Berlin : Horror aus Berlin

FILMMARKT Eine kleine Produktionsfirma sucht für ihr neues Werk „Urban Explorer“ Interessenten

von
Gruseln garantiert. In „Urban Explorer“ zeigt Max Riemelt (vorn) ausländischen Touristen den 1990 entdeckten, heute unzugänglichen Unterstand der Fahrbereitschaft
Gruseln garantiert. In „Urban Explorer“ zeigt Max Riemelt (vorn) ausländischen Touristen den 1990 entdeckten, heute unzugänglichen...

„SOS-Notruf – hier drücken!“ Zu spät. Hell spritzt das Blut über Schrift und Knopf. Niemand kann hier noch zu Hilfe eilen, und wer weiß, ob die Leitung nicht längst tot ist wie fast alles hier im Untergrund. Ob nicht ohnehin schon bald niemandem mehr zu helfen ist in diesen gespenstischen Katakomben, gefüllt mit dem Schutt der Berliner Geschichte.

Der Ausflug in die Unterwelten der ehemaligen Reichshauptstadt ist blutiger Ernst geworden für die vier abenteuerlustigen Berlin-Besucher. Ach, wenn’s uns doch gruselte, so haben sie sich wohl gesagt, und Kris (Max Riemelt), Führer durch die verbotenen Zonen der Stadt, hat sie nicht enttäuscht. Den ultimativen Kick hatte er versprochen: den Fahrerbunker, Unterschlupf der dem Führerbunker zugeordneten Fahrbereitschaft. Dokumente mit SS-Siegel konnte er ihnen vorführen, Wandmalereien, die deutsches Herrenmenschentum glorifizierten – dann war er in einen Abgrund gestürzt, liegt nun hilflos in der Tiefe, ahnungslos, welche Schreckensgestalt sich bald schon nähern wird.

Berlinale – das ist auch der European Film Market im Gropius-Bau, Kontakthof für Filmhändler, Verleiher, Produzenten – und für Oliver Thau und Dorota Budner. Vor fünf Jahren gründeten sie in Schöneberg die Produktionsfirma „Papermoon Films“, zeigten nun ihr zweites Projekt „Urban Explorers“, eine Mischung aus Thriller und Horror, im Cinemaxx.

„Wir sind eine kleine Kampfeinheit, die sich bei Produktionen aufpustet und danach wieder in Winterschlaf fallen kann“ – so umschreibt der 50-jährige Oliver Thau die Firma. Sie sei klein, verfüge aber über ein gutes Netzwerk, eine Folge seiner früheren Arbeit als Einkäufer bei einem großen, in der Insolvenz verschwundenen Verleih und der Verbindungen, die Dorota Budner, ursprünglich Kostümbildnerin, mitbrachte. Sein Bruder leitet die Münchner Drehbuchwerkstatt, kann Kontakt zu Talenten herstellen, kennt zudem den Produzenten Nico Hoffmann, Dozent an der Filmhochschule Ludwigsburg, der Jungregisseur und -kameramann Andy Fetscher empfahl.

Ein Genrefilm sollte es sein, ein Projekt mit kalkulierbarem Risiko, wie Thau erzählt: Meist laufe das recht gut, die Dramaturgie sei nicht allzu kompliziert, ein paar Grundregeln einhalten, schon habe man ein passables Drehbuch. Und für Jungregisseure habe sich solch ein Einstieg schon oft als hilfreich erwiesen. In Berlin sollte der Film spielen, das ziehe immer, mit interkontinentaler Schauspieltruppe, um unterschiedliche Märkte anzusprechen, dazu als Handlungsrahmen „Urban Exploration“, die oft nicht ganz legale Erkundung vergessener Orte. Der NS-Hintergrund schließlich versprach dem Stoff besonders in den USA und Großbritannien eine Extraportion Aufmerksamkeit – beim Hakenkreuz gilt dort Gruseln als garantiert.

Fehlte nur noch Geld, drei Millionen Euro, die Thau in den USA auftrieb, vermittelt über die Little Film Company in Los Angeles, die für „Urban Explorer“ den Weltvertrieb übernommen hat – noch so ein Kontakt aus alten Verleihzeiten. Mit preiswerten Nachwuchskräften aus Übersee, darunter auch den USA, wurde die übersichtliche Schauspieltruppe zusammengestellt, dazu kamen aus Deutschland Max Riemelt als Unterwelt-Führer und als Bösewicht Klaus Stiglmeier, der Einzige, der im Film deutsch spricht, die anderen parlieren englisch – auch damit, hofft Thau, sei das internationale Zielpublikum leichter zu erreichen. Zwischen 16 und 28 Jahre ist es alt, meist männlich, dank Internet eine über die Kontinente hinweg sich immer stärker angleichende Gruppe.

Gedreht wurde 2009, mit vier handlichen Kameras, eigentlich für Fotos gedacht, doch waren mit entsprechenden Speichermedien Filmsequenzen bis zu zwölf Minuten möglich – allerdings gab es hinterher unerwartet große, nur mit Computerhilfe lösbare Probleme, das Material kinofähig zu machen. Leichter war es da schon, finstere Drehorte in Berlin zu finden und die Nazi-Bilder des Fahrerbunkers von zwei Fassadenmalern kopieren zu lassen. Aber nun ist der Film fertig, jahrelange Arbeit für anderthalb Stunden Horror in den Kellern Berlins, blutiger Schrecken im Dunkeln, von Taschenlampen nur notdürftig erleuchtet, von Schreckensschreien durchdrungen. Ob ein Verleih in die Kinovermarktung investiert oder es beim DVD-Geschäft belässt – man wird sehen. Andreas Conrad

Vier Touristen dringen in

Hitlers Fahrerbunker ein – und für sie beginnt ein Alptraum

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar