennen, was der beim Anblick der Phalanx unternimmt. Nur dass der erste Mann der Kolonne eine Waffe zieht, acht Mal abdrückt. Kugeln treffen Hauptschlagader und Herz. Seine schusssichere Weste hat Ö. nicht an, seine eigene Waffe nicht griffbereit. Ö. stirbt.

Der Angriff dauert wenige Sekunden, dann stürmen die 13 aus dem Laden. Einige von ihnen sind von den Schüssen selbst überrascht worden, reagieren irritiert, fast panisch. Das zeigen die Bilder der Überwachungskamera – und ein Kronzeuge aus der Kolonne wird es bestätigen. Wer sie sind, weiß die Polizei bald. Die Bilder, der Name des Toten – alles deutet auf die Hells Angels.

Elf Verdächtige werden festgenommen. Erstmals sitzt der harte Kern der härtesten Fraktion der Berliner Hells Angels in Untersuchungshaft. Vor ein paar Tagen wurde nun Anklage erhoben. Gegen die Männer auf dem Überwachungsfilm wegen Mordes. Und wegen Anstiftung zum Mord gegen zwei weitere.

Einer jener zwei Männer, ließ der Kronzeuge wissen, saß vor den Schüssen in einem Café in der Gerichtstraße. Dort, nahe dem Stadtbad Wedding, treffen sich freitags die Hells Angels. Und jener Mann, Kadir P., genießt selbst im Vergleich mit anderen Rockerbossen viel Autorität. An diesem Tag soll er, mit Blick auf Ö., gesagt haben: Präsenz zeigen!

Zwei Worte, ein Todesurteil?

Es ist nicht ganz klar, was es unter Rockern bedeuten soll, Präsenz zu zeigen. Eine Hinrichtung ? Oder sollte der Aufmarsch eine Drohgebärde sein? Und wenn es eine Hinrichtung war, wer sollte sie durchführen? Alle 13 Männer? Der spätere Schütze? Handelte der erste Mann der Kolonne im Auftrag – oder hat er einfach die Nerven verloren? Im Oktober beginnt der Prozess. Trotz der Bilder, trotz des Kronzeugen wird es nicht einfach. Bis Ostern 2015 soll verhandelt werden.

Seit zehn Jahren läuft in Berlin das, was viele einen „Rockerkrieg“ nennen. Da fliegen Handgranaten auf Clubhäuser der Konkurrenz, da lauern Attentäter auf Rivalen. Ermittlern zufolge ist Kadir P. in dieser Zeit zu einer zentralen Figur der Szene geworden. 50 Mal wurde gegen ihn ermittelt – im April ist er 30 geworden.

In der Untersuchungshaftanstalt in Moabit wird um P. so viel Aufwand betrieben wie um einen Topspion. Wenn er ins Gericht gebracht wird, dann immer mit Spezialeinsatzkommando (SEK). Wenn er mit seiner Frau spricht, dann stets durch eine Trennscheibe.

Warum musste Tahir Ö. sterben?

Welchen Grund könnte er gehabt haben, Tahir Ö. aus dem Weg räumen zu lassen?

Der Getötete verletzte Monate vor den tödlichen Schüssen einen Türsteher, der zu den Hells Angels gehören soll. Und Ö. provozierte Kadir P. auch in dessen Reinickendorfer und Weddinger Stammkiezen, posierte vor Jugendlichen, die ihn angesichts seiner Unerschrockenheit prompt mit Kadir P. verglichen. Schließlich soll P., so die Anklage, die Rockercrew zum Mord an dem Provokateur Ö. angestiftet haben.

Ob das mit dem Auftrag stimmt – und ob Kadir P. das so plump hätte anstellen lassen –, bezweifeln nicht nur seine Anwälte.

Doch darauf kommt es wohl nicht mehr an. Die Schüsse haben den Rockern mehr geschadet als die Razzien, die Sonderstaatsanwälte, das Verbot durch Innensenator Frank Henkel (CDU). Mit den Festnahmen könnte ein Kapitel Berliner Kriminalgeschichte zu Ende gehen.

Charmant sei der Hells-Angels-Boss

Der Größenwahn der Clique um Kadir P. hat den Verfolgungswillen der Behörden angeheizt. Nach den Schüssen im Wettcafé wähnen sich in der Justiz einige am Ziel. Es gibt ganze Dezernate an Fahndern, die Kadir P. im Knast sehen wollen. Selbst in Österreich und Dänemark kennen Beamte seinen Namen. Die Staatsanwaltschaft wird argumentieren, dass unter autoritären Charakteren eine Andeutung als Auftrag aufgefasst wird.

„Charmant“ sei Kadir P., sagt ein Justizbeamter. Charismatisch trifft es eher, oder: raumgreifend. P. wuchs als Sohn eines Osram-Arbeiters aus der Türkei in der Gegend am Gesundbrunnen auf. Als Jugendlicher schraubte er nicht an seinem Motorrad, sondern baute sich sein Image auf. Kein Alkohol, dafür Boxtraining und strenger Blick.

Der erste schießt. Acht Kugeln werden auf Tahir Ö. abgegeben, und eine Überwachungskamera im Wett-Café zeichnet alles auf. So gut war die Beweislage in einem Rocker-Prozess wohl selten.
Der erste schießt. Acht Kugeln werden auf Tahir Ö. abgegeben, und eine Überwachungskamera im Wett-Café zeichnet alles auf. So gut...Screenshot: Tsp

Doch hatte 120-Kilo-Mann P. schweißtreibendes Training bald nicht mehr nötig. Er betrieb Bars, zuletzt an der Müllerstraße, von einigen bis heute Ku’damm des Nordens genannt. Und auch sonst lief’s: Frau, Kinder, 100 000-Euro-Autos.

Ein gutes Jahr vor den Schüssen auf Tahir Ö. besuchte P. an einem Dezembersamstag ein Boxturnier in Köpenick. Ein Angels-Sympathisant aus Cottbus stand im Ring. Die Luft in der Halle abgestanden, 500 brabbelnde Männer, Plastikbecher mit Bier in den Händen. Die Größen des Milieus kamen in Luxuswagen – verspätet, weil die Polizei die Zufahrtsstraßen kontrollierte. Wie Stars gingen die Rocker durch die Menge. Erkennbar an ihren schwarzen Lederwesten oder roten Pullovern, darauf der geflügelte Totenkopf. Teenager machten ehrfürchtig Platz. Kadir P. schien trotz seiner Masse zu schweben. Sein Biotop.

Zu seinem Biotop gehörten zu diesem Zeitpunkt drahtige Zivilbeamte, die an ihm klebten. Die Beamten guckten so, als würden sie gleich zum Schlagstock greifen. In jenen Monaten wurde Kadir P. fast täglich von ihnen gestoppt: das Auto auf Waffen durchsucht, Papiere überprüft, vielleicht ein blöder Spruch gemacht. Präsenz zeigen, Druck machen, nerven – es ist die erklärte Strategie der Fahnder, den Rockern die Grenzen zu zeigen. Und Kadir P. nervte das tatsächlich.

„Wieso hassen die mich so?“

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