Heute vor 25 Jahren : Eine Stasi-Ente als Sargnagel der DDR

In der DDR wurde eine Menthol-Zigarette berühmt, berüchtigt – und zuletzt belacht wie eine Kabarettnummer. Die Stasi-Erfindung für das "Neue Deutschland" erwies sich als Rohrkrepierer. Sie war einer der Sargnägel für die DDR – und sollte eigentlich ganz anderes bewirken.

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Alles Lüge. Die ND-Schlagzeile von 1989 ging auf die Stasi zurück.
Alles Lüge. Die ND-Schlagzeile von 1989 ging auf die Stasi zurück.Repro: Tsp

Im Jahre 1989, als die Bürger bockig wurden und flugs den aufrechten Gang erlernten, flohen täglich mehr Menschen über Ungarn in den Westen oder in bundesdeutsche Botschaften. „Genossen, wir müssen handeln!“, riefen sie im Zentralkomitee der SED und blickten hoffnungsvoll auf den Agitprop-Chef, der die Presse am Gängelband hielt: „Lass dir was einfallen.“ Am 21. September 1989 war es soweit: Das „Neue Deutschland“ (ND) titelte auf Seite 1: „Ich habe erlebt, wie BRD-Bürger ,gemacht’ werden.“ Unterzeile: „In den Fängen kaltblütiger berufsmäßiger Menschenhändler“. Klingt schon mal gut – zu gut, um wahr zu sein. „Nachtigall, ick hör dir trapsen“, sagte der Berliner, als er weiterlas: Der Mitropa-Koch Hartmut Ferworn erzählt, wie er in Budapest von einem jungen Mann „mit Leipziger Dialekt“ angesprochen, in eine Wohnung gelockt und dort mit einer präparierten Menthol-Zigarette betäubt wurde. „Sie schmeckte irgendwie komisch. Nach wenigen Minuten fielen mir die Augen zu und schwanden die Sinne.“

Als die Sinne wieder beisammen waren, fand sich das aromatisierte Entführungsopfer in einem Bus nach Wien wieder, zwischen lauter Landsleuten, die abgehauen waren. Er will gar nicht in den Westen, sondern wieder zurück, die DDR-Botschaft besorgt ihm einen Pass, er wird von zwei ND-Leuten interviewt. „Durch eine Dummheit bin ich in die von Bonn in Ungarn langfristig vorbereiteten Abwerbungen hineingeraten. Ich hatte in keinem Augenblick die Absicht, unser Land zu verlassen, denn ich bin der Meinung, dass es dafür überhaupt keinen Grund gibt.“ Also: Alle, die nicht der dämliche Rest sein wollten, und das waren mittlerweile -zig tausend, wurden irgendwie gekidnappt, betäubt, verschleppt – wer wird denn sonst unsere liebe DDR freiwillig verlassen? Das Volk saß auf dem Sofa und lachte bitter. So viel Blindheit und Ignoranz war selbst den Genossen zu blöd.

Was in Berlin von der DDR übrig blieb
Kleiner Exkurs ins Berliner Umland: Im Luftfahrtmuseum Finowfurt bei Eberswalde steht noch eine Lenin-Statue. Sie stand einst vor dem inzwischen abgerissenen Offizierscasino der russischen Streitkräfte in Eberswalde. Es war am 8. Mai 1975 feierlich enthüllt worden.Weitere Bilder anzeigen
1 von 158Foto: Jürgen Ritter/Imago
30.08.2017 08:37Kleiner Exkurs ins Berliner Umland: Im Luftfahrtmuseum Finowfurt bei Eberswalde steht noch eine Lenin-Statue. Sie stand einst vor...

Am 3. November 1989, einen Tag vor der großen Demo für Pressefreiheit auf dem Alex, schrieb das ND von einer „nachhaltigen kritischen Reaktion bei unseren Lesern“. Die Redaktion bekam zahlreiche Zuschriften, in denen die Darstellung bezweifelt wurde, „weil der Fall untypisch für den Weggang zahlreicher DDR-Bürger sei. Wir müssen diese Kritik mit dem heutigen Erkenntnisstand akzeptieren und bedauern deshalb die Veröffentlichung“. 20 000 DDR-Menschen wollten damals über Ungarn wegmachen. Alle mentholisiert-chloroformiert?

Anfang Januar 1990 recherchiert das DDR-Fernsehen die Menthol-Story, und siehe: Erstunken und erlogen. Der Mitropa-Mann war wirklich in Wien und kam aus freien Stücken zurück. Hier wurde er von der Stasi unter Strafandrohung „als Wiedergutmachung“ zu seinem Gang zum ND genötigt. „Das ist eine für alle wahrlich bittere Geschichte“, schreibt das Blatt am 5. Januar 1990 und entschuldigt sich „für das Leid, das den Eltern aus der Verdächtigung ihres Sohnes als Schlepper erwuchs“. Es sei „für eine Zeitung alles andere als angenehm, bekennen zu müssen, dass sie eine Tartarenmeldung veröffentlicht hat“.

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